Inhaltsverzeichnis
Itinerar
Die antiken römischen Wurzeln des Itinerars
»Itinerar(ium)« wurzelt im lateinischen ire 'gehen', daraus abgeleitet iter 'Weg' und in itinere für verschiedene Zustände der Fortbewegung auf einem Weg, schließlich iter terrestre, iter pedestre ab augustinischer Zeit für eine Route über Land.
→ Formentabellen lateinischer Begriffe: Iter, Itinerarium
Die ältesten schriftlichen Belege für Itinerarium finden sich erst spätrömisch im Ausgang des 4. Jahrhunderts n. Chr.
- bei dem Militärschriftsteller
Flavius Vegetius Renatusin Epitoma rei militaris (Veg. Mil. 3, 6) 1) umfasst das 'itineraria provinciarum' deutlich mehr als nur eine Liste von Ortsnamen, nämlich so ziemlich alles, was man auch heute von einem Reiseführer erwartet.
Beide verwenden den Begriff im Zusammenhang mit der Vorbereitung eines Feldzuges (expedio). Das Itinerarium erscheint hier als Informationssystem mit der Funktion, den Feldzug unterwegs zum Ziel abzusichern. Diese Phase ist daher vor dem Aufbruch abgeschlossen. Dies deckt sich mit der Beschreibung in Historia Augusta, 18. Severus Alexander, LCL 140: 268-269 3)
Michael Rathmann
Orientierungshilfen für antike Reisende in Bild und Wort
S. 289– in: Olshausen, Eckart; Sauer, Vera (Hg.): Mobilität in den Kulturen der antiken Mittelmeerwelt (=Stuttgarter Kolloquium zur Historischen Geographie des Altertums 2011, 11) (= Geographica historica, 31) Franz Steiner Verlag, 2014. Online
Danach findet sich der Begriff erst wieder im Itinerarium Antonini Augusti, in Abschriften aus dem 7. bis 10. Jahrhundert. Dieses enthält tausende von Ortsnamen und bildet eine Sammlung von Itineraren aus dem gesamten Raum des Römischen Reiches, deren Zweck unterschiedlich gedeutet wird.
Etwas später liegt das Itinerarium Burdigalense oder Hierosolymitanum von 333 n. Chr. vor. Die Abschriften aus dem 8. bis 10. Jahrhundert enthalten mehrere Routen für die Pilgerfahrt nach Jerusalem, dargestellt durch Ortslisten.
Ebenfalls eine Pilgerfahrt des 4. Jahrhunderts ist die Peregrinatio Aetheriae, erschlossen durch eine Abschrift aus dem 11. Jahrhundert, der der Anfang fehlt (also auch ein Titel); inhaltlich eine Beschreibung der Pilgerfahrt in Briefen, die erst später auch als Itinerarium Egeriae bezeichnet wird, obwohl keine Ortsliste vorliegt.
Eine Vorgehensweise, römische Itinerarien praktisch zu deuten, zeigt:
Günther Jannach
Matucaium und Beliandrum. Zur Rekonstruktion der Lage von nur aus antiken Itinerarien bekannten Orten in Noricum
Masterarbeit bei Renate Lafer an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt 2022. Online
Kategorien des Itinerars
Ein Itinerar diente zuerst als Werkzeug, hat also einen Zweck und muss nützlich sein. Erst danach kann das Konkrete zum Muster werden, beispielhaft übertragen auf andere Sachverhalte oder gar als Metapher verwendet werden.
- Im Entstehungszusammenhang erscheint das Itinerarium ursprünglich als (militärische) Phase zur Organisation der Vorbereitung der expeditio hinsichtlich der Strecke zum Ziel auf bekanntem Gebiet (damals: Römisches Reich), die sich manifestiert als eine Liste von Stationen, die Etappen widerspiegeln und Orte mit Versorgungsmöglichkeiten bieten. (→
Vegetius, →Marