wiki:1850_kohl_episode_reisende_welt-_und_menschenbeobachter
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| VII | VII | ||
| - | Ovid, indem er spricht: //„Nescio qua natale solum dulcedine cunctos ducit",// | + | '' |
| - | Ich sage: insbesondere in der Neuzeit. Denn trotz ihrer zahlreichen und in alle Welt hinausgehenden Handelscolonien muss man die alten Griechen, und trotz ihrer bis ans Ende des Orbis terarum | + | Ich sage: insbesondere in der Neuzeit. Denn trotz ihrer zahlreichen und in alle Welt hinausgehenden Handelscolonien muss man die alten Griechen, und trotz ihrer bis ans Ende des Orbis terrarum |
| ===== 392 ===== | ===== 392 ===== | ||
| der leuchtende Centralpunkt alles ihres Denkens und Thuns war. | der leuchtende Centralpunkt alles ihres Denkens und Thuns war. | ||
| - | Erst die Nachkommen derjenigen wanderlustigen Völker, welche das römische Reich zerstörten, | + | |
| + | Erst die Nachkommen derjenigen wanderlustigen Völker, welche das römische Reich zerstörten, | ||
| ===== 393 ===== | ===== 393 ===== | ||
| - | Vlies, die Weltumsegler, | + | Vlies, die Weltumsegler, |
| - | Es hat zwar seit des in Afrika, Asien und Europa wandernden und forschenden Herodots und seit des in den Wäldern Germaniens und scythiens | + | |
| + | Es hat zwar seit des in Afrika, Asien und [[Europa|Europa]] wandernden und forschenden | ||
| ===== 394 ===== | ===== 394 ===== | ||
| - | ben, das wir ihre Geschichte in schwer zugängliche Archiven, in zerstreuten Documenten und Berichten oft mühsam zusammenlesen müssen. Und selbst die, welche Dinte und Feder nicht sparten, die ihre Reise wirklich zu Papier zu bringen trachteten, wie wenig war es doch im Ganzen, was sie schwarz auf Weis nach Hause trugen. Es wurden ehemals Reisen unternommen, | + | ben, das wir ihre Geschichte in schwer zugängliche Archiven, in zerstreuten Documenten und Berichten oft mühsam zusammenlesen müssen. Und selbst die, welche Dinte und Feder nicht sparten, die ihre Reise wirklich zu Papier zu bringen trachteten, wie wenig war es doch im Ganzen, was sie schwarz auf Weis nach Hause trugen. Es wurden ehemals Reisen unternommen, |
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| ===== 396 ===== | ===== 396 ===== | ||
| - | welche vorzugsweise ― wenn ich mich so ausdrücken darf ― auf dem Gebrauche der sinne beruhen, die sogenannten Erfahrungswissenschaften, | + | welche vorzugsweise ― wenn ich mich so ausdrücken darf ― auf dem Gebrauche der sinne beruhen, die sogenannten Erfahrungswissenschaften, |
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| rurgie bedeutendere Fortschritte gemacht, als andere Branchen der medizinischen Wissenschaften. | rurgie bedeutendere Fortschritte gemacht, als andere Branchen der medizinischen Wissenschaften. | ||
| Die sogenannten angewandten mathematischen Wissenschaften haben in neuer Zeit eine Entwickelung und dazu eine so grose Menge von schülern und Anhängern erhalten, wie sie nie vorher gehabt und in Folge dessen behandeln, formen und bemeistern wir die irdischen stoffe und Kräfte zu unsern Zwecken mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit. Neben den Mikroskopen und Teleskopen haben wir noch eine zahllose Menge anderer Instrumente erfunden, die unsere sinne verstärken und ihnen auf tausendfältige Weise zu Hülfe kommen und der wissenschaftliche Forscher der Neuzeit, der mit allen diesen Instrumenten wie ein Held gewappnet der Natur gegenübertritt, | Die sogenannten angewandten mathematischen Wissenschaften haben in neuer Zeit eine Entwickelung und dazu eine so grose Menge von schülern und Anhängern erhalten, wie sie nie vorher gehabt und in Folge dessen behandeln, formen und bemeistern wir die irdischen stoffe und Kräfte zu unsern Zwecken mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit. Neben den Mikroskopen und Teleskopen haben wir noch eine zahllose Menge anderer Instrumente erfunden, die unsere sinne verstärken und ihnen auf tausendfältige Weise zu Hülfe kommen und der wissenschaftliche Forscher der Neuzeit, der mit allen diesen Instrumenten wie ein Held gewappnet der Natur gegenübertritt, | ||
| - | selbst auf dem Gebiete der philosophischen Wissenschaften offenbart sich dies streben unserer Zeit nach dem Naheliegenden, | + | selbst auf dem Gebiete der philosophischen Wissenschaften offenbart sich dies streben unserer Zeit nach dem Naheliegenden, |
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| ===== 399 ===== | ===== 399 ===== | ||
| - | zuerst die Erfahrung, die Grundlage aller speculation, | + | zuerst die Erfahrung, die Grundlage aller speculation, |
| Unsere vielen mechanischen Erfindungen, | Unsere vielen mechanischen Erfindungen, | ||
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| ===== 403 ===== | ===== 403 ===== | ||
| - | in England, unter den Marschällen und staatsmännern Frankreichs zählen wir jekt Männer, welche Reiseschriftsteller geworden sind. sogar in Rusland haben einige der reichsten Grosen des Landes Reisewerke publicirt. | + | in England, unter den Marschällen und staatsmännern Frankreichs zählen wir jetzt Männer, welche Reiseschriftsteller geworden sind. sogar in Rusland haben einige der reichsten Grosen des Landes Reisewerke publicirt. |
| Man kann mit Recht behaupten, das die Reisebeschreibung dasjenige Feld der Literatur sei, auf welchem sich jest als thätige Arbeiter zusammenfinden Philosophen, | Man kann mit Recht behaupten, das die Reisebeschreibung dasjenige Feld der Literatur sei, auf welchem sich jest als thätige Arbeiter zusammenfinden Philosophen, | ||
| Wie wir das Interessante, | Wie wir das Interessante, | ||
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| gelobten Lande gerichtet waren, oder in einer anderen Periode alle Reisenden die strase nach Indien suchten, oder wieder zu einer anderen Zeit Alles darauf gespannt war, was man bei den Antipoden des stillen Oceans finden möchte, eine so auserordentliche Allseitigkeit der Bewegung eingetre ten, wie sie keine Zeit gekannt hat. Man reist nach allen seiten, nach Nord oder süd, nach Ost oder West, gerade aus, um die Welt, in einem Kreise im Vaterland, im Zickzack in Europa herum, in die Weite, in die Nähe, Ieder nach seinen Kräften. Und wer völlig immobil ist, der reist doch in seinem Zimmer, statt von Land zu Land, von stuhl zu stuhl und publicirt „un voyage autour de ma chambre" | gelobten Lande gerichtet waren, oder in einer anderen Periode alle Reisenden die strase nach Indien suchten, oder wieder zu einer anderen Zeit Alles darauf gespannt war, was man bei den Antipoden des stillen Oceans finden möchte, eine so auserordentliche Allseitigkeit der Bewegung eingetre ten, wie sie keine Zeit gekannt hat. Man reist nach allen seiten, nach Nord oder süd, nach Ost oder West, gerade aus, um die Welt, in einem Kreise im Vaterland, im Zickzack in Europa herum, in die Weite, in die Nähe, Ieder nach seinen Kräften. Und wer völlig immobil ist, der reist doch in seinem Zimmer, statt von Land zu Land, von stuhl zu stuhl und publicirt „un voyage autour de ma chambre" | ||
| - | Alle jene zahlreichen, | + | Alle jene zahlreichen, |
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| - | wenn gleich minder geräuschvoll, | + | wenn gleich minder geräuschvoll, |
| - | Die Poeten beschäftigen sich mit ihren dichterischen Einbildungen und Idealen, die Philosophen mit ihren metaphysischen speculationen, | + | Die Poeten beschäftigen sich mit ihren dichterischen Einbildungen und Idealen, die Philosophen mit ihren metaphysischen speculationen, |
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| ===== 409 ===== | ===== 409 ===== | ||
| - | ohne sle gar kein menschliches Wesen geben kann". Einen Reisenden kann es aber ohne ste noch viel weniger geben. In der That sind die fünf sinne diejenigen fünf Thore, durch welche ursprünglich alle schäse des Wissens in die scientifischen Vorrathskammern der Menschheit eingewandert sind. Die, welche sich blos mit der Anordnung und Verarbeitung der bereits gesammelten schäse beschäftigen, | + | ohne sle gar kein menschliches Wesen geben kann". Einen Reisenden kann es aber ohne sie noch viel weniger geben. In der That sind die fünf sinne diejenigen fünf Thore, durch welche ursprünglich alle schäse des Wissens in die scientifischen Vorrathskammern der Menschheit eingewandert sind. Die, welche sich blos mit der Anordnung und Verarbeitung der bereits gesammelten schäse beschäftigen, |
| Was dieses Talent eigentlich sei, worin es bestehe, wie es zu üben sei, ob man aus dieser Uebung eine Kunst machen und in wie weit man diese Kunst Andere lehren könne, ist schwer zu sagen. Ein berühmter schriftsteller und Arzt aus dem vorigen Jahrhundert, | Was dieses Talent eigentlich sei, worin es bestehe, wie es zu üben sei, ob man aus dieser Uebung eine Kunst machen und in wie weit man diese Kunst Andere lehren könne, ist schwer zu sagen. Ein berühmter schriftsteller und Arzt aus dem vorigen Jahrhundert, | ||
| ===== 410 ===== | ===== 410 ===== | ||
| - | Es giebt Leute, die Augen und Ohren haben und doch nicht beobachten. Es scheint, als ob zwischen ihren sinnen und ihrem Geiste sich eine grose Kluft befände. Ihr Körper steht und hört, aber es kommt ihrem Geiste nicht zum Bewustsein. Wenn du mit solchen träumerischen Menschen, deren seele gleichsam wie der seidenwurm in ihre eigene seide eingesponnen ist, in Gesellschaft warst und du fragst site hinterdrein: | + | Es giebt Leute, die Augen und Ohren haben und doch nicht beobachten. Es scheint, als ob zwischen ihren sinnen und ihrem Geiste sich eine grose Kluft befände. Ihr Körper steht und hört, aber es kommt ihrem Geiste nicht zum Bewustsein. Wenn du mit solchen träumerischen Menschen, deren seele gleichsam wie der seidenwurm in ihre eigene seide eingesponnen ist, in Gesellschaft warst und du fragst site hinterdrein: |
| ===== 411 ===== | ===== 411 ===== | ||
| - | eine Menge Kanäle gäbe von den sinnen zu unserer seele, und als wenn bei dem einen dieser, bei dem andern jener Kanal völlig verstopft wäre. Dieser hat einen sehr scharfen sinn für die Beobachtung des Menschen, jener für die der Natur. Der Eine fast das Komische auf der stelle auf, der Andere das Poëtische oder Erhabene, das sich in den Gegenständen und Personen um uns her offenbart. Der Eine scheint ganz todt für die äusere Welt, der Andere scheint sich mit Augen und Ohren ganz an diese äusere Welt zu hängen und ist abgestorben für die inneren Phänomene! Der Reisende, dessen Zweck es ist, die Eigenthümlichkeit sowohl der Natur als auch des Menschen in allen ihren Phasen zu erkennen, sollte eine möglichst allgemeine Empfänglichkeit und eine allseitige Aufmerksamkeit besizen. Er sollte Neigung und sinn für Alles haben. Combination, | + | eine Menge Kanäle gäbe von den sinnen zu unserer seele, und als wenn bei dem einen dieser, bei dem andern jener Kanal völlig verstopft wäre. Dieser hat einen sehr scharfen sinn für die Beobachtung des Menschen, jener für die der Natur. Der Eine fast das Komische auf der stelle auf, der Andere das Poëtische oder Erhabene, das sich in den Gegenständen und Personen um uns her offenbart. Der Eine scheint ganz todt für die äusere Welt, der Andere scheint sich mit Augen und Ohren ganz an diese äusere Welt zu hängen und ist abgestorben für die inneren Phänomene! Der Reisende, dessen Zweck es ist, die Eigenthümlichkeit sowohl der Natur als auch des Menschen in allen ihren Phasen zu erkennen, sollte eine möglichst allgemeine Empfänglichkeit und eine allseitige Aufmerksamkeit besizen. Er sollte Neigung und sinn für Alles haben. Combination, |
| ===== 412 ===== | ===== 412 ===== | ||
| - | langen. Dem rechten Beobachter sind gleichsam alle seine frühern Erfahrungen zur Hand; omnia sua secum portat", | + | langen. Dem rechten Beobachter sind gleichsam alle seine frühern Erfahrungen zur Hand; omnia sua secum portat", |
| - | „Pas doch auf! sagen wir zu unsern schülern und Kindern.,, | + | „Pas doch auf! sagen wir zu unsern schülern und Kindern.,, |
| ===== 413 ===== | ===== 413 ===== | ||
| ben sollte, das es noch nöthig wäre, ihn besonders anzuempfehlen. | ben sollte, das es noch nöthig wäre, ihn besonders anzuempfehlen. | ||
| - | ,,Alle Menschen und Dinge", | + | ,,Alle Menschen und Dinge", |
| ===== 414 ===== | ===== 414 ===== | ||
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| im stande wäre, alle unsere Reminiscenzen an Triangel, Quadrate und Pythagoräische Lehrsäse auf unserer Gedächtniftafel weglöschen, | im stande wäre, alle unsere Reminiscenzen an Triangel, Quadrate und Pythagoräische Lehrsäse auf unserer Gedächtniftafel weglöschen, | ||
| - | Wer da weis, wie gros die Vorurtheile sind, die sich von Jugend auf in Bezug auf alle Dinge, über die wir be lehrt werden und namentlich in Bezug auf fremde Länder und Völker gleich Wolken an den Gipfel eines Berges in unserem Kopf festsehen, der möchte zuweilen geneigt sein, auch einem Reisenden geradezu eine ähnliche tabula rasa in seinem Geiste zu wünschen, auf welcher sich ein deutlicher und bestimmter, durch keine frühere Zeichnung gestörter Umris des Landes und Volkes, das er bereisen und beobachten, kennen lernen und schildern will, gestalten könnte. Man möchte einen solchen Mann gar nichts über jenes Land und Volk lehren, ja ste ihm bis auf ihre Existenz und ihren Namen verschweigen, | + | Wer da weis, wie gros die Vorurtheile sind, die sich von Jugend auf in Bezug auf alle Dinge, über die wir be lehrt werden und namentlich in Bezug auf fremde Länder und Völker gleich Wolken an den Gipfel eines Berges in unserem Kopf festsehen, der möchte zuweilen geneigt sein, auch einem Reisenden geradezu eine ähnliche tabula rasa in seinem Geiste zu wünschen, auf welcher sich ein deutlicher und bestimmter, durch keine frühere Zeichnung gestörter Umris des Landes und Volkes, das er bereisen und beobachten, kennen lernen und schildern will, gestalten könnte. Man möchte einen solchen Mann gar nichts über jenes Land und Volk lehren, ja sie ihm bis auf ihre Existenz und ihren Namen verschweigen, |
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| - | eben so in das allgemeine Urtheil einstimmen, wie ste an den charakteristischen Eigenschaften ihres gemeinsamen Völkerstammes Theil nehmen. Alle Engländer z. B. sprechen in demselben Lone über die Träumereien der Deutschen, und ziehen aus ihrer Ansicht von unseren Träumereien, | + | eben so in das allgemeine Urtheil einstimmen, wie sie an den charakteristischen Eigenschaften ihres gemeinsamen Völkerstammes Theil nehmen. Alle Engländer z. B. sprechen in demselben Lone über die Träumereien der Deutschen, und ziehen aus ihrer Ansicht von unseren Träumereien, |
| Die Reisenden, welche in der Atmosphäre ihrer Nation erwachsen sind, tragen ihrerseits oft viel dazu bei, die alten ausgetretenen Bahnen, auf denen alle unsere Urtheile sich bewegen, noch breiter und bequemer zu machen, da doch sle gerade zur Aufnahme neuer Richtungen bestimmt wären. Trägheit, Furchtsamkeit und Mangel an geistiger Gewandtheit mögen dabei in uns am meisten wirken. Es ist bequemer, das Alte noch einmal zu wiederholen, | Die Reisenden, welche in der Atmosphäre ihrer Nation erwachsen sind, tragen ihrerseits oft viel dazu bei, die alten ausgetretenen Bahnen, auf denen alle unsere Urtheile sich bewegen, noch breiter und bequemer zu machen, da doch sle gerade zur Aufnahme neuer Richtungen bestimmt wären. Trägheit, Furchtsamkeit und Mangel an geistiger Gewandtheit mögen dabei in uns am meisten wirken. Es ist bequemer, das Alte noch einmal zu wiederholen, | ||
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| - | Wie ein Flus in seinem Laufe zwar die schranken, welche ihn hemmen, durchbricht und fortschafft, | + | Wie ein Flus in seinem Laufe zwar die schranken, welche ihn hemmen, durchbricht und fortschafft, |
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| - | Neues über uns erfahren, als die Griechen aus dem Munde des scythen Anacharsis erfuhren. Natürlich müsten wir dabei verlangen, das jene Fremden, wenn auch völlig unbekannt mit allen Angelegenheiten Europa' | + | Neues über uns erfahren, als die Griechen aus dem Munde des scythen Anacharsis erfuhren. Natürlich müsten wir dabei verlangen, das jene Fremden, wenn auch völlig unbekannt mit allen Angelegenheiten Europa' |
| Allein wenn schon, nach dem was ich oben sagte, nicht einmal das Licht ohne Rauch ist, so hat denn natürlich die Finsternis und Unwissenheit selber ihre noch viel gewaltigeren schattenseiten. Erstlich sind solche starke, naive, geistreiche, | Allein wenn schon, nach dem was ich oben sagte, nicht einmal das Licht ohne Rauch ist, so hat denn natürlich die Finsternis und Unwissenheit selber ihre noch viel gewaltigeren schattenseiten. Erstlich sind solche starke, naive, geistreiche, | ||
| ===== 421 ===== | ===== 421 ===== | ||
| - | von Natur starker Instinkt durch gar keine Art von menschlicher Kunst und Belehrung geschwächt ist und die man gleichsam als Orakel über die Menschen reden lassen möchte, sind im jezigen Zustand der Welt fast gar nicht zu haben, denn mit mehr oder weniger Belehrung und vorgefaster Ansicht ist fast Jeder von uns ausstafsirt. Und zweitens ist es klar, das trotz aller Stärke ihres Instinktes alle Reisenden bei völliger Unwissenheit häufigen Misgriffen nicht entgehen werden, Misgriffen, die man jenen Orakeln und Originalen als ein kleineres Uebel vergift, weil ste dafür so viel Auserordentliches in die Waagschale legen, die aber beim grösern Theile von uns gewöhnlichen, | + | von Natur starker Instinkt durch gar keine Art von menschlicher Kunst und Belehrung geschwächt ist und die man gleichsam als Orakel über die Menschen reden lassen möchte, sind im jezigen Zustand der Welt fast gar nicht zu haben, denn mit mehr oder weniger Belehrung und vorgefaster Ansicht ist fast Jeder von uns ausstafsirt. Und zweitens ist es klar, das trotz aller Stärke ihres Instinktes alle Reisenden bei völliger Unwissenheit häufigen Misgriffen nicht entgehen werden, Misgriffen, die man jenen Orakeln und Originalen als ein kleineres Uebel vergift, weil sie dafür so viel Auserordentliches in die Waagschale legen, die aber beim grösern Theile von uns gewöhnlichen, |
| Nur wer die ganze Welt im Zusammenhang zu sehen sich bemüht, kann auch jedem einzelnen Volke und staate seine rechte stellung anweisen und nur wer dieses Volk und diesen staat in seiner ganzen Entwickelung zu überschauen strebt, kann auch jedes Besondere, was er innerhalb der Grenzen desselben findet im rechten Lichte sehen und nach seinem wahren Gewichte würdigen. Nur wer das weis, was längst publicirt und bekannt geworden ist, kann auch, von da ausgehend, neue Entdeckungen machen und ein Werk liefern, das sich wie ein neuer Ausbau an die früheren anschliest. Und eben wer Alles kennen lernt, wer alle Quellen benust, nicht nur die, welche in seinem Vaterlande fliesen, sondern auch vor allem die, welche das Land seines studiums selber | Nur wer die ganze Welt im Zusammenhang zu sehen sich bemüht, kann auch jedem einzelnen Volke und staate seine rechte stellung anweisen und nur wer dieses Volk und diesen staat in seiner ganzen Entwickelung zu überschauen strebt, kann auch jedes Besondere, was er innerhalb der Grenzen desselben findet im rechten Lichte sehen und nach seinem wahren Gewichte würdigen. Nur wer das weis, was längst publicirt und bekannt geworden ist, kann auch, von da ausgehend, neue Entdeckungen machen und ein Werk liefern, das sich wie ein neuer Ausbau an die früheren anschliest. Und eben wer Alles kennen lernt, wer alle Quellen benust, nicht nur die, welche in seinem Vaterlande fliesen, sondern auch vor allem die, welche das Land seines studiums selber | ||
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| ===== 423 ===== | ===== 423 ===== | ||
