wiki:flucht
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| wiki:flucht [2026/04/15 16:31] – ↷ Links angepasst, weil Seiten im Wiki verschoben wurden Norbert Lüdtke | wiki:flucht [2026/07/28 12:45] (aktuell) – Externe Bearbeitung 127.0.0.1 | ||
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| ==== Frei - aber in Indien gefangen? ==== | ==== Frei - aber in Indien gefangen? ==== | ||
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| ==== Vorbereitungen zur Flucht ==== | ==== Vorbereitungen zur Flucht ==== | ||
| - | Geldmangel war ein großes Problem: '' | + | Geldmangel war ein großes Problem: '' |
| ==== Die Suche nach Gleichgesinnten ==== | ==== Die Suche nach Gleichgesinnten ==== | ||
| - | Die vorsichtige Mehrheit der Lagerinsassen sympathisierte mit der risikobereiten Minderheit und unterstützte deren Ausbruchsversuche. // „Es erquickt nun einmal jeden Gefangenen, wenn ein Leidensgefährte die Fesseln sprengt und durchbrennt. Die Sergeanten machen verdutzte Gesichter, wenn sie beim Durchzählen den Verlust entdecken. Die Wachen werden angeschnauzt und verfallen einem Strafgericht. Der Kommandant rast. ... So eine Flucht bringt eben Abwechslung und Spannung für alle.“// ((Magener, Die Chance war Null, 8)) Andererseits wetteiferten die ausbrechenden Gruppen um den frühesten Fluchtzeitpunkt; | + | Die vorsichtige Mehrheit der Lagerinsassen sympathisierte mit der risikobereiten Minderheit und unterstützte deren Ausbruchsversuche. //„Es erquickt nun einmal jeden Gefangenen, wenn ein Leidensgefährte die Fesseln sprengt und durchbrennt. Die Sergeanten machen verdutzte Gesichter, wenn sie beim Durchzählen den Verlust entdecken. Die Wachen werden angeschnauzt und verfallen einem Strafgericht. Der Kommandant rast. ... So eine Flucht bringt eben Abwechslung und Spannung für alle.“// ((Magener, Die Chance war Null, 8)) Andererseits wetteiferten die ausbrechenden Gruppen um den frühesten Fluchtzeitpunkt; |
| - | Alle aus der Fluchtgruppe, | + | Alle aus der Fluchtgruppe, |
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| - | Während einige nach mißlungenen Fluchtversuchen aufgaben (Krämer, Marchese) wollten andere daraus lernen: // „Nun aber hatten wir die Pionierarbeiten geleistet, kannten die Wege und die Lebensbedingungen des Landes und waren ungleich besser in der Lage, Vorbereitungen für eine zweite Flucht zu treffen. ... Zahlreiche Partner boten sich mir an und steigerten die Angebote für meine Führung bis zu 5000 Rupien. Aber am Gelde lag mir nichts. Ich wollte bei meinem nächsten Abenteuer einzig wieder einen sportlich gut durchtrainierten, | + | Während einige nach mißlungenen Fluchtversuchen aufgaben (Krämer, Marchese) wollten andere daraus lernen: //„Nun aber hatten wir die Pionierarbeiten geleistet, kannten die Wege und die Lebensbedingungen des Landes und waren ungleich besser in der Lage, Vorbereitungen für eine zweite Flucht zu treffen. ... Zahlreiche Partner boten sich mir an und steigerten die Angebote für meine Führung bis zu 5000 Rupien. Aber am Gelde lag mir nichts. Ich wollte bei meinem nächsten Abenteuer einzig wieder einen sportlich gut durchtrainierten, |
| ==== Solidarität und Erfolg ==== | ==== Solidarität und Erfolg ==== | ||
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| Die Gefangenen durften auf sogenannte Paroleausflüge gehen, wenn sie zuvor einen Zettel unterschrieben, | Die Gefangenen durften auf sogenannte Paroleausflüge gehen, wenn sie zuvor einen Zettel unterschrieben, | ||
| - | Eine Gruppe bestand aus '' | + | Eine Gruppe bestand aus '' |
| ==== Zwei Offiziere und fünf Inder? ==== | ==== Zwei Offiziere und fünf Inder? ==== | ||
| - | Während der größten Hitze und der Mittagsruhe, | + | Während der größten Hitze und der Mittagsruhe, |
| - | Frech durchschritten zwei englische Offiziere mit fünf indischen Kulis das Lagertor, bepackt mit Leiter und Stacheldraht, | + | Frech durchschritten zwei englische Offiziere mit fünf indischen Kulis das Lagertor, bepackt mit Leiter und Stacheldraht, |
| Sie marschierten nur nachts. In zwei Wochen sollte der Weg zur tibetischen Grenze zurückgelegt werden, der [[wiki: | Sie marschierten nur nachts. In zwei Wochen sollte der Weg zur tibetischen Grenze zurückgelegt werden, der [[wiki: | ||
| - | Dörfer wurden heimlich durchquert: // „Lange vorher lagen wir auf der Lauer und warteten ab, bis der letzte Schein eines Feuers oder einer Laterne verlosch. Bei solchen Gelegenheiten tauschten wir unsere benagelten Bergschuhe gegen leichte Turnschuhe aus und versäumten nie, vorher unsere Feldflaschen zu entleeren, um zu vermeiden, daß das Glucksen des Wassers einen Dorfbewohner aufweckte.“// | + | Dörfer wurden heimlich durchquert: //„Lange vorher lagen wir auf der Lauer und warteten ab, bis der letzte Schein eines Feuers oder einer Laterne verlosch. Bei solchen Gelegenheiten tauschten wir unsere benagelten Bergschuhe gegen leichte Turnschuhe aus und versäumten nie, vorher unsere Feldflaschen zu entleeren, um zu vermeiden, daß das Glucksen des Wassers einen Dorfbewohner aufweckte.“// |
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| ==== Sattlers Rückkehr ==== | ==== Sattlers Rückkehr ==== | ||
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| ==== Eine Pille gegen jedes Übel ==== | ==== Eine Pille gegen jedes Übel ==== | ||
| - | Kopp und Krämer gaben sich häufig als Ärzte aus, ebenso wie Harrer und Aufschnaiter ein Jahr später. Zur Legitimation genügte der Anblick der mitgebrachten Medikamente und Instrumente. Das *[[wiki: | + | Kopp und Krämer gaben sich häufig als Ärzte aus, ebenso wie Harrer und Aufschnaiter ein Jahr später. Zur Legitimation genügte der Anblick der mitgebrachten Medikamente und Instrumente. Das *[[wiki: |
| ==== Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt ==== | ==== Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt ==== | ||
| - | Am 24. Juni trafen Kopp und Harrer in Tibet wieder auf Aufschnaiter, | + | Am 24. Juni trafen Kopp und Harrer in Tibet wieder auf Aufschnaiter, |
| In Gartok erhielten unsere drei Reisenden erstmals einen Reisepaß für Tibet, der die einzelnen Stationen ihrer Reise auswies und für die Ausreise nach Nepal galt. Alle drei schworen, sich daran zu halten und brachen am 13. Juli auf. Mehrere Wochen waren sie nun unterwegs mit '' | In Gartok erhielten unsere drei Reisenden erstmals einen Reisepaß für Tibet, der die einzelnen Stationen ihrer Reise auswies und für die Ausreise nach Nepal galt. Alle drei schworen, sich daran zu halten und brachen am 13. Juli auf. Mehrere Wochen waren sie nun unterwegs mit '' | ||
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| Sie unterhielten sich ständig nur auf englisch, um gar nicht erst in einer zweiten Sprache zu denken. An ihrer Militär-[[wiki: | Sie unterhielten sich ständig nur auf englisch, um gar nicht erst in einer zweiten Sprache zu denken. An ihrer Militär-[[wiki: | ||
| - | Diese Methode funktionierte gut: mit dem Bus nach Saharanpur, mit dem Zug über Lucknow nach Kalkutta, auf der Straße, in Restaurants und Bahnhofshallen nirgends fielen sie auf. Mit Glück rutschten sie durch eine stichprobenartige Kontrolle der Militärpolizei. Problematisch war allerdings die Übernachtung in der Großstadt: Die großen Hotels waren für Militärs reserviert; diese zu benutzen, fehlten ihnen die geeigneten Papiere. Die Hotels der Einheimischen wurden besonders intensiv von der Polizei kontrolliert, | + | Diese Methode funktionierte gut: mit dem Bus nach Saharanpur, mit dem Zug über Lucknow nach Kalkutta, auf der Straße, in Restaurants und Bahnhofshallen nirgends fielen sie auf. Mit Glück rutschten sie durch eine stichprobenartige Kontrolle der Militärpolizei. Problematisch war allerdings die Übernachtung in der Großstadt: Die großen Hotels waren für Militärs reserviert; diese zu benutzen, fehlten ihnen die geeigneten Papiere. Die Hotels der Einheimischen wurden besonders intensiv von der Polizei kontrolliert, |
| Nun stiegen sie um auf die Bahn nach Chittagong, mieteten dort einen einheimischen Führer, der sie auf seinem Sampan bis Cox' Bazar ruderte, drei Tage und Nächte versteckt unter dessen Palmendach. Von dort schlugen sie sich nur noch des nachts durch, auf und neben den Straßen durch den Dschungel. Mehrmals liefen sie in den dunklen Nächten in Militärlager, | Nun stiegen sie um auf die Bahn nach Chittagong, mieteten dort einen einheimischen Führer, der sie auf seinem Sampan bis Cox' Bazar ruderte, drei Tage und Nächte versteckt unter dessen Palmendach. Von dort schlugen sie sich nur noch des nachts durch, auf und neben den Straßen durch den Dschungel. Mehrmals liefen sie in den dunklen Nächten in Militärlager, | ||
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| //„Das Ungewisse, das Unbekannte war zu unserem eigentlichen Lebenselement geworden. Nirgends fanden wir sicheren Halt, nirgends eine verläßliche Größe, mit der wir rechnen konnte. Nur selten wußten wir genau, wo wir waren, und selbst dann, wenn wir eine bestimmte Örtlichkeit ausgemacht hatten, blieb uns unsere Lage in bezug auf unser Endziel unklar, denn wo dieses sich befand, konnten wir ja noch gar nicht angeben. ... Die Ereignisse waren auf wenige atemraubende Augenblicke zusammengedrängt, | //„Das Ungewisse, das Unbekannte war zu unserem eigentlichen Lebenselement geworden. Nirgends fanden wir sicheren Halt, nirgends eine verläßliche Größe, mit der wir rechnen konnte. Nur selten wußten wir genau, wo wir waren, und selbst dann, wenn wir eine bestimmte Örtlichkeit ausgemacht hatten, blieb uns unsere Lage in bezug auf unser Endziel unklar, denn wo dieses sich befand, konnten wir ja noch gar nicht angeben. ... Die Ereignisse waren auf wenige atemraubende Augenblicke zusammengedrängt, | ||
| - | Ihr Weg führte sie durch Dschungel, Sümpfe, über Kanäle und Flüsse, bis sie am 31. Tag ihrer Flucht ahnungslos burmesischen Boden betraten. Japaner nahmen sie einige Kilometer hinter der Front gefangen. Die Freude, es geschafft zu haben, verflog bald, denn für die Japaner waren sie zunächst nichts anderes als englische Spione, und es dauerte Wochen, sie vom Gegenteil zu überzeugen: | + | Ihr Weg führte sie durch Dschungel, Sümpfe, über Kanäle und Flüsse, bis sie am 31. Tag ihrer Flucht ahnungslos burmesischen Boden betraten. Japaner nahmen sie einige Kilometer hinter der Front gefangen. Die Freude, es geschafft zu haben, verflog bald, denn für die Japaner waren sie zunächst nichts anderes als englische Spione, und es dauerte Wochen, sie vom Gegenteil zu überzeugen: |
| ===== 3 Erfahrungen auf der Flucht ===== | ===== 3 Erfahrungen auf der Flucht ===== | ||
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| Nach dem Kriegsende 1918 gab es lange keine Anzeichen für eine Verschiffung nach Hause, die Moral im Lager sank: //„Die geistigen Interessen, die zahlreichen Bestrebungen zur Weiterbildung flauten ab, und schließlich hörte sogar die sportliche Betätigung fast völlig auf. Bei vielen machte sich stattdessen dauernde Gereiztheit und Zanksucht und eine Neigung zu alkoholischen Ausschweifungen bemerkbar, andere flüchteten sich in die sonderbarsten sektiererischen Lehren, in okkulten Hokuspokus oder einfach in schiere stumpfe Verzweiflung und Selbstaufgabe - und einige flüchteten aus dem Leben überhaupt. Denjenigen, die freiwillig gegangen waren, sollten im Laufe dieses düsteren Jahres noch viele unfreiwillig folgen. Nachdem schon eine Choleraepidemie auch unter uns mehrere Opfer gefordert hatte, fiel der schwarze Schatten der weltumspannenden Grippe auch über Indien. ... [Dann] flammte die dortzulande nie ganz verlöschende tropische Pest, die Bubonenpest ((Beulenpest)), | Nach dem Kriegsende 1918 gab es lange keine Anzeichen für eine Verschiffung nach Hause, die Moral im Lager sank: //„Die geistigen Interessen, die zahlreichen Bestrebungen zur Weiterbildung flauten ab, und schließlich hörte sogar die sportliche Betätigung fast völlig auf. Bei vielen machte sich stattdessen dauernde Gereiztheit und Zanksucht und eine Neigung zu alkoholischen Ausschweifungen bemerkbar, andere flüchteten sich in die sonderbarsten sektiererischen Lehren, in okkulten Hokuspokus oder einfach in schiere stumpfe Verzweiflung und Selbstaufgabe - und einige flüchteten aus dem Leben überhaupt. Denjenigen, die freiwillig gegangen waren, sollten im Laufe dieses düsteren Jahres noch viele unfreiwillig folgen. Nachdem schon eine Choleraepidemie auch unter uns mehrere Opfer gefordert hatte, fiel der schwarze Schatten der weltumspannenden Grippe auch über Indien. ... [Dann] flammte die dortzulande nie ganz verlöschende tropische Pest, die Bubonenpest ((Beulenpest)), | ||
| - | Erst Silvester 1919 werden alle Gefangenen Hals über Kopf nach Bombay und dort auf ein Schiff gebracht und am 24. Februar 1920 landet Heye im Hafen von Rotterdam. Heye trifft auch einen '' | + | Erst Silvester 1919 werden alle Gefangenen Hals über Kopf nach Bombay und dort auf ein Schiff gebracht und am 24. Februar 1920 landet Heye im Hafen von Rotterdam. Heye trifft auch einen '' |
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| Bis Mitte 1917 war Hauer in den Kampfgebieten Ostafrikas eingesetzt, dann wurde er gefangengenommen und Ende November in das Gefangenenlager in Lindi gebracht. Ein Hospitalschiff brachte ihn nach siebenwöchigem Typhusleiden und abgemagert auf 45 Kilo nach Indien und dort über Karachi ins Gefangenenlager von Ahmednagar, einem der gesündesten, | Bis Mitte 1917 war Hauer in den Kampfgebieten Ostafrikas eingesetzt, dann wurde er gefangengenommen und Ende November in das Gefangenenlager in Lindi gebracht. Ein Hospitalschiff brachte ihn nach siebenwöchigem Typhusleiden und abgemagert auf 45 Kilo nach Indien und dort über Karachi ins Gefangenenlager von Ahmednagar, einem der gesündesten, | ||
| - | Außerdem berichtet er von einer weiteren Flucht, die auch Heye erwähnt: // „Eines Morgens fehlte jener schlagfertige Leipziger. In einem Brief, der jedem Melancholiker [[wiki: | + | Außerdem berichtet er von einer weiteren Flucht, die auch Heye erwähnt: //„Eines Morgens fehlte jener schlagfertige Leipziger. In einem Brief, der jedem Melancholiker [[wiki: |
| Bei Heye heißt der Flüchtige allerdings '' | Bei Heye heißt der Flüchtige allerdings '' | ||
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| Auch in Ceylon glaubte man bis zuletzt nicht an die Möglichkeit eines Krieges. Am 7. August 1914 erhielt Hagenbeck den Ausweisungsbefehl und mußte Ceylon noch am gleichen Tage verlassen, Frau, Familie, Haus, Hab und Gut bis auf einen kleinen Handkoffer zurücklassend und sich zweiter Klasse nach Batavia einschiffend, | Auch in Ceylon glaubte man bis zuletzt nicht an die Möglichkeit eines Krieges. Am 7. August 1914 erhielt Hagenbeck den Ausweisungsbefehl und mußte Ceylon noch am gleichen Tage verlassen, Frau, Familie, Haus, Hab und Gut bis auf einen kleinen Handkoffer zurücklassend und sich zweiter Klasse nach Batavia einschiffend, | ||
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| Getrennt reisen die Expeditionsteilnehmer am 14. April 1915 von Berlin über Wien und durch Rumänien nach Konstantinopel, | Getrennt reisen die Expeditionsteilnehmer am 14. April 1915 von Berlin über Wien und durch Rumänien nach Konstantinopel, | ||
