Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


wiki:fremdem_begegnen

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.

Link zu dieser Vergleichsansicht

Beide Seiten der vorigen RevisionVorhergehende Überarbeitung
Nächste Überarbeitung
Vorhergehende Überarbeitung
wiki:fremdem_begegnen [2026/04/15 16:31] – ↷ Links angepasst, weil Seiten im Wiki verschoben wurden Norbert Lüdtkewiki:fremdem_begegnen [2026/07/28 12:45] (aktuell) – Externe Bearbeitung 127.0.0.1
Zeile 8: Zeile 8:
   es liegen ganz Afrika und alle seine Wunder in uns.   es liegen ganz Afrika und alle seine Wunder in uns.
   Sir Thomas Brown   Sir Thomas Brown
-Der Fremde, Die Fremde, Das Fremde … das Phänomen der darin enthaltenen Fremdheit ist [[wiki:universalismus|universal]], seine Bedeutungen sind vielfältig und kaum faßbar. Die nachfolgenden Überlegungen begrenzen sich auf eine bestimmte Perspektive: Was bedeutet Fremdheit für [[wiki:reisende|Reisende]] unterwegs? Das Fremde in der Heimat ist Thema der Ethnologen, [[wiki:voelkerkunde|Völkerkunde]](museen) und [[wiki:liste_ausstellungen|Ausstellungen]]. \\ +Der Fremde, Die Fremde, Das Fremde … das Phänomen der darin enthaltenen Fremdheit ist [[wiki:universalismus|universal]], seine Bedeutungen sind vielfältig und kaum faßbar. Die nachfolgenden Überlegungen begrenzen sich auf eine bestimmte Perspektive: Was bedeutet Fremdheit für [[wiki:reisende|Reisende]] unterwegs? Das Fremde in der Heimat ist Thema der Ethnologen, [[wiki:voelkerkunde|Völkerkunde]](museen) und [[wiki:liste_ausstellungen|Ausstellungen]].\\ 
 Anders als Exilanten ziehen wir immer wieder in andere Fernen; anders als etwa der Bundeswehrsoldat am Hindukusch sind wir selbstbestimmt unterwegs; anders als Migranten haben wir eine Heimat, in die wir zurückkehren, anders als Urlauber suchen wir eher das Fremde als das Vertraute und genießen es … Im Vordergrund stehen für uns [[wiki:neugier|Neugier]] und [[wiki:fernweh|Fernweh]], ein [[wiki:unterwegs-sein|Unterwegs-sein]] als anhaltender Zustand, im Gefühl: die [[wiki:welt|Welt]] ist schön und es gibt noch viel zu seh’n. Unsere Art, Fremdheit zu erleben, ist geprägt durch [[wiki:zeit_musse|Zeit]], [[wiki:freiheit|Freiheit]] und besonders durch das Neue. Anders als Exilanten ziehen wir immer wieder in andere Fernen; anders als etwa der Bundeswehrsoldat am Hindukusch sind wir selbstbestimmt unterwegs; anders als Migranten haben wir eine Heimat, in die wir zurückkehren, anders als Urlauber suchen wir eher das Fremde als das Vertraute und genießen es … Im Vordergrund stehen für uns [[wiki:neugier|Neugier]] und [[wiki:fernweh|Fernweh]], ein [[wiki:unterwegs-sein|Unterwegs-sein]] als anhaltender Zustand, im Gefühl: die [[wiki:welt|Welt]] ist schön und es gibt noch viel zu seh’n. Unsere Art, Fremdheit zu erleben, ist geprägt durch [[wiki:zeit_musse|Zeit]], [[wiki:freiheit|Freiheit]] und besonders durch das Neue.
  
Zeile 20: Zeile 20:
 ==== Das Neue ==== ==== Das Neue ====
 Dass nichts älter sei als die Zeitung von gestern klingt uns selbstverständlich, bedeutet aber auch, dass täglich Neues gefunden werden muß. Bei wem? Viele [[wiki:reisende|Reisende]] kennen das Gefühl, unterwegs gut auf Zeitungen und andere Medien nicht nur verzichten zu können, sondern sie auch für überflüssig zu halten. Warum? Dass nichts älter sei als die Zeitung von gestern klingt uns selbstverständlich, bedeutet aber auch, dass täglich Neues gefunden werden muß. Bei wem? Viele [[wiki:reisende|Reisende]] kennen das Gefühl, unterwegs gut auf Zeitungen und andere Medien nicht nur verzichten zu können, sondern sie auch für überflüssig zu halten. Warum?
-Vielleicht, weil Reisende selber gleich mehrfach das Neue in der [[wiki:welt|Welt]] finden: Sie erleben selbst jeden Tag Neues (und Fremdes); sie erscheinen den Anderen als neu (und fremd); und sie bringen Neues (und Fremdes) mit nach Hause. Die Perspektive des Reisenden war dem »rasenden Reporter« ''Egon Erwin Kisch'' ein Werkzeug für die alltägliche Arbeit:// »Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt!«// ((''Egon Erwin Kisch'': //Der rasende Reporter//. Vorwort))+Vielleicht, weil Reisende selber gleich mehrfach das Neue in der [[wiki:welt|Welt]] finden: Sie erleben selbst jeden Tag Neues (und Fremdes); sie erscheinen den Anderen als neu (und fremd); und sie bringen Neues (und Fremdes) mit nach Hause. Die Perspektive des Reisenden war dem »rasenden Reporter« ''Egon Erwin Kisch'' ein Werkzeug für die alltägliche Arbeit://»Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt!«// ((''Egon Erwin Kisch'': //Der rasende Reporter//. Vorwort))
  
 ==== Die Neugier ==== ==== Die Neugier ====
Zeile 45: Zeile 45:
   Wilhelm Müller, 1794-1824: Gute Nacht (Winterreise)   Wilhelm Müller, 1794-1824: Gute Nacht (Winterreise)
  
-Man geht freilich nicht in die Fremde, um sich der Heimat zu entfremden, aber einen vernünftigen Sinn hat das Reisen doch nur insofern, als es von der [[wiki:sehnsucht|Sehnsucht]] eingegeben ist, zu dem heimisch Schönen sich etwas fremd schönes einzuverleiben, innerlich reicher zu werden aus den Schätzen der Fremde, indem man an ihnen teilnimmt. ((''Otto Julius Bierbaum'' (= Martin Möbius) 1865-1910 //Die Yankeedoodle-[[wiki:fahrt|Fahrt]] //. 1909 München))\\ +Man geht freilich nicht in die Fremde, um sich der Heimat zu entfremden, aber einen vernünftigen Sinn hat das Reisen doch nur insofern, als es von der [[wiki:sehnsucht|Sehnsucht]] eingegeben ist, zu dem heimisch Schönen sich etwas fremd schönes einzuverleiben, innerlich reicher zu werden aus den Schätzen der Fremde, indem man an ihnen teilnimmt. ((''Otto Julius Bierbaum'' (= Martin Möbius) 1865-1910 //Die Yankeedoodle-[[wiki:fahrt|Fahrt]]//. 1909 München))\\ 
 Manche meinen, das Fremde stünde im Gegensatz zum Eigenen. Dann müßte alles, was anders ist als man selbst, fremd sein. Ein Gedanke, der Globetrottern fremd erscheinen muß. Schließlich neigen Reisende dazu, alles aufzusuchen, was ihnen fremd erscheint und allein dadurch in immer größeren Bahnen ihre Welt zu erweitern. Manche meinen, das Fremde stünde im Gegensatz zum Eigenen. Dann müßte alles, was anders ist als man selbst, fremd sein. Ein Gedanke, der Globetrottern fremd erscheinen muß. Schließlich neigen Reisende dazu, alles aufzusuchen, was ihnen fremd erscheint und allein dadurch in immer größeren Bahnen ihre Welt zu erweitern.