| - | Entwickelung. In tausend Wechselbeziehungen stehen die Völker mit ihren Nachbarn und jezt seit dem Aufschwung des Weltverkehrs auch mit den entferntesten Bewohnern der Erde, die ste entweder beherrschen oder von denen sie Colonien empfangen oder mit denen sie doch in Handelsverbindungen stehen. Dadurch werden bei ihnen nicht nur neue Gewohnheiten geschaffen, nicht nur neue Ideen erweckt, sondern auch ganz neue Klassen und Mischungen der Gesellschaft erzeugt. Der Boden und die Natur des Landes steht mit den Leuten, welche es bewohnen, in groser Wechselwirkung, | + | Entwickelung. In tausend Wechselbeziehungen stehen die Völker mit ihren Nachbarn und jezt seit dem Aufschwung des Weltverkehrs auch mit den entferntesten Bewohnern der Erde, die sie entweder beherrschen oder von denen sie Colonien empfangen oder mit denen sie doch in Handelsverbindungen stehen. Dadurch werden bei ihnen nicht nur neue Gewohnheiten geschaffen, nicht nur neue Ideen erweckt, sondern auch ganz neue Klassen und Mischungen der Gesellschaft erzeugt. Der Boden und die Natur des Landes steht mit den Leuten, welche es bewohnen, in groser Wechselwirkung, |
| Man kann sagen, alle und jede Dinge in einem Lande tragen das Gepräge und die Färbung seiner Geschichte, seiner kosmischen und politischen stellung, die wichtigsten, | Man kann sagen, alle und jede Dinge in einem Lande tragen das Gepräge und die Färbung seiner Geschichte, seiner kosmischen und politischen stellung, die wichtigsten, | ||
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| ===== 427 ===== | ===== 427 ===== | ||
| - | und gab von jeher Menschen genug, die in ihrem Innern eben so fleisig beobachtend arbeiteten, wie in ihrer Umgebung, die in stetem Vergleich der inneren Phantasmagorien ber camera obscura ihres Herzens mit den Realitäten der Ausenwelt begriffen waren, die in dem Mikrokosmus ihres Wesens Alles zu finden wusten, was ihnen zur Deutung des Makrokosmus vonnöthen war. Diese Leute, die gleichsam wachend und träumend zugleich, klar sehend und innen brütend zugleich in der Welt umhergehen, werden die besten Beobachter und Reisenden abgeben. sie werden, da ste die inneren Bewegungen ihres eigenen Herzens, das den Hauptzügen nach dem Herzen aller anderen Menschen ähnlich sleht, kennen und stets vor Augen haben, die anderen Menschen ― Individuen sowohl wie ganze Nationen nicht nur zu beobachten, sondern, was noch mehr ist, sie auch zu errathen und in ihrem innersten Wesen zu erblicken im stande sein. sie werden mehr als alle Andern thun können, was Villemain in seinem Leben Plutarchs von diesem schriftsteller lobt: „qu' | + | und gab von jeher Menschen genug, die in ihrem Innern eben so fleisig beobachtend arbeiteten, wie in ihrer Umgebung, die in stetem Vergleich der inneren Phantasmagorien ber camera obscura ihres Herzens mit den Realitäten der Ausenwelt begriffen waren, die in dem Mikrokosmus ihres Wesens Alles zu finden wusten, was ihnen zur Deutung des Makrokosmus vonnöthen war. Diese Leute, die gleichsam wachend und träumend zugleich, klar sehend und innen brütend zugleich in der Welt umhergehen, werden die besten Beobachter und Reisenden abgeben. sie werden, da sie die inneren Bewegungen ihres eigenen Herzens, das den Hauptzügen nach dem Herzen aller anderen Menschen ähnlich sleht, kennen und stets vor Augen haben, die anderen Menschen ― Individuen sowohl wie ganze Nationen nicht nur zu beobachten, sondern, was noch mehr ist, sie auch zu errathen und in ihrem innersten Wesen zu erblicken im stande sein. sie werden mehr als alle Andern thun können, was Villemain in seinem Leben Plutarchs von diesem schriftsteller lobt: „qu' |
| Der Augenschein, | Der Augenschein, | ||
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| Und ungefähr Dasselbe, nur mit orientalischer Ausschmückung sagt nach einer Anrufung Dessen, qui dirige aux voyages les pieds des hommés par sa volonté suprême", | Und ungefähr Dasselbe, nur mit orientalischer Ausschmückung sagt nach einer Anrufung Dessen, qui dirige aux voyages les pieds des hommés par sa volonté suprême", | ||
| - | Ja, man mag die Vorreden und Rechenschaftsablagen aller Reiseschriftsteller nachsehen und man wird immer finden, das ste sämmtlich als vornehmste Quellen ihrer Nachrichten neben dem Augenschein auch das Hörensagen angeben. | + | Ja, man mag die Vorreden und Rechenschaftsablagen aller Reiseschriftsteller nachsehen und man wird immer finden, das sie sämmtlich als vornehmste Quellen ihrer Nachrichten neben dem Augenschein auch das Hörensagen angeben. |
| ===== 429 ===== | ===== 429 ===== | ||
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| nissen das rechte Echo zu geben. Ein einziges Hagelkorn hält er in der Hand und obgleich er von den andern Millionen Hagelkörnern, | nissen das rechte Echo zu geben. Ein einziges Hagelkorn hält er in der Hand und obgleich er von den andern Millionen Hagelkörnern, | ||