| - | Am 1. Juni 1915 brechen sie erneut auf, ab nun begleitet von Spionen, denn sie befinden sich bereits im englischen Einfluß, nicht aber in deren Machtbereich. Mit Maultieren, Eseln, Pferden und Kamelen ziehen sie durch Persien, getrenntt, in drei Gruppen, meist auf den schwierigsten Strecken, meist durch die trockensten Wüstengegenden, | + | Am 1. Juni 1915 brechen sie erneut auf, ab nun begleitet von Spionen, denn sie befinden sich bereits im englischen Einfluß, nicht aber in deren Machtbereich. Mit Maultieren, Eseln, Pferden und Kamelen ziehen sie durch Persien, getrenntt, in drei Gruppen, meist auf den schwierigsten Strecken, meist durch die trockensten Wüstengegenden, |
| - | Erst am 24. Dezember 1916 ist die erste Bahnverbindung erreicht, sie betreten // | + | Erst am 24. Dezember 1916 ist die erste Bahnverbindung erreicht, sie betreten // |
| Nach der letzten Absage handelt Hentig schnell, taucht noch abends in Shanghai unter und läßt sein Gepäck zurück, besitzt lediglich ein amerikanisches Marine-Hemd, | Nach der letzten Absage handelt Hentig schnell, taucht noch abends in Shanghai unter und läßt sein Gepäck zurück, besitzt lediglich ein amerikanisches Marine-Hemd, | ||
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| Zu seiner Überraschung wird er nach einiger Zeit freigelassen, | Zu seiner Überraschung wird er nach einiger Zeit freigelassen, | ||
| - | Die Art der Schilderung hebt sich angenehm von ähnlichen Publikationen aus den Kriegsjahren ab. Hentig bekennt sich als Deutscher, schildert seine Erlebnisse jedoch ohne jeden Hurra-Patriotismus. Erfahrungen, | + | Die Art der Schilderung hebt sich angenehm von ähnlichen Publikationen aus den Kriegsjahren ab. Hentig bekennt sich als Deutscher, schildert seine Erlebnisse jedoch ohne jeden Hurra-Patriotismus. Erfahrungen, |
| Ein wenig hat er diesen Zwist nach dem Ende seiner Zentralasien-Durchquerung in Hankau formuliert: | Ein wenig hat er diesen Zwist nach dem Ende seiner Zentralasien-Durchquerung in Hankau formuliert: | ||
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| - | Ausgerüstet war er mit einem zwei Meter langen [[wiki: | + | Ausgerüstet war er mit einem zwei Meter langen [[wiki: |
| - | Drei Tage lief er ohne Wasser, dann brach er zusammen. [[wiki: | + | Drei Tage lief er ohne Wasser, dann brach er zusammen. [[wiki: |
| - | Etwa ein Jahr blieb er bei den Beduinen, lernte deren [[wiki: | + | Etwa ein Jahr blieb er bei den Beduinen, lernte deren [[wiki: |
| Erst Ende 1947 durfte er die Beduinen verlassen und ging nach Kairo. Seine Versuche, sich einen Paß und eine Fahrkarte nach Europa zu organisieren, | Erst Ende 1947 durfte er die Beduinen verlassen und ging nach Kairo. Seine Versuche, sich einen Paß und eine Fahrkarte nach Europa zu organisieren, | ||
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| ==== Das Ende einer Bergfahrt ==== | ==== Das Ende einer Bergfahrt ==== | ||
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| Für kurze Zeit landeten beide im Militärgefängnis von Lahore, kamen dann ins Internierungslager Ahmednagar und trafen dort auf //„drei Mitglieder der deutschen Nanga-Parbat-Expedition sowie zwei Bayern, die mit einem Schweizer in Sikkim gewesen waren.“// ((Kolb, Einzelgänger im Himalaja, 71)) Einer der Bayern war ein Bäcker, der einige Jahre später nach einem Fluchtversuch von Dörflern wegen seines Geldes erschlagen wurde, vermutlich Schmaderer (s. Kap. 1). Die beiden lernten Hindustani und andere Sprachen. Später kamen sie nach Deolali, dann nach Dehra-Dun. Sie unternahmen keinen Fluchtversuch und wurden bereits 1944 entlassen, da sie außerhalb des Lagers als Lehrer tätig waren. | Für kurze Zeit landeten beide im Militärgefängnis von Lahore, kamen dann ins Internierungslager Ahmednagar und trafen dort auf //„drei Mitglieder der deutschen Nanga-Parbat-Expedition sowie zwei Bayern, die mit einem Schweizer in Sikkim gewesen waren.“// ((Kolb, Einzelgänger im Himalaja, 71)) Einer der Bayern war ein Bäcker, der einige Jahre später nach einem Fluchtversuch von Dörflern wegen seines Geldes erschlagen wurde, vermutlich Schmaderer (s. Kap. 1). Die beiden lernten Hindustani und andere Sprachen. Später kamen sie nach Deolali, dann nach Dehra-Dun. Sie unternahmen keinen Fluchtversuch und wurden bereits 1944 entlassen, da sie außerhalb des Lagers als Lehrer tätig waren. | ||
