Ueber das Reisen der Teutschen
Der Reisende
ein Wochenblatt zur Ausbreitung gemeinnüzziger Kenntnisse. Hamburg 1782: Matthiessen, S. 6–11 Online
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Ausser den Juden, reiset wol kein Volk mehr, als Teutsche. Franzosen wagen sich zwar, ausser ihren Besitzungen in andern Welttheilen, bis nach Rusland; und reiche Englander leben, um zu sparen, öfter in Frankreich, Italien und Spanien: aber von keinem Volke reisen doch so viele Jünglinge und Männer, aus allen Ständen, als von Teutschen. Seit den Kreuzzuegen reiseten Teutsche in das Morgenland; und noch jetzt entsagen Teutsche Schiffer, Jare lang, dem häuslichen Leben, um durch Frachtfahrten im Mittelländischen Meere zu gewinnen. Und so weit Schiffe gehn können, wagen sich der Teutsche Kaufmann und Künstler, um neue Kenntnisse und Gewinne für ihr Vaterland zu holen. Wo ist wol eine wichtige Europäische Manufactur- oder Handels-Stadt, wo nicht Teutsche wonen, oder mehrere Jare sich aufhalten? Die weise Anordnung, das Teutsche Handwerker wenigstens 3 Seestädte besuchen mussen; und die noch eifrigere Lernbegierde derjenigen, die bis Rusland, Polen, Ungern, Dänemark, England und Frankreich, auch bis in Italien hinein, reisen; diese verschaffet den Haubtstädten Teutschlands die erfarensten Handwerker: da man hingegen die äuserste Unwissenheit und Ungeschiklichkeit bemerkt, sobald man in Niedersächsische Landtstädtchen kömmt, wo die Jünglinge kindisch an den Müttern hängen, und fürchten, ausser ihrer
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Heimath nicht mehr so guthes Haus-gebakkenes Brod und so guthes Haus-Getränk zu finden.
Aus Teutschland reiset aber auch jährlich eine Mänge begütherter Jünglinge, die nicht gezwungen sind, wie der Kaufmann und Handwerker, auf Reisen Gewinn zu suchen; oder gar, wie letztre, sich kümmerlich hindurch zu arbeiten: sondern die, bei aller Bequemlichkeit, den noethigen Aufwand machen können, um ihre Menschen- und Sachen-Runde zu erweitern. Weil diese aber an Kenntnissen gewöhnlich nicht so viel zurükbringen, als sie an Baarschaften verlieren: so scheinen wol einige Vorschläge zum nüzlichern Reisen nicht überflussig. Wir brauchen zwar nicht, hier zu erwänen, das der junge Reisende schon Lebensart und Ton vornämer Gesellschaften gelernet, und den rohen Charakter eines Schülers abgelegt haben müsse; eh er es wagen dürfe, in Haubtstädten sich in grosse Gesellschaften einführen zu lassen, oder Personen aus der grossen Welt zu besuchen. Denn, warum wollte ein Teutscher die Schmach seiner rohern Vorfaren verewigen, und Ausländer in dem Argwone bestärken, als wenn aus Teutschlande die meisten unerzogenen Jünglinge kämen? (Schlimm genug, das wolerzogene Teutsche in Paris es fur Höflichkeit annemen müssen, wenn man ihnen sagt, sie seyn würdig, Franzosen zu seyn!) Das man auch vor der Reise schon so weit gewitzigt seyn müsse, um sich nicht, wie der Aesopische Rab vom Fuchse, übertölpeln zu lassen: das versteht sich freilich auch von selbst. Denn, vor der nöthigen Reife des Verstandes, kann ein Reisender, durch seine
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Beobachtungen, dem Vaterlande das nicht wieder verschaffen, was er dem baren Vermögen desselben entzieht. Das allernöthigste Erfoderniss aber zu einer Beobachtungs-Reise ist, nächst dem Mutterwitze, der sogenannte Schulwitz, oder Sprachen- und Sachen-Kenntnisse aus Büchern. Denn man mus doch vorher wissen, was Andre schon beobachteten oder auszeichneten; eh man etwas für neue Bemerkung halten oder ausschreiben darf. Die vollständigsten und genauesten Landesbeschreibungen, und die scharfsinnigsten Bemerkungen über Sitten und Gebräuche der Völker, zu denen man reisen will, mus man also vorher sorgfältig gelesen, und sich eigen gemacht haben; auch einige Handbücher solcher Art bei sich führen. Das man auch die Sprachen der Völker, die man besuchen will, besonders diejenigen der grossen Welt, Italiänisch und Französisch, vollkommen verstehn und fertig sprechen müsse, das versteht sich auch von selbst: weil man sonst, weder im gemeinen Leben, noch im Umgange, lernen kann: (Es würde einem Unkundigen sonst überall so gehn wie Jenem, der in Manci keinen Buchladen erfragen konnte, obgleich deren mehrere dort sind.) Ist der Reisende mit allen diesen Eigenschaften und Hülfmitteln ausgerüstet, so kommt es nur auf die zu besuchenden Lander an, damit er wirklich neue Kenntnisse, zur Bereicherung seines Vaterlandes, einsammeln könne.
Die meisten Reisenden aus Nieder-Teutschland eilen, von Bremen, Münster, oder Frankfurth, sogleich westwärts nach Amsterdam oder
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Paris; und wänen, eine grosse Reise durch Europa gemacht zu haben, wenn sie durch Straßburg, Basel, Genv, bis Rom, oder gar bis Napoli, gekomunen sind. Diesen grand Tour de l'Europe macht Einer so wie der Andre: kein Wunder also, wenn hier keine wigtige neue Bemerkungen mehr gemacht werden; und der Aufwand auf solche Reise, besonders auf die kurze nach Paris, mehr weggeworfen ist, als er auf jede andre seyn würde. Der Aufenthalt zu Paris mag noch so nützlich seyn, um Französische Lebensart zu lernen; und derjenige in Italien, um den Geschmak in Künsten zu bilden: so würde doch der Nutzen von Reisen durch das ganze westliche und südliche Frankreich weit grösser seyn, um Neues sehn und beobachten zu können. Wieviel mehr Neues würde man nicht in Marseille bemerken, als in Venedig? Und dennoch fållt jene Reise fast niemanden ein, sondern alle begnügen sich, den grand Tour gemacht zu haben. - Auch ein Aufenthalt in Nord-England und Süd-Scotland wurde weit mehr Neues lehren, als die kleine Reise um London herum, über die fast keiner hinaus denkt.
Aber sollten Teutsche nicht noch lieber Teutschland selbst, nebst allen Ländern, wo man teutscht spricht, durchreisen? oder vielmehr in allen Haubtstädten Teutscher Völker sich gewisse Zeit aufhalten? sollten sie nicht zuerst das ganze grosse Volk wollen kennen lernen, dessen Denkarten und Sitten so verschieden, als dessen Mundarten sind? und das so sehr gekannt zu werden verdient, weil es nicht nur unser gemeinschaftliches Vaterland, sondern auch dasnige
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der nüzlichsten Erfinder ist? Dürfer einem lernbegierigen Reisenden Länder und Städte gleichgültig seyn, in denen, zusammengenommen, man weit mehr Nüzliches und Schönes lernet und sieht, als in Paris und London? (Wir denken nicht daran, Teutsche Beobachter vom Besuchen fremder Länder abzurathen; aber man sollte entweder das grosse merkwürdige Teutschland erst ganz kennen, eh man sich zur dummen Bewundrung fremder Länder und Völker hinreissen liesse: oder, wer vorher die Fremde besuchte, der sollte nachher auch Länder und Völker, die ihn weit näher angehn, schätzen lernen.) Man musste nicht das geringste von Teutschland gehört oder gelesen haben, wenn man nicht begierig werden sollte, dessen natürliche und erworbne Vorzüge näher zu kennen. Sollten Ost- und West-See, der Harz, die Böhmischen und Slesischen Gebirge, die würtembergische rauhe Alpe, und alle Oesterreichischen Alpen, bis an den Venetischen Meerbusem, nicht herrliche Anblikke genug gewähren, wenn man auch nie über Gränzen Teutscher Völker hinaus käme? Kann man den schauerhaft schönen Rheinfall nicht schauen, ohne weit über die Gränze zu gehn? Wo kann man tiefere und schönere Gruben befahren, als am Harze? Wo ist grösserer Reichthum an Gewächsen, als auf allen genannten Gebirgen? Wo blühet Landbau mehr, als im Würtembergischen, in Brandenburgischen Ländern, und im östlichen Holstein? Wo der Handel mehr, als in Hamburg? Wo ist mehr Indüstrie und Polizei, als im Brandenburgischen? - Fast alle Manufacturen
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der Welt kann man in Berlin, in Wien, Augsburg und Nürnberg sehn. Geschmak an schönen Künsten wird in eben diesen Städten, zu Dresden, Cassel, Mannheim, München, und Stutgard, reichlich gesätiger. Die reichsten Fürsten und Privatleute wetteifern mit Italiänern, Engländern und Franzosen, um alles, was schön und prachtig ist, in Teutschland zusammen zu bringen. Nirgends sind grössere, mehrere, und gemeinnützigere Bücher und Naturaliensammlungen, als in Teutschland, besonders zu Wien, Berlin, Dresden, Göttingen und Cassel. Und in allen diesen, und einigen andern, Städten lernet man zugleich die würdigsten Menschen unter Gelehrten und Künstlern kennen; so das der Aufenthalt in Berlin allein Ersatz genug für Paris sein könnte, wenn man leztres auch nie zu sehn bekäme. Und welche auserlesene Gesellschaften aufgeklärter Kaufleute, Gelehrteit und Künstler, kann nicht ein Reisender, der solcher würdig ist, zu Berlin, Leipzig und Hamburg finden? Wenn wir auch des schönen Geschlechts nicht erwänen wollen, das in diesen Städten, durch natürlichen Witz und gebildeten Verstand, der Bewunderung des Teutschen Mannes würdiger ist, als die meisten Damen in Paris, mit ihrer enciclopediquen Lectüre.