| - | Von sehr vielen wissenswürdigen und interessanten Dingen kann man ganz Dasselbe behaupten, was Rumohr in seinem Geiste der Kochkunst von manchen guten Gerichten der Küche aussagt, das sie nämlich, so nachahmungswerth sle auch sein mögen, doch zuweilen nur auf die Mauern einer stadt oder auf die Grenzen eines engen Bezirks beschränkt bleiben, und das noch Niemandem eingefallen oder gelungen sei, ste nach andern Orten zu übertragen. Gelangt man z. B. an den schauplah eines Ereignisses, | + | Von sehr vielen wissenswürdigen und interessanten Dingen kann man ganz Dasselbe behaupten, was Rumohr in seinem Geiste der Kochkunst von manchen guten Gerichten der Küche aussagt, das sie nämlich, so nachahmungswerth sle auch sein mögen, doch zuweilen nur auf die Mauern einer stadt oder auf die Grenzen eines engen Bezirks beschränkt bleiben, und das noch Niemandem eingefallen oder gelungen sei, sie nach andern Orten zu übertragen. Gelangt man z. B. an den schauplah eines Ereignisses, |
| ===== 433 ===== | ===== 433 ===== | ||
| - | geworden ist, wie vielmehr so grose Unkunde und so falsche Vorstellungen sich darüber verbreiten konnten. Ich befand mich einst mitten unter den bedeutendsten Beamten eines wichtigen Zweigs der Verwaltung eines mächtigen staates. Ich hielt ste alle für tief eingeweiht in die Verfassung und den Geschäftsgang ihres Departements. Da ich mich aber nach einigen Gewohnheiten in der Procedur bei gewissen Unterabtheilungen ihres Departements erkundigte, wiesen fle mich, ihre Unwissenheit erklärend, an die einzelnen Bureauchefs, | + | geworden ist, wie vielmehr so grose Unkunde und so falsche Vorstellungen sich darüber verbreiten konnten. Ich befand mich einst mitten unter den bedeutendsten Beamten eines wichtigen Zweigs der Verwaltung eines mächtigen staates. Ich hielt sie alle für tief eingeweiht in die Verfassung und den Geschäftsgang ihres Departements. Da ich mich aber nach einigen Gewohnheiten in der Procedur bei gewissen Unterabtheilungen ihres Departements erkundigte, wiesen fle mich, ihre Unwissenheit erklärend, an die einzelnen Bureauchefs, |
| ===== 434 ===== | ===== 434 ===== | ||
| Zeile 245: | Zeile 247: | ||
| Leute, deren Ansichten von den Einheimischen am meisten übersehen werden, während sie den Reisenden am meisten frappiren. | Leute, deren Ansichten von den Einheimischen am meisten übersehen werden, während sie den Reisenden am meisten frappiren. | ||
| - | Ich gehe aber noch weiter und behaupte: nicht nur jeder Mensch ist ein Kundiger in seiner Art, sondern auch jede Aeuserung, jedes Gerücht, jede Meinung, jede stimme, die der Reisende vernimmt, enthält irgend etwas Charakteristisches und hat irgend eine Bedeutung. Dieser Punct scheint mir noch bei weitem nicht genug von den Menschenbeobachtern anerkannt, denen man, ebenso wie man ihnen gerathen hat, möglichst Alles, was ste sehen, niederzuschreiben, | + | Ich gehe aber noch weiter und behaupte: nicht nur jeder Mensch ist ein Kundiger in seiner Art, sondern auch jede Aeuserung, jedes Gerücht, jede Meinung, jede stimme, die der Reisende vernimmt, enthält irgend etwas Charakteristisches und hat irgend eine Bedeutung. Dieser Punct scheint mir noch bei weitem nicht genug von den Menschenbeobachtern anerkannt, denen man, ebenso wie man ihnen gerathen hat, möglichst Alles, was sie sehen, niederzuschreiben, |
| ===== 439 ===== | ===== 439 ===== | ||
| - | werden noch interessante Länder bereisen, jenen Rath verachten und es bereuen. Aber freilich müste, damit die Reisenden dies immer könnten, Daguerre uns noch eine ähnliche Maschine für die Firirung der Töne verschaffen, | + | werden noch interessante Länder bereisen, jenen Rath verachten und es bereuen. Aber freilich müste, damit die Reisenden dies immer könnten, Daguerre uns noch eine ähnliche Maschine für die Firirung der Töne verschaffen, |
| - | ,,Aber die Lügen", | + | ,,Aber die Lügen", |
| ===== 440 ===== | ===== 440 ===== | ||
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| ===== 441 ===== | ===== 441 ===== | ||
| - | ist auf andere Umstände zu schieben. Die Reisenden sehen in der Fremde wirklich viel Neues und Wunderbares. Dies regt sie gewaltig an und macht sie geneigt, an noch viel mehr Wunderbares zu glauben. Die Eingebornen, | + | ist auf andere Umstände zu schieben. Die Reisenden sehen in der Fremde wirklich viel Neues und Wunderbares. Dies regt sie gewaltig an und macht sie geneigt, an noch viel mehr Wunderbares zu glauben. Die Eingebornen, |
| Der zu Hause bleibende Forscher, sage ich, muss zwar auch dem Hörensagen vielfach trauen, ja er schöpft sogar noch mehr oder, wenn er selber nie reiste, Alles aus dieser Quelle. so z. B. der Historiker der Vergangenheit, | Der zu Hause bleibende Forscher, sage ich, muss zwar auch dem Hörensagen vielfach trauen, ja er schöpft sogar noch mehr oder, wenn er selber nie reiste, Alles aus dieser Quelle. so z. B. der Historiker der Vergangenheit, | ||
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| ===== 442 ===== | ===== 442 ===== | ||
| - | die gegenwärtige, | + | die gegenwärtige, |