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| - | 1940 erklärte Frankreich den Waffenstillstand. Damit fehlte ihm dann auch die letzte Perspektive.// | + | 1940 erklärte Frankreich den Waffenstillstand. Damit fehlte ihm dann auch die letzte Perspektive.// |
| ==== 3.3 Mitten im Putsch ==== | ==== 3.3 Mitten im Putsch ==== | ||
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| ==== I am sailin' | ==== I am sailin' | ||
| - | Afrika lockt ihn. In Brindisi, wo er eigentlich auf den Dampfer nach Griechenland wartet, kauft er spontan die //„Santa Barbara“,// | + | Afrika lockt ihn. In Brindisi, wo er eigentlich auf den Dampfer nach Griechenland wartet, kauft er spontan die //„Santa Barbara“,// |
| ==== Illegal in Palästina ==== | ==== Illegal in Palästina ==== | ||
| - | Am 19. Oktober 1935 betritt er illegal Palästina, gibt sich als Jude aus und arbeitet dort einen Winter lang. Im nächsten Jahr fährt er über Port Said und durch den Suez-Kanal nach Port Sudan. Dort verkauft er sein Schiff für 175 Pfund (wieder einmal ein gutes Geschäft) ((Meiss-Teuffen, | + | Am 19. Oktober 1935 betritt er illegal Palästina, gibt sich als Jude aus und arbeitet dort einen Winter lang. Im nächsten Jahr fährt er über Port Said und durch den Suez-Kanal nach Port Sudan. Dort verkauft er sein Schiff für 175 Pfund (wieder einmal ein gutes Geschäft) ((Meiss-Teuffen, |
| ==== Kriegsdienst in Helvetia ==== | ==== Kriegsdienst in Helvetia ==== | ||
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| ==== Alles im Lot auf'm Boot ==== | ==== Alles im Lot auf'm Boot ==== | ||
| - | Er kaufte sich im Juli 1945 ein Schiff, die// „Speranza“,// | + | Er kaufte sich im Juli 1945 ein Schiff, die// |
| Am 11. März 1946 segelte er schließlich weiter. Drei Wochen blieb er in Tanger, ebenso lange in Gibraltar, und hielt dort Vorträge über Einhandsegeln vor den englischen Offizieren und Kadetten. Den vorläufigen Abschluß seiner zwölfjährigen Vagabundenzeit auf dem Meer bildete die Überquerung des Atlantiks in der Rekordzeit von 58 Tagen über Neufundland und Neuschottland. Es schlossen sich drei Jahre in Amerika an und im April 1949 finden wir ihn in Alaska überwinternd und dieses Buch schreibend. Drei Vortragsreisen durch die USA und Deutschland folgten 1949/50. | Am 11. März 1946 segelte er schließlich weiter. Drei Wochen blieb er in Tanger, ebenso lange in Gibraltar, und hielt dort Vorträge über Einhandsegeln vor den englischen Offizieren und Kadetten. Den vorläufigen Abschluß seiner zwölfjährigen Vagabundenzeit auf dem Meer bildete die Überquerung des Atlantiks in der Rekordzeit von 58 Tagen über Neufundland und Neuschottland. Es schlossen sich drei Jahre in Amerika an und im April 1949 finden wir ihn in Alaska überwinternd und dieses Buch schreibend. Drei Vortragsreisen durch die USA und Deutschland folgten 1949/50. | ||
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| - | Schwierig war es, einen Platz auf einem Schiff nach Europa zu bekommen. Das gelang ihm erst mit einem gefälschten Paß, der ihn als Schweizer ausgab, und ihm die [[wiki: | + | Schwierig war es, einen Platz auf einem Schiff nach Europa zu bekommen. Das gelang ihm erst mit einem gefälschten Paß, der ihn als Schweizer ausgab, und ihm die [[wiki: |
| Fünf „Schweizer“, | Fünf „Schweizer“, | ||
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| === Von New York nach Norwegen === | === Von New York nach Norwegen === | ||
| - | Wieder einmal war ein neuer Paß nötig: Wenn er sich als Franzose ausgeben würde, holten ihn die Engländer vom Schiff und schickten ihn nach Frankreich, damit er seine Militärpflicht erfüllte. Und als Schweizer? // „Aber gerade als Schweizer Staatsangehöriger hatte man bei den Engländern mit einer besonders scharfen Kontrolle zu rechnen, da sich alle diejenigen, die eine fremde Sprache nicht fließend beherrschten, | + | Wieder einmal war ein neuer Paß nötig: Wenn er sich als Franzose ausgeben würde, holten ihn die Engländer vom Schiff und schickten ihn nach Frankreich, damit er seine Militärpflicht erfüllte. Und als Schweizer? //„Aber gerade als Schweizer Staatsangehöriger hatte man bei den Engländern mit einer besonders scharfen Kontrolle zu rechnen, da sich alle diejenigen, die eine fremde Sprache nicht fließend beherrschten, |
| Die französische Schweiz kannte Killinger gut aus seiner Schulzeit und war dort bei dem Geistlichen '' | Die französische Schweiz kannte Killinger gut aus seiner Schulzeit und war dort bei dem Geistlichen '' | ||
| - | Abends läßt er sich von Freunden ins Kreuzverhör nehmen, bis er alle Angaben widerspruchsfrei beherrscht. Auch sein Äußeres trimmt er auf Matrose: // „... ich brachte mir an mehreren Stellen der Finger kleine Verletzungen bei und hielt dann die Hände in Petroleum, in dem vorher rostige Eisenstücke gelegen hatten. Die Finger schwollen natürlich sofort an, und der Rost setzte sich in den Ritzen der Haut fest. Dies Verfahren wirkte vorzüglich. Nach wenigen Tagen schon hatte ich eine richtige Seemannsfaust. ... Auch mein Gebiß paßte schlecht zu einem Matrosen. Früher hatte ich einmal durch einen Sturz mit meinem Flugzeug einen Vorderzahn eingebüßt, | + | Abends läßt er sich von Freunden ins Kreuzverhör nehmen, bis er alle Angaben widerspruchsfrei beherrscht. Auch sein Äußeres trimmt er auf Matrose: //„... ich brachte mir an mehreren Stellen der Finger kleine Verletzungen bei und hielt dann die Hände in Petroleum, in dem vorher rostige Eisenstücke gelegen hatten. Die Finger schwollen natürlich sofort an, und der Rost setzte sich in den Ritzen der Haut fest. Dies Verfahren wirkte vorzüglich. Nach wenigen Tagen schon hatte ich eine richtige Seemannsfaust. ... Auch mein Gebiß paßte schlecht zu einem Matrosen. Früher hatte ich einmal durch einen Sturz mit meinem Flugzeug einen Vorderzahn eingebüßt, |
| Auf dem norwegischen Dampfer // | Auf dem norwegischen Dampfer // | ||
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| Reisende werden in Kriegszeiten wie Soldaten, Gefangene, Spione behandelt (Aram, Harrer, Sattler). Reisende sind in Kriegszeiten nun einmal häufig nicht mehr selbstbestimmt, | Reisende werden in Kriegszeiten wie Soldaten, Gefangene, Spione behandelt (Aram, Harrer, Sattler). Reisende sind in Kriegszeiten nun einmal häufig nicht mehr selbstbestimmt, | ||
| - | Ein Flüchtiger wandelt auf der Grenze zwischen beiden Extremen. Have bemerkt das bereits auf der Flucht: // „Erst jahrelang als Gefangener reines Objekt, das alles mit sich geschehen läßt, dann plötzlich, das Geschick an sich reißend, selbstbestimmter, | + | Ein Flüchtiger wandelt auf der Grenze zwischen beiden Extremen. Have bemerkt das bereits auf der Flucht: //„Erst jahrelang als Gefangener reines Objekt, das alles mit sich geschehen läßt, dann plötzlich, das Geschick an sich reißend, selbstbestimmter, |
| Andererseits wurden hin und wieder aus Soldaten Reisende, die auf sich allein gestellt eigene Entscheidungen treffen mußten. Gunther Plüschow und Erich Killinger sind nach ihrer Flucht fast ein Jahr unterwegs, Werner-Otto von Hentig reist freiwillig in geheimer Mission. Dabei kann der Eindruck des Reisens so stark sein, daß aus zwangsweise Reisenden später freiwillig Reisende wurden: Plüschow nahm seinen Abschied und war bis 1931 immer wieder auf langen Reisen, ebenso Colin Ross, der im Ersten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter tätig war. | Andererseits wurden hin und wieder aus Soldaten Reisende, die auf sich allein gestellt eigene Entscheidungen treffen mußten. Gunther Plüschow und Erich Killinger sind nach ihrer Flucht fast ein Jahr unterwegs, Werner-Otto von Hentig reist freiwillig in geheimer Mission. Dabei kann der Eindruck des Reisens so stark sein, daß aus zwangsweise Reisenden später freiwillig Reisende wurden: Plüschow nahm seinen Abschied und war bis 1931 immer wieder auf langen Reisen, ebenso Colin Ross, der im Ersten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter tätig war. | ||
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| Wer sich derart unvermittelt in Feindesland wiederfand konnte mit etwas Glück, Papieren, Geld und schneller Entschlußkraft noch in neutrale Länder ausreisen. Walter-Eberhard Freiherr von Medem hat soviel Glück, als er kurz vor der Kriegserklärung Englands noch an Bord eines deutschen Dampfers kommt. John Hagenbeck empört sich über seine Ausweisung aus Ceylon, wo er schon viele Jahre lebte, doch die zurückgebliebenen Deutschen wurden entgegen aller Zusagen interniert. Nur selten gelang es Reisenden, im jeweiligen Aufenthaltsland zu bleiben und normal zu leben: Hans Helfritz war zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Südamerika, | Wer sich derart unvermittelt in Feindesland wiederfand konnte mit etwas Glück, Papieren, Geld und schneller Entschlußkraft noch in neutrale Länder ausreisen. Walter-Eberhard Freiherr von Medem hat soviel Glück, als er kurz vor der Kriegserklärung Englands noch an Bord eines deutschen Dampfers kommt. John Hagenbeck empört sich über seine Ausweisung aus Ceylon, wo er schon viele Jahre lebte, doch die zurückgebliebenen Deutschen wurden entgegen aller Zusagen interniert. Nur selten gelang es Reisenden, im jeweiligen Aufenthaltsland zu bleiben und normal zu leben: Hans Helfritz war zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Südamerika, | ||
| - | Wer es nicht schaffte, sich rechtzeitig abzusetzen, dem drohte neben dem Unwillen der Bevölkerung Hausarrest, die Internierung in Gefängnis, Zuchthaus oder Konzentrationslager. Concentration camps gab es bei den Engländern bereits im Ersten Weltkrieg - allerdings waren diese nicht mit den Konzentrationslagern der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. Auch die Vichy-Regierung im besetzten Frankreich richtete Konzentrationslager ein: //„In diesen Lagern ... werden gespeist, gekleidet und zu nützlicher Arbeit angehalten alle jene unerwünschten und nicht anpassungsfähigen Elemente, die sich anders nicht weiterhelfen könnten: alle jene, die sonst in die Fremdenlegion eingetreten wären, Landstreicher und Heruntergekommene, | + | Wer es nicht schaffte, sich rechtzeitig abzusetzen, dem drohte neben dem Unwillen der Bevölkerung Hausarrest, die Internierung in Gefängnis, Zuchthaus oder Konzentrationslager. Concentration camps gab es bei den Engländern bereits im Ersten Weltkrieg - allerdings waren diese nicht mit den Konzentrationslagern der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. Auch die Vichy-Regierung im besetzten Frankreich richtete Konzentrationslager ein: //„In diesen Lagern ... werden gespeist, gekleidet und zu nützlicher Arbeit angehalten alle jene unerwünschten und nicht anpassungsfähigen Elemente, die sich anders nicht weiterhelfen könnten: alle jene, die sonst in die Fremdenlegion eingetreten wären, Landstreicher und Heruntergekommene, |
| Die Lagersysteme glichen sich überall auf der Welt und machten den Internierten das Leben mal mehr, mal weniger schwer. Zunächst einmal waren es tatsächlich „Konzentrationslager“: | Die Lagersysteme glichen sich überall auf der Welt und machten den Internierten das Leben mal mehr, mal weniger schwer. Zunächst einmal waren es tatsächlich „Konzentrationslager“: | ||
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| ===== 7 Verweise ===== | ===== 7 Verweise ===== | ||
| siehe auch\\ | siehe auch\\ | ||
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wiki/flucht.1776270664.txt.gz · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke
