Neue Sammlung der merkwürdigsten Reisegeschichten, insonderheit der bewährtesten Nachrichten von den Ländern und Völkern des ganzen Erdkreises; von einer Gesellschaft gelehrter Leute in einen geographischen und historischen Zusammenhang gebracht …
Frankfurt am Main 1748: Gebrüder van Düren
Da im übrigen die Reise- umd Weltbeschreibungen einen der wichtigsten Theil der Historie ausmachen, so ist leicht zu schließen, wie viel Vortheile daraus auf das menschliche Leben überhaupt, und auf eines jeden Betragen insbesondere fließen. …
Die Kunst aber, Geschichten zu schreiben, ist von einem sehr weiten Umfang. Sie erfordert Leute, welche die Welt, und allerhand Menschen und Völker, kennen. Sie erfordert witzige und aufgeräumte Köpfe, welche nicht allein scharfsinnig denken, und eine Sache gründlich beurtheilen, sondern auch eine rührende Beredsamkeit besitzen, solche lebhaft abzuschildern, und nach aller ihrer Aehnlichkeit vorzustellen. Sie müssen dabey so redlich als vernünftig seyn, die Tugend lieben, und ihre Feder allein der Wahrheit heiligen. Sie müssen die Kräfte der Natur und die Eigenschaften der menschlichen Gemüther kennen, damit sie in ihren Erzählungen nichts großes übertreiben, und nichts kleines zu gering achten. Ihre Schreibart muß rein, natürlich, fließend und angenehm seyn: sie muß nichts mattes, nichts kriechendes, nichts gezwungenes und nichts schwülstiges haben: sie mus mit der Natur der Sachen übereinkommen, und bald gemein, bald edel, bald erhaben, bald scherzend, bald ernsthaft, bald eifrig und bewegend, bald gleichgültig und einfältig seyn; alles, nachdem es der Vortrag mit sich bringet. Durchgehends muß eine gewisse Deutlichkeit, und beliebte Anmuth herischen.
Die Gedanken müssen wohl zusammen hängen, die Wörter ausgesucht, nachdrücklich, stark, und in einer wohlklingenden Weise gesehet seyn; Doch ohne Zwang, ohne Gekünstel: denn die Natur leidet keine Zierrathen, sie ist selber schön genug. Insonderheit muß ein Geschichtschreiber sich befleißen, alles kurz zu fassen, und nicht viele Dinge zusammen in einen Absatz pressen. Nichts macht einen Vortrag dunkler und unangenehmer, als wenn man im Lesen bis auf den Schlusspunct, den Othem lang zuruck halten muß.
Unsere Canzeleyen haben diese Schreibart eingeführet: allein bey einem Geschichtschreiber ist sie unleidlich.
Ein rechtschaffener Reisebeschreiber hat alle obige Regeln um so genauer zu beobachten, weil dessen Nachrichten zu Urkunden anderer Geschichten werden. Man pflegt zu sagen: wer weither kommt, hat gut lügen. Ein falscher Bericht, der aus Unwissenheit, oder aus Nachlässigkeit, in eine Reisebeschreibung mit einfließet, ist der Schwachheit eines Reisenden beyzumessen: allein derjenige, der solchen aus Parteylichkeit, es sey in Ansehung der Religion, oder der Handlung, oder aus andern Absichten, misbrauchet, der kommt als ein Lügner und als ein Weltbetrüger in die Ewigkeit.
Ein Reisebeschreiber hat sich auch insonderheit, sowohl als ein Geschichtschreiber, in acht zu nehmen, das er seine Nachrichten nicht mit albern Dingen und unnützen Weitläuftigkeiten anfülle; wie man diesen Fehler in den meisten Reisebeschreibungen entdecket, wo der Leser öfters über die nichts bedeutende und kindische Dinge, welche die Verfasser von sich und ihren Begebenheiten, oder von solchen Sachen, die nur in ihre Geschäfte einschlagen vorbringen, verdrieslich wird. Es ist keine geringe Kunst, allhier nur allein das merkwürdige, das nützliche und das reizende anzubringen.
Doch ich verliere den Geschicht- und Reisebeschreiber, in dem ich ihn entwerfe. Wozu dienet diese Abschilderung? Sollen uns unsere Leser darnach prüfen? Wir schreiben uns selbst Regeln vor. Können wir uns einbilden, solchen nachzuleben, ohne zu viel von unsern Kräften zu halten? Doch, dem sey wie ihm wolle. Es ist ein erlaubter Hochmuth, nach erhabenen Dingen zu trachten, und seine Absichten nach einem vollkommenen Endzweck zu richten. Der Apostel Paulus selbst ermahnet dazu, wenn er sagt (Ph. I.4 vers. 8): „Merket auf alles, was wahrhaftig, was gerecht, was ehrbar, was liebenswürdig ist, und was Ehre macht.“
»Ist wo eine Tugend, ist wo ein Lob der Wissenschaft, so trachtet darnach“. Ich will meine Mitarbeiter zu einem so würdigen Eifer mit aufmuntern; und, wenn wir nicht in allen Stücken das gewunschte Ziel erreichen, uns mit dem bekannten Spruch trösten: In großen Unternehmungen ist auch der Wille zu loben.
Man tadelt nie den Muth zu hocherhabnen Dingen: Der edle Trieb gefällt / auch wann sie nicht gelingen.
Frankfurt in der Herbstmesse 1748.
I. M. von Loen