| Ein groser Theil der naturgeschichtlichen Nachrichten und Kenntnisse über die Thiere und Pflanzen beruht blos auf den Aussagen von Jägern, Hirten oder Wilden, die häufig | Ein groser Theil der naturgeschichtlichen Nachrichten und Kenntnisse über die Thiere und Pflanzen beruht blos auf den Aussagen von Jägern, Hirten oder Wilden, die häufig | ||
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| eines Baches sekte und seine spaziergangsimpresstonen niederschrieb. Montaigne, der, wie er selbst oft genug klagt, ein sehr schwaches Gedächtnis hatte, machte es ebenso und zuweilen, wenn ihm unterwegs etwas aufoder einsiel und er gerade kein Papierchen bei sich hatte, ritt er spornstreichs nach Hause, um in seinem studir-und Bibliothekzimmer, | eines Baches sekte und seine spaziergangsimpresstonen niederschrieb. Montaigne, der, wie er selbst oft genug klagt, ein sehr schwaches Gedächtnis hatte, machte es ebenso und zuweilen, wenn ihm unterwegs etwas aufoder einsiel und er gerade kein Papierchen bei sich hatte, ritt er spornstreichs nach Hause, um in seinem studir-und Bibliothekzimmer, | ||
| - | Ich stelle die Beispiele dieser hochgefeierten Männer und ihrer Tagebücher voran, um dasjenige Instrument des Reisenden, durch welches er seine Anschauungen und Gedanken firirt und das man in der Regel mehr fürchtet als hochachtet, ja, bei dessen Gebrauch sogar den Reisenden selbst eine gewisse Beschämung überfällt und von dem ich jekt reden will, nämlich sein Memorandumbuch und seinen Bleistift, gleich von vornherein in etwas bessere Gesellschaft zu bringen. Der berühmte, treffliche Reisende Burckhard berichtet, die Leute in Arabien und Egypten hätten eine grose Furcht vor seinem Griffel gehabt und er habe ihn daher immer möglichst verborgen gehalten. Um indes seine Bemerkungen nicht zu verlieren, habe er sich, in seinen weiten arabischen Mantel gehüllt, hinter sein Zelt oder sonst an einen abgelegenen Ort gesezt und habe sich gestellt, als wenn er den Koran lese, insgeheim aber seine Notizen aufgeschrieben. „Die Araber", | + | Ich stelle die Beispiele dieser hochgefeierten Männer und ihrer Tagebücher voran, um dasjenige Instrument des Reisenden, durch welches er seine Anschauungen und Gedanken firirt und das man in der Regel mehr fürchtet als hochachtet, ja, bei dessen Gebrauch sogar den Reisenden selbst eine gewisse Beschämung überfällt und von dem ich jetzt reden will, nämlich sein Memorandumbuch und seinen Bleistift, gleich von vornherein in etwas bessere Gesellschaft zu bringen. Der berühmte, treffliche Reisende Burckhard berichtet, die Leute in Arabien und Egypten hätten eine grose Furcht vor seinem Griffel gehabt und er habe ihn daher immer möglichst verborgen gehalten. Um indes seine Bemerkungen nicht zu verlieren, habe er sich, in seinen weiten arabischen Mantel gehüllt, hinter sein Zelt oder sonst an einen abgelegenen Ort gesezt und habe sich gestellt, als wenn er den Koran lese, insgeheim aber seine Notizen aufgeschrieben. „Die Araber", |
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| - | den ste Notizen sammeln sehen, er bezaubere das Land oder bringe doch sonst Unglück über sie". Der Marquis de Custine, als er sein berühmtes Tagebuch in Rusland schrieb, verriegelte sogar die Thüren seines Zimmers und legte ein paar geladene Pistolen neben sein Dintenfas, weil, wie er sagt, die Russen ihn überall mit spionen umgeben hätten, um zu sehen, ob er auch ein Tagebuch und einen Griffel habe. | + | den sie Notizen sammeln sehen, er bezaubere das Land oder bringe doch sonst Unglück über sie". Der Marquis de Custine, als er sein berühmtes Tagebuch in Rusland schrieb, verriegelte sogar die Thüren seines Zimmers und legte ein paar geladene Pistolen neben sein Dintenfas, weil, wie er sagt, die Russen ihn überall mit spionen umgeben hätten, um zu sehen, ob er auch ein Tagebuch und einen Griffel habe. |
| - | Die Araber und Russen denken in dieser Beziehung nicht viel anders als die Bewohner fast aller andern Länder. Alle fürchten den reisenden Beobachter mit dem Griffel und Tagebuch. Ein solcher, wenn er seine Instrumente z. B. in einem Postwagen hervornimmt und etwas niederschreibt, | + | Die Araber und Russen denken in dieser Beziehung nicht viel anders als die Bewohner fast aller andern Länder. Alle fürchten den reisenden Beobachter mit dem Griffel und Tagebuch. Ein solcher, wenn er seine Instrumente z. B. in einem Postwagen hervornimmt und etwas niederschreibt, |
| ===== 449 ===== | ===== 449 ===== | ||
| - | Notizensammelns und einmal begegnete ich einem berühmten Reisenden dieser Nation, der sich folgendermasen gerüstet hatte. Wie ein Krieger sein schwert an den Gürtel hängt, so hatte er sich einen schreibstist um den Hals befestigt und zwar an einem zierlichen Goldkettchen. Der Griffel, der ihm beständig vor der Weste baumelte, war so eingerichtet, | + | Notizensammelns und einmal begegnete ich einem berühmten Reisenden dieser Nation, der sich folgendermasen gerüstet hatte. Wie ein Krieger sein schwert an den Gürtel hängt, so hatte er sich einen schreibstist um den Hals befestigt und zwar an einem zierlichen Goldkettchen. Der Griffel, der ihm beständig vor der Weste baumelte, war so eingerichtet, |