 Das Fremde erscheint vielmehr an der Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen, zwischen sich Selbst und der Welt dort draußen, meist dann, wenn der Raum zwischen nah und fern verändert wahrgenommen wird ((Wieder drängt sich der Bezug zur Wahrnehmung von Raum, Welt und Selbst auf. Das wird auch an dieser Stelle nicht weiter verfolgt)). Und weil das Eigene und das Andere für jeden anders ist, läßt sich das Fremde nicht objektiv erkennen. Dem einen erscheint fremd, was dem anderen vertraut ist. Das Fremde ist also ein subjektives Befinden, das ein Bündel von Gefühlen auslöst, besonders heftig bei der ersten, unvermittelten, plötzlichen Begegnung mit dem Anderen. Damit muß man erst einmal klarkommen. Man kann erschrecken, erstaunen, verwundern …wird hin und her geworfen von Angst und Interesse, von Widerwille und Faszination, ist eher angezogen oder eher abgestoßen. Das Fremde erscheint vielmehr an der Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen, zwischen sich Selbst und der Welt dort draußen, meist dann, wenn der Raum zwischen nah und fern verändert wahrgenommen wird ((Wieder drängt sich der Bezug zur Wahrnehmung von Raum, Welt und Selbst auf. Das wird auch an dieser Stelle nicht weiter verfolgt)). Und weil das Eigene und das Andere für jeden anders ist, läßt sich das Fremde nicht objektiv erkennen. Dem einen erscheint fremd, was dem anderen vertraut ist. Das Fremde ist also ein subjektives Befinden, das ein Bündel von Gefühlen auslöst, besonders heftig bei der ersten, unvermittelten, plötzlichen Begegnung mit dem Anderen. Damit muß man erst einmal klarkommen. Man kann erschrecken, erstaunen, verwundern …wird hin und her geworfen von Angst und Interesse, von Widerwille und Faszination, ist eher angezogen oder eher abgestoßen.
Zeile 52: Zeile 52:
 //»Erzähl’ doch mal, wie war’s unterwegs?«// Die große Mehrheit der Nicht-Globetrotter begnügt sich mit dem indirekten, gefilterten Erlebnis: dem Erzählten, der Diashow, dem Reisebericht, der Fernsehsendung. Die Furcht und das Staunen bewegen zwar alle Menschen dazu, sich mit der Welt zu beschäftigen, jedermann ist fasziniert und interessiert, aber …! Das durch Ekel, Angst oder Widerwille erzeugte Prickeln läßt sich mit wohligem Schauder ertragen, wenn das Andere nicht wirklich nah ist. Zur schnellen Flucht genügt es, die Augen zu schließen.\\  //»Erzähl’ doch mal, wie war’s unterwegs?«// Die große Mehrheit der Nicht-Globetrotter begnügt sich mit dem indirekten, gefilterten Erlebnis: dem Erzählten, der Diashow, dem Reisebericht, der Fernsehsendung. Die Furcht und das Staunen bewegen zwar alle Menschen dazu, sich mit der Welt zu beschäftigen, jedermann ist fasziniert und interessiert, aber …! Das durch Ekel, Angst oder Widerwille erzeugte Prickeln läßt sich mit wohligem Schauder ertragen, wenn das Andere nicht wirklich nah ist. Zur schnellen Flucht genügt es, die Augen zu schließen.\\ 
 Ganz so schwarz-weiß sind die Unterschiede natürlich nicht. Assimilatives Reisen strengt an und so kennt auch jeder Globetrotter die kleinen Fluchten: Rückzug ins Reisemobil, die deutsche Bäckerei in Bangkok, die Übernachtung im Best Western, den Strandurlaub zum Ende der Reise … gesteht man sich augenzwinkernd zu, genießt den Stilbruch. Auf der anderen Seite erhält der Studienreisende seinen freien Nachmittag ohne Gruppenzwang und der Cluburlauber bestellt sich ein Taxi in die Stadt.\\  Ganz so schwarz-weiß sind die Unterschiede natürlich nicht. Assimilatives Reisen strengt an und so kennt auch jeder Globetrotter die kleinen Fluchten: Rückzug ins Reisemobil, die deutsche Bäckerei in Bangkok, die Übernachtung im Best Western, den Strandurlaub zum Ende der Reise … gesteht man sich augenzwinkernd zu, genießt den Stilbruch. Auf der anderen Seite erhält der Studienreisende seinen freien Nachmittag ohne Gruppenzwang und der Cluburlauber bestellt sich ein Taxi in die Stadt.\\ 
-Doch sie alle – Reisende, Urlauber, [[wiki:liste_ausstellungen#Auswanderer|Auswanderer]], Auslandtätige – erleben eine »persönliche Fremdheit« ((Die sehr sinnvolle Unterscheidung zwischen persönlicher und kultureller Fremdheit, die der systemtheoretischen Perspektive von Mikro- und Makroebene entspricht, stammt von ''Meinhard Schuster'': //Ethnische Fremdheit, ethnische Identität//. In: Derselbe: //Die Begegnung mit dem Fremden // (=Colloquium Rauricum 4) Teubner Stuttgart 1996)), ausgelöst durch eine unvermittelte Begegnung. Der Umgang mit ihr unterscheidet sie voneinander. Im Urlaub herrscht das Gefühl vor, die [[wiki:welt|Welt]] habe eine Bringepflicht, schließlich habe man ja für Leistung bezahlt. Gesteigertes Anspruchsverhalten, verminderte soziale Hemmungen und ein eingeschränktes Schamgefühl führen in der Fremde häufig zu Konflikten ((Fremdes verstehen. Sympathie Magazin 28. 1994/2000, 68 S. www.sympathiemagazin.de)).\\ +Doch sie alle – Reisende, Urlauber, [[wiki:liste_ausstellungen#Auswanderer|Auswanderer]], Auslandtätige – erleben eine »persönliche Fremdheit« ((Die sehr sinnvolle Unterscheidung zwischen persönlicher und kultureller Fremdheit, die der systemtheoretischen Perspektive von Mikro- und Makroebene entspricht, stammt von ''Meinhard Schuster'': //Ethnische Fremdheit, ethnische Identität//. In: Derselbe: //Die Begegnung mit dem Fremden// (=Colloquium Rauricum 4) Teubner Stuttgart 1996)), ausgelöst durch eine unvermittelte Begegnung. Der Umgang mit ihr unterscheidet sie voneinander. Im Urlaub herrscht das Gefühl vor, die [[wiki:welt|Welt]] habe eine Bringepflicht, schließlich habe man ja für Leistung bezahlt. Gesteigertes Anspruchsverhalten, verminderte soziale Hemmungen und ein eingeschränktes Schamgefühl führen in der Fremde häufig zu Konflikten ((Fremdes verstehen. Sympathie Magazin 28. 1994/2000, 68 S. www.sympathiemagazin.de)).\\ 
 Bei den meisten selbstbestimmt Reisenden mündet assimilatives Reisen jedoch nicht in Assimilation oder Auswanderung, sondern in einem vollständigeren Bewußtsein der eigenen Identität. Wer sich etwa in unserer wenig religiös geprägten Gesellschaft leichthin als Atheist bezeichnet, wird beim Eintauchen in eine andere, extrem religiös geprägte Gesellschaft, sehr genau auf sein religiöses Selbstverständnis hin befragt und erhält Gelegenheit, sich damit intensiver auseinanderzusetzen als er dies je zu Hause tun würde.\\  Bei den meisten selbstbestimmt Reisenden mündet assimilatives Reisen jedoch nicht in Assimilation oder Auswanderung, sondern in einem vollständigeren Bewußtsein der eigenen Identität. Wer sich etwa in unserer wenig religiös geprägten Gesellschaft leichthin als Atheist bezeichnet, wird beim Eintauchen in eine andere, extrem religiös geprägte Gesellschaft, sehr genau auf sein religiöses Selbstverständnis hin befragt und erhält Gelegenheit, sich damit intensiver auseinanderzusetzen als er dies je zu Hause tun würde.\\ 
 In gewisser Weise eignet sich ein entdeckendes, assimilatives Reisen die Welt an. Diese Aneignung äußert sich praktisch etwa in Souvenirs, Fotos, Filmen, Reiseberichten, im Aufschreiben, im Berichten zuhause, im Reflektieren … Die Welt erscheint dort, wo man war und in dem, was man selbst erlebt hat, nicht mehr völlig fremd. Die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen wird diffus. Das Eigene tritt deutlicher hervor, weil es sich immer und immer wieder mit dem Anderen auseinandersetzt und sich von ihm abgrenzen muß. »Der Stachel des Fremden« ((''Bernhard Waldenfels'': //Der Stachel des Fremden//. Frankfurt am Main 1990, S. 65: Fremderfahrung zwischen Aneignung und Enteignung)) wirkt als »Prozeß, in dem Eigenes und Fremdes, Eigenartiges und Fremdartiges durch Differenzierung entstehen.«. Paradoxerweise führt also assimilatives Reisen dazu, sich stärker abzugrenzen, indem man Erlebnisse und Erfahrungen reflektiert. In gewisser Weise eignet sich ein entdeckendes, assimilatives Reisen die Welt an. Diese Aneignung äußert sich praktisch etwa in Souvenirs, Fotos, Filmen, Reiseberichten, im Aufschreiben, im Berichten zuhause, im Reflektieren … Die Welt erscheint dort, wo man war und in dem, was man selbst erlebt hat, nicht mehr völlig fremd. Die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen wird diffus. Das Eigene tritt deutlicher hervor, weil es sich immer und immer wieder mit dem Anderen auseinandersetzt und sich von ihm abgrenzen muß. »Der Stachel des Fremden« ((''Bernhard Waldenfels'': //Der Stachel des Fremden//. Frankfurt am Main 1990, S. 65: Fremderfahrung zwischen Aneignung und Enteignung)) wirkt als »Prozeß, in dem Eigenes und Fremdes, Eigenartiges und Fremdartiges durch Differenzierung entstehen.«. Paradoxerweise führt also assimilatives Reisen dazu, sich stärker abzugrenzen, indem man Erlebnisse und Erfahrungen reflektiert.
Zeile 90: Zeile 90:
 ==== Der Fremde als Barbar ==== ==== Der Fremde als Barbar ====
  
-Wenn uns »etwas spanisch vorkommt« dann sind es meist »böhmische Dörfer«. Dagegen spricht man im Tschechischen von „spanischen Dörfern“ (španělské věsnice), während den Spaniern eher chinesisch zumute ist: »es como si me hablaran en chino«. \\ +Wenn uns »etwas spanisch vorkommt« dann sind es meist »böhmische Dörfer«. Dagegen spricht man im Tschechischen von „spanischen Dörfern“ (španělské věsnice), während den Spaniern eher chinesisch zumute ist: »es como si me hablaran en chino«.\\ 
 Was man nicht versteht, kommt von weit her, etwa aus der Walachei ((Walachen bezeichnet romanischsprachige Volksgruppen in Südosteuropa. Die Bezeichnung kommt wohl aus dem Germanischen, das entsprechende Wurzelwort "welsch/walch" ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem keltischen Volksnamen abgeleitet (Wikipedia) und findet sich auch in Wales und Wallis)). Dort spricht man natürlich //Kauderwelsch//. Solche Leute »brabbeln« eine Art »Blah-Blah« und man versteht nur »Rhabarber, Rhabarber«.\\  Was man nicht versteht, kommt von weit her, etwa aus der Walachei ((Walachen bezeichnet romanischsprachige Volksgruppen in Südosteuropa. Die Bezeichnung kommt wohl aus dem Germanischen, das entsprechende Wurzelwort "welsch/walch" ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem keltischen Volksnamen abgeleitet (Wikipedia) und findet sich auch in Wales und Wallis)). Dort spricht man natürlich //Kauderwelsch//. Solche Leute »brabbeln« eine Art »Blah-Blah« und man versteht nur »Rhabarber, Rhabarber«.\\ 
 Ein //Barbar// war im antiken Griechenland jemand, der kaum Griechisch sprach. Das Wort fand Eingang in fast alle europäischen Sprachen. Dabei ist es so alt, daß es sich auch im Sanskrit findet (barbarāh), im Persischen, Armenischen, Arabischen (Berber) … Auf drei Kontinenten bezeichnen sich also Völker mit dem gleichen Wort gegenseitig als sprachunkundig und wählen dafür paradoxerweise ein Wort, das von allen verstanden wird. Die dahinter erkennbare Haltung scheint [[wiki:universalismus|universal]] gültig zu sein, denn weltweit bezeichnen sich viele Ethnien in ihrer Eigenbezeichnung schlicht als »Menschen« ((Inuit, Khoi Khoin (Menschen der Menschen), Roma, Na-Uni (= Komantschen. erste Menschen), Ainu (Japan), Kanaken (Hawaii), Nenzen (Ural), Zulu, Bantu, Kikuyu (Kenia), Malaien (Orang Melayu = umherschweifende Menschen), Yamana und Shelk’enan (= Jaghan und Ona auf Feuerland: vernunftbegabte Wesen), Orawelat (= Tschuktschen), Numang-Kake (= Mandan-Indianer), Odulpa (= Jukagieren in Nordost-Sibirien), Andamanen (= Oenge), Alemannen, Hunnen, Magyaren)).\\  Ein //Barbar// war im antiken Griechenland jemand, der kaum Griechisch sprach. Das Wort fand Eingang in fast alle europäischen Sprachen. Dabei ist es so alt, daß es sich auch im Sanskrit findet (barbarāh), im Persischen, Armenischen, Arabischen (Berber) … Auf drei Kontinenten bezeichnen sich also Völker mit dem gleichen Wort gegenseitig als sprachunkundig und wählen dafür paradoxerweise ein Wort, das von allen verstanden wird. Die dahinter erkennbare Haltung scheint [[wiki:universalismus|universal]] gültig zu sein, denn weltweit bezeichnen sich viele Ethnien in ihrer Eigenbezeichnung schlicht als »Menschen« ((Inuit, Khoi Khoin (Menschen der Menschen), Roma, Na-Uni (= Komantschen. erste Menschen), Ainu (Japan), Kanaken (Hawaii), Nenzen (Ural), Zulu, Bantu, Kikuyu (Kenia), Malaien (Orang Melayu = umherschweifende Menschen), Yamana und Shelk’enan (= Jaghan und Ona auf Feuerland: vernunftbegabte Wesen), Orawelat (= Tschuktschen), Numang-Kake (= Mandan-Indianer), Odulpa (= Jukagieren in Nordost-Sibirien), Andamanen (= Oenge), Alemannen, Hunnen, Magyaren)).\\ 
Zeile 110: Zeile 110:
 ==== Der Fremde als Eindringling ==== ==== Der Fremde als Eindringling ====
  
-Im Jahre 802 verbot ''Karl der Große'', dem Fremden das Gastrecht vorzuenthalten. ((''Gerhard Köbler'': //Zielwörterbuch europäischer Rechtsgeschichte//, 4. A. 2007, mit Hinweis auf: Söllner §§ 6, 7, 8, 9; Hübner 83, 460; Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 71, 88, 120; Köbler, WAS;\\ ''L. v. Bar:'' //Das Fremdenrecht u. seine volkswirtschaftliche Bedeutung//, 1892; //L’Étranger//, 1958; //Die Begegnung mit dem Fremden//, ''M. Schister'' (Hg.) 1996; ''Seiring, C.,'' //Fremde in der Stadt// (1300-1800), 1999; ''Cavallar, F.:'' //The rights of strangers//, 2002)) \\  +Im Jahre 802 verbot ''Karl der Große'', dem Fremden das Gastrecht vorzuenthalten. ((''Gerhard Köbler'': //Zielwörterbuch europäischer Rechtsgeschichte//, 4. A. 2007, mit Hinweis auf: Söllner §§ 6, 7, 8, 9; Hübner 83, 460; Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 71, 88, 120; Köbler, WAS;\\ ''L. v. Bar:'' //Das Fremdenrecht u. seine volkswirtschaftliche Bedeutung//, 1892; //L’Étranger//, 1958; //Die Begegnung mit dem Fremden//, ''M. Schister'' (Hg.) 1996; ''Seiring, C.,'' //Fremde in der Stadt// (1300-1800), 1999; ''Cavallar, F.:'' //The rights of strangers//, 2002))\\  
-Das der persönlichen Ebene entstammende Gastrecht ging mit zunehmender staatlicher Organisation, Kontrolle und Gewalt in das Fremdenrecht des Staates über. Dem Reisenden außerhalb touristischer Systeme steht die Möglichkeit offen, Gastrecht zu erhalten, also als Einzelner aufgenommen zu werden in eine Gemeinschaft. Der als Gast aufgenommene Fremde bietet den Vorteil, über keinerlei eigene Interessen mit dem Ort und den Menschen, die ihn aufgenommen haben, verbunden zu sein. Er hat dort kein Haus, kein Heim, keine Familie, keine Geschichte, keinen Beruf, keine Freunde … \\ +Das der persönlichen Ebene entstammende Gastrecht ging mit zunehmender staatlicher Organisation, Kontrolle und Gewalt in das Fremdenrecht des Staates über. Dem Reisenden außerhalb touristischer Systeme steht die Möglichkeit offen, Gastrecht zu erhalten, also als Einzelner aufgenommen zu werden in eine Gemeinschaft. Der als Gast aufgenommene Fremde bietet den Vorteil, über keinerlei eigene Interessen mit dem Ort und den Menschen, die ihn aufgenommen haben, verbunden zu sein. Er hat dort kein Haus, kein Heim, keine Familie, keine Geschichte, keinen Beruf, keine Freunde …\\ 
 Jeder, der sich durch solche Beziehungen in seiner Heimat beengt fühlt, empfindet in dieser Situation eine unendliche *[[wiki:freiheit|Freiheit]] von etwas. Das ist aber auch den Menschen bewußt, zwischen denen er lebt. Und so gilt der Fremde als jemand, den man um Rat fragen kann, weil er unverdächtig ist, Partei zu ergreifen für diesen oder jenen ((Zur Objektivität des Fremden siehe ''Georg Simmel'': //Soziologie//. 1908 a.a.O. S. 509-512)). Jedoch nur, wenn die Umstände stimmen. Hat die Gemeinschaft dagegen Anlaß zur Sorge, gibt der Fremde ebenso einen hervorragenden Sündenbock ab.\\  Jeder, der sich durch solche Beziehungen in seiner Heimat beengt fühlt, empfindet in dieser Situation eine unendliche *[[wiki:freiheit|Freiheit]] von etwas. Das ist aber auch den Menschen bewußt, zwischen denen er lebt. Und so gilt der Fremde als jemand, den man um Rat fragen kann, weil er unverdächtig ist, Partei zu ergreifen für diesen oder jenen ((Zur Objektivität des Fremden siehe ''Georg Simmel'': //Soziologie//. 1908 a.a.O. S. 509-512)). Jedoch nur, wenn die Umstände stimmen. Hat die Gemeinschaft dagegen Anlaß zur Sorge, gibt der Fremde ebenso einen hervorragenden Sündenbock ab.\\ 
 In jedem Fall bewegt sich der Reisende in einer Situation, in die er als Tourist innerhalb geschützter touristischer Systeme niemals gelangen kann. Reisende, die sich außerhalb touristischer Einrichtungen und Zonen bewegen, können dagegen leicht in solche Situationen geraten; Globetrotter gehen dieses Risiko eher ein. Beispielhaft schildert dies ''Heinrich Harrer'' in //Sieben Jahre in Tibet//. Gemeinsam mit ''Peter Aufschnaiter'' wandert er in Tibet von Dorf zu Dorf ohne Gastfreundschaft zu erhalten. Bestenfalls wurden sie ignoriert. Niemand wollte ihnen etwas verkaufen oder mit ihnen tauschen. Fremde waren nicht erwünscht. In jedem Fall bewegt sich der Reisende in einer Situation, in die er als Tourist innerhalb geschützter touristischer Systeme niemals gelangen kann. Reisende, die sich außerhalb touristischer Einrichtungen und Zonen bewegen, können dagegen leicht in solche Situationen geraten; Globetrotter gehen dieses Risiko eher ein. Beispielhaft schildert dies ''Heinrich Harrer'' in //Sieben Jahre in Tibet//. Gemeinsam mit ''Peter Aufschnaiter'' wandert er in Tibet von Dorf zu Dorf ohne Gastfreundschaft zu erhalten. Bestenfalls wurden sie ignoriert. Niemand wollte ihnen etwas verkaufen oder mit ihnen tauschen. Fremde waren nicht erwünscht.
wiki/fremdem_begegnen.1776270665.txt.gz · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke

Donate Powered by PHP Valid HTML5 Valid CSS Driven by DokuWiki