Herodot IV 85, 87Dies ist eine alte Version des Dokuments!
Inhaltsverzeichnis
Globalisierung
Der fahrende Händler war immer schon angewiesen auf Fortbewegung, Transportmittel, Kommunikation und vor allem Wissen. Auf dieser Grundlage erst ist Handel mit Waren möglich.
Wird dies regelhaft über Hindernisse hinweg betrieben, die durch Geographie, Sprache und Kultur bestehen, sind »Netzwerke« erforderlich mit besonderen Funktionen: Begleiter, Boten, Dolmetscher, Fährmann, Führer, Kundige, Steuermann, Träger, Wächter, die dem Reisenden im Zwischenraum helfen.
»Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht.« Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus 1847
Der Weg nach Norden und der Weg nach Süden
- Den interkontinentalen Fernhandel haben wohl zuerst die Phönizier betrieben, also die Küstenbewohner der heutigen Staatsgebiete von Israel, Libanon, Syrien im dritten Jahrtausend vor Christus, die mit ihren Mittelmeerfahrten Afrika, Asien und Europa verbunden haben und wahrscheinlich bis Skandinavien segelten.
- Den Weg nach Norden (Norwegen, Norway, norðrvegr) nahmen die Normannen
- Der weitere Weg nach Norden via Färöer, Island, Grönland führte die Wikinger bis Nordamerika.
- Auf dem Weg nach Süden hinterließen die Wikinger ihre Spuren in Jütland, Friesland, der Normandie, in der Bretagne und in Britannien, auf den Azoren und schließlich auch in Sizilien.
- Auf dem europäischen Festland führte der Weg nach Süden lange Zeit vorwiegend über die Alpenpässe nach Italien.
- Fernhandelsnetzwerke bildeten:
- Die Wangara vom Niger im Raum der Transsahara-Routen bis Ceuta (spanische Exklave seit der Eroberung durch Heinrich den Seefahrer 1415).
Der Weg nach Osten und der Weg nach Westen
- Die indoeuropäische Expansion fand auf dem Weg nach Westen das Ende der Welt am Atlantik, etwa am Kap Finisterre oder am Nordkap, dahinter kam Mundus est fabula, siehe Raumvorstellungen.
- Der Bosporos bildete das Nadelöhr für Reisen und Verkehr zwischen Europa und Asien. Bis ins 20. Jahrhundert gab es dort keine Brücke, jedoch ist der Bau einer provisorischen Schiffbrücke überliefert. 513 BC ließ der persische König
Dareiossie bauen im Rahmen eines Feldzuges gegen die Skythen. 1) - Die persische Königsstraße des 5. Jahrhunderts BC führte dagegen nach Sardes und Ephesus, weit südlich vom Bosporus. Als Schlüsselstelle der Pilgerroute ins Heilige Land 2) wurde der Übergang erst im spätrömischen Kaiserreich bedeutend, verstärkt durch die Verlegung der Hauptstadt hierher. Zuvor müssen die beiden Häfen von Chalkedon (türk. Kadıköy) jedoch bedeutender gewesen sein, denn Calcedonia wird in der einzigen erhaltenen antiken Karte genannt 3), in den ältesten Itinerarien namentlich als Ziel angegeben: »Calcedonia, traiectus in Bithinia« 4), während im Itinerarium Burdigalense 5) das neu gegründete Konstantinopel weniger beachtet wird als der Übergangshafen. 6)
- Im 4. Jahrhundert BC öffnete die Expedition und der Feldzug Alexanders des Großen bis nach Indien und Zentralasien neue Verbindungen durch das neu gewonnene geographische Wissen. Damit begann die griechisch-römische Herrschaft über Ägypten und dadurch der Zugang zum Indischen Ozean bis 395 nach Christus.
- 114 BC reiste die erste Seidenkarawane Chinas nach Westen: über Tarimbecken und Pamir, längs von Oxus und Jaxartes. Danach zogen jährlich 12 Karawanen bis nach Tyros am Mittelmeer. Vorher verhinderten die Hiung-nu (Hunnen) den Handel zwischen Ost und West. 7). Dieser Karawandenhandel hatte mehrere Höhepunkte, fand jedoch langsam sein Ende bis zum 16. Jahrhundert.
- Fernhandelsnetzwerke bildeten:
- Die Hokkien aus Fujian im Chinesischen Meer
- Die ägyptischen Karimi und der Seehandel im Indischen Ozean
- Aber erst
Kaiser Karl V.(1500–1558) konnte behaupten, dass über seinem Reich die Sonne niemals unterginge, denn als in Aachen gekrönter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches herrschte er über Teile Europas, Amerikas und der Philippinen und schuf die Voraussetzungen für das »Abenteuer Fernhandel« und dessen neuzeitliche Handelskompanien. Die niederländische Vereinigte Ostindische Companie VOC ab 1602 und die englische East India Company EIC ab 1600 wurden zu den ersten Weltkonzernen 8), die wiederum den Weg für die Kolonisierung Asiens und Afrikas bereiteten.
Merkmale der Globalisierung
Im europäischen Recht haben sich vier vertraglich verankerte Grundfreiheiten herauskristallisiert, die auch Basis für Gesetzgebung und Rechtsprechung sind, nämlich freier Verkehr von
- Waren (auch: Warenverkehrsfreiheit, freier Warenverkehr)
- Dienstleistungen (Dienstleistungsfreiheit)
- Kapital (freier Kapital- und Zahlungsverkehr)
- Personen (Personenfreizügigkeit und Niederlassungsfreiheit)
Diese vier Faktoren ermöglichen »Globalisierung« im europäischen Rahmen, indem sie nicht nur physischen Transport, sondern auch Arbeit und Geld möglichst reibungsfrei über Grenzen fließen lassen. Interessanterweise fehlt die Freiheit der Information.
Der Ökonom Branko Milanović beschreibt, wie sich die Netzwerke in drei Phasen neu verflechten mussten:
- Erstens trennten sich Produktion und Konsum räumlich, indem Waren hergestellt wurden, die man am Produktionsort nicht benötigte, während es Händler gab, die wussten, wo es diesen Bedarf gab. Das setzte ein Transportnetz voraus.
- In der zweiten Phase verlagerte sich die Produktion in einem sozialen Gefälle hinab zu den Rändern mit geringeren Kosten, dabei wurden aus Entwicklungsländern »Schwellenländer«. Das setzte ein finanzielles Netzwerk voraus.
- Jetzt in der dritten Phase könnte sich die Arbeit vom Ort der Produktion trennen, also zur Heimarbeit irgendwo auf der Welt. Das setzte ein Datennetzwerk voraus.
„Strukturbildende Fernverflechtungen“ (Jürgen Osterhammel) lassen sich als Netz verstehen, in dem handelnde Menschen sich bewegen (Migration & Reisen), in dem Werte ausgetauscht werden (Wertsysteme & Kapital), Güter bewegt werden (Gepäck & Transport) und Wissen übertragen wird (Translatio studii & Translation). Da alle diese Vorgänge voneinander abhängen, muss sich ein Gleichgewicht der Kräfte einstellen, das aber auch ausmittelnd wirkt und damit ein einseitiges Wachstum verhindert bzw. Handlungsfreiheiten einschränkt. Globalisation in diesem Sinne muss aber nicht erdumspannend sein, sondern findet dort statt, wo sich Fremdes begegnet.
- Zur Begriffsgeschichte siehe ZfL »Globalisierung « und das Kulturglossar
Die heutige Globalisierung ist nicht die erste. Es werden also geschichtlich immer wieder Kräfte wirksam, die die Globalisierung zurückdrängen. Als solche erscheinen in der heutigen Zeit:
- Pandemien (Corona), die die Freizügigkeit des Reisens beschränken und daraus folgend
- Lock-downs, die zudem den Warentransport (z.B. Containerverladung in Häfen) beeinträchtigen;
- Personalmangel bei Flughäfen und Flugzeugen
- Klimawandel > Mindern von CO2-Emissionen > Verringern des Energieverbrauchs durch Reisen und Transport
- Mehr Naturkatastrophen als Folge des Klimawandels
- Revanchismus und Imperialismus (Russland, China), die die Freizügigkeit des Reisens beschränken und daraus folgend Krieg, Zerstörung und Boykott
- Gestörte Lieferketten, steigende Transportkosten > Regionalisierung
Literatur
Fitch, Chris
Globalografie. 50 Karten erklären die Welt von heute.
Karten von Sam Vickars. Aus dem Englischen übsersetzt von Theresia Übelhör. Aktuelle Themen werden statistisch-global betrachtet und komemntiert. 224 Seiten mit 50 farbigen Karten, DuMont 2019 InhaltHarmsen, Andrea
Globalisierung und lokale Kultur. Eine ethnologische Betrachtung.
Hamburg 1999: LITUlrike von Hirschhausen,Jörn Leonhard
„Empires“. Eine globale Geschichte 1780–1920.
736 S. München 2023: C.H. Beck.Hitchner, Bruce R.
Globalization Avant la Lettre: Globalization and the History of the Roman Empire. In: New Global Studies 2.2 (2008) DOIFranz Hümmerich
Die erste Deutsche Handelsfahrt nach Indiën 1505-1506:
Ein Unternehmen der Welser, Fugger und anderer Augsburger sowie Nürnberger Häuser.
Historische Bibliothek Bd. 49, 150 S., München 1922: Oldenbourg.Enid Kopper,Rolf Kiechl
Globalisierung - von der Vision zur Praxis. Methoden und Ansätze zur Entwicklung interkultureller Kompetenz. Zürich 1997.Erik Orsenna
Weiße Plantagen
Eine Reise durch unsere globalisierte Welt
288 S. C.H.Beck München 2007
Auf den Spuren der Socken durch die Welt der Baumwolle, die in 100 Ländern angebaut oder verarbeitet wird. Der Autor reist durch Mali, Brasilien, Ägypten, Usbekistan, China, Frankreich. Dafür erhielt er 2006 den Ulysses-Preis für Reportagen.Osterhammel, Jürgen, Niels P. Petersson
Geschichte der Globalisierung
Dimensionen, Prozesse, Epochen.
München 2012: C. H. Beck. S. 25, 112Pfister, Ulrich
Globalisierung
in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2012-05-15. Online
Spickermann, WolfgangDie kirchliche Organisation des spätantiken Pilgerwesens.
211-220 in: Für Seelenheil und Lebensglück. Das byzantinische Pilgerwesen und seine Wurzeln, Mainz 2018
Salway, R. W. B.There but not there: Constantinople in the Itinerarium Burdigalense.
S. 293-324 in: Lucy Grig, Gavin Kelly: Two Romes : Rome and Constantinople in Late Antiquity. Oxford 2012: Oxford University Press.
Albert HerrmannDie alten Seidenstraßen zwischen China und Syrien.
(=Quellen und Forschungen zur alten Geschichte und Geographie, 21), Berlin 1910: Weidmann
Jürgen G. NagelAbenteuer Fernhandel. Die Ostindienkompanien
Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2007