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| mes. sind wir träge, so wird uns allmälig Vieles entgehen, denn keine Perle, keine Welle kehrt wieder, oder kehrt wenigstens nie in der Gestalt wieder, wie wir sie gerade jest erblicken und ergreifen können. Bei dem Reisenden, der mitten auf dem wogenden Ocean des Lebens hinausfährt, | mes. sind wir träge, so wird uns allmälig Vieles entgehen, denn keine Perle, keine Welle kehrt wieder, oder kehrt wenigstens nie in der Gestalt wieder, wie wir sie gerade jest erblicken und ergreifen können. Bei dem Reisenden, der mitten auf dem wogenden Ocean des Lebens hinausfährt, | ||
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| - | Ich gebe zu, das der Eine seine Eindrücke länger bewahrt als der Andere. Allein im Ganzen sind wir Menschen erstaunlich vergeslich und bilden uns noch dazu unglücklicherweise gewöhnlich dabei leicht ein, das uns, was wir gerade | + | Ich gebe zu, das der Eine seine Eindrücke länger bewahrt als der Andere. Allein im Ganzen sind wir Menschen erstaunlich vergeslich und bilden uns noch dazu unglücklicherweise gewöhnlich dabei leicht ein, das uns, was wir gerade |
| ===== 451 ===== | ===== 451 ===== | ||
| - | sehr componirten Gegenstande, | + | sehr componirten Gegenstande, |
| - | In der That, man kann fast von allen unsern Eindrücken sagen, das sie nur so lange lebendig sind, als wir dem Impuls gebenden Gegenstande gegenüber stehen. sie fallen in dem Augenblick, wo wir unsere sinne diesem Einflus entziehen, einer wunderbar raschen Verwesung anheim, wie gewisse sehr zarte Fische des Baikalsee' | + | In der That, man kann fast von allen unsern Eindrücken sagen, das sie nur so lange lebendig sind, als wir dem Impuls gebenden Gegenstande gegenüber stehen. sie fallen in dem Augenblick, wo wir unsere sinne diesem Einflus entziehen, einer wunderbar raschen Verwesung anheim, wie gewisse sehr zarte Fische des Baikalsee' |
| ===== 452 ===== | ===== 452 ===== | ||
| - | gängers und Menschenbeobachters citirten Engländer nach, zeichne die Gegenstände an Ort und stelle selbst in das Tagebuch, so lange man ste noch vor sich hat, fixire seine Einfälle und Ideen, so lange ste noch lebhaft sind, die Impresstonen, | + | gängers und Menschenbeobachters citirten Engländer nach, zeichne die Gegenstände an Ort und stelle selbst in das Tagebuch, so lange man sie noch vor sich hat, fixire seine Einfälle und Ideen, so lange sie noch lebhaft sind, die Impresstonen, |
| Es ist allerdings nicht leicht, dieses Verfahren zu befolgen, dessen Nuzen man, sobald man von der Reise nach Hause kommt, erkennen wird, und dem man blindlings wie einem Glaubensartikel anhängen sollte. | Es ist allerdings nicht leicht, dieses Verfahren zu befolgen, dessen Nuzen man, sobald man von der Reise nach Hause kommt, erkennen wird, und dem man blindlings wie einem Glaubensartikel anhängen sollte. | ||
| Die Lust zum Aufschieben ist auf Reisen, wo so Vieles auf uns eindringt und wo uns manchmal, wie an einer reichbesekten Tafel, ein Ueberdrus befällt, oft sehr gros. Es gehört eine nicht unbedeutende Energie und Ausdauer dazu, alle petites misères der Reise standhaft zu ertragen, alle kleinen Unbequemlichkeiten, | Die Lust zum Aufschieben ist auf Reisen, wo so Vieles auf uns eindringt und wo uns manchmal, wie an einer reichbesekten Tafel, ein Ueberdrus befällt, oft sehr gros. Es gehört eine nicht unbedeutende Energie und Ausdauer dazu, alle petites misères der Reise standhaft zu ertragen, alle kleinen Unbequemlichkeiten, | ||
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| ===== 453 ===== | ===== 453 ===== | ||
| - | buche ausschlösse, | + | buche ausschlösse, |
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| wenig zu verzeichnen finden; dagegen wird er dann nach der Reise, wenn er Alles, was er sah und hörte, einfach und trocken verzeichnete, | wenig zu verzeichnen finden; dagegen wird er dann nach der Reise, wenn er Alles, was er sah und hörte, einfach und trocken verzeichnete, | ||
| - | Nicht blos die Dinge, die wir in einem fremden Lande sehen und vernehmen, sind sehr eigenthümlich, | + | Nicht blos die Dinge, die wir in einem fremden Lande sehen und vernehmen, sind sehr eigenthümlich, |
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| digen. Es ist etwas von dem veni, vidi, scripsi darin, welches sich der schwerfälligere Reisende, der erst selber schaut, ― dann andere Leute hört, ― dann Tagebücher anleg darauf Bücher excerpirt, ― -und darnach endlich selbst ein Buch von sich giebt, nicht leicht aneignet. | digen. Es ist etwas von dem veni, vidi, scripsi darin, welches sich der schwerfälligere Reisende, der erst selber schaut, ― dann andere Leute hört, ― dann Tagebücher anleg darauf Bücher excerpirt, ― -und darnach endlich selbst ein Buch von sich giebt, nicht leicht aneignet. | ||
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