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Weltanschauung

»Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, 
welche die Welt nicht angeschaut haben.« 

Dieses Bonmot von Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) basiert auf der Einsicht: Erkenntnis bedarf der Erfahrung. Kurt Tucholsky (1890 bis 1935) schlußfolgerte daraus:

»Man sollte jedem Deutschen noch fünfhundert Mark dazu geben,
damit er ins Ausland reisen kann.
Er würde sich manche Plakatanschauung abgewöhnen,
wenn er vorurteilslos genug ist, die Augen aufzumachen.«

Von Dichtern, Schriftstellern, Philosophen finden sich zahlreiche Bonmots die das Reisen loben. Selten wird es grundsätzlich verdammt, wie etwa von Blaise Pascal (1623-1662): »Alles Unglück des Menschen kommt daher, daß er nicht ruhig in einem Zimmer verweilen kann.« Viel häufiger sind die Warnungen derjenigen, die für sich selbst das Reisen loben, andere jedoch warnen zu glauben, dass jeder es ihnen gleich tun könne.

Für Laurence Sterne (1713-1768) war nur der »empfindsame« Reisende in der Lage zu reisen, nicht aber die Masse der aus »Hochmut, Neugierde, Eitelkeit …« Reisenden 1). Wie man die Welt dagegen richtig anschaut, konnte man in den zahlreichen Apodemiken des 16., 17. und 18. Jahrhunderts nachlesen, die die richtige Weltanschauung zur Wissenschaft machten.

Die Einigkeit darüber ging im 19. Jahrhundert verloren und spätestens für Herrmann Graf Keyserling (1880-1946) war die Welt nur Mittel zum Selbstzweck: »Was mich hinaustreibt in die weite Welt, ist eben das, was so viele ins Kloster getrieben hat: die Sehnsucht nach der Selbstverwirklichung.« 2) Das Motiv kommt bei Laurence Sterne noch nicht vor, behauptet sich aber im 20. Jahrhundert und findet erst im 21. Jahrhundert seine Grenzen.

Die Lebensreisestile des 20. Jahrhunderts durchliefen etliche Reisegenerationen, deren gemeinsames Bemühen darin bestand, Massen, Klassen und Konventionen zu überwinden. Das ist so gründlich gelungen, dass sich die Selbstverwirklicher heute fragen müssen: Wie kann ich einzigartig reisen, wenn alle einzigartig reisen? Selbstverwirklichung beim Reisen bedeutet im 21. Jahrhundert, die Welt nicht anzuschauen, sondern als Kulisse zu benutzen für Selfies: »Hier bin nur Ich«. Das Smartphone wird zum Spiegel des modernen Narziss, die Weltanschauung ist 4.096 Pixel breit.

Vielleicht muss erst eine ganze Generation in der Echokammer aufgewachsen sein, bevor sie wieder über die Welt staunen kann. Die FAZ berichtete im April 2019 über eine social-media-Gruppe, die sich anlässlich der Europawahl auf die Kölner Domplatte ins real-life traute und staunend feststellte, dass man ein Gefühl für die Menschen bekäme und überhaupt ganz andere Menschen träfe 3).

Für Andreas Reckwitz 4) ist die Selbstverwirklichung als Modell zur Lebensführung fragwürdig geworden, weil sie ihren Gegenpol - das Korsett gesellschaftlicher Zwänge 5) – verloren hat. 1965 fiel auf und provozierte, wer sich eine Blume ins Haar steckte. Heute muss man sich mehr einfallen lassen als eine rote Irokesenfrisur. Nach Indien zu reisen reicht jedenfalls nicht. Die Todesfälle bei Selfies 6) nehmen zu, weil jedes Bild die Einzigartigkeit des Narziss zeigen muss. Dass die Welt nicht nur Bühne ist, entscheidet sich beim Absturz. Nicht das Reisen steht im Vordergrund, sondern wie man dabei rüberkommt was zurückkommt, Likes zum Beispiel. Nach dem Selfie ist vor dem Selfie. Auch das kann zum Hamsterrad werden, so wie früher die gesellschaftliche Routine empfunden wurde. Auf Bestätigung zu warten baut Erwartung auf und verharrt darin. Nicht erfüllte Erwartungen ergeben Enttäuschung, Leere, Defizite, Sinnverlust. Reisen ist Bewegen.

Das, was verloren ging - die gesellschaftlichen Zwänge - findet sich bewahrt in Sprichwörtern, denn Sprichwörter sind bewährte Handlungsempfehlungen der Allgemeinheit:
»Reisen wechselt das Gestirn, aber weder Kopf noch Hirn«, weiß der Volksmund in zahlreichen Varianten seit der Antike 7) und auch außerhalb Deutschlands (dänisch, italienisch, polnisch). Seit mindestens zweitausend Jahren schaut das sesshafte Volk also skeptisch auf die zurückgekehrten Vielgereisten. Während die Reisenden glauben ihr Weltverständnis vertieft zu haben, zweifelt die Gemeinschaft an deren Integrationsbereitschaft: »Viele kommen von Reisen zurück, das Gewissen beschwert, die Gesundheit verzehrt, die Sünden vermehrt, die Sitten verkehrt, das Herz bethört, ein Brocken dem Teufel beschert«. Wessen Weltanschauung setzte sich wohl letztlich durch? Und wenn schon jemand sich die Welt anschauen will, so fordert das sesshafte Volk, dass er etwas Nützliches mitbringen soll: »Wer will fern mit Nutzen raisen, der muss haben Falcken Augen, Esels Ohren, Schweinsrüssel, Eselsrucken und eines Hirschen Fuss.« Von Selbstverwirklichung unterwegs ist in den Sprichwörtern jedenfalls nicht die Rede.


siehe auch
* Welt
* Erde

1)
Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. London 1768
2)
Reisetagebuch eines Philosophen
3)
FAZ 13.04.2019 Julia Anton: Mit neuen Ideen zu mehr Wahlbeteiligung
4)
Andreas Reckwitz
Die Gesellschaft der Singularitäten
Zum Strukturwandel der Moderne
5. Auflage. Suhrkamp, Berlin 2018, ISBN 978-3-518-58706-5
5)
01.04.1983 Der Spiegel. Ariane Barth: Die Globetrotter: Aus allen Zwängen fliehen
6)
Selfies: A boon or bane? https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6131996/ J Family Med Prim Care. 2018 Jul-Aug; 7(4): 828–831. doi: 10.4103/jfmpc.jfmpc_109_18
7)
Seneca: Peregrinatio non facit medicum, non oratorem
wiki/weltanschauung.1555222319.txt.gz · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)

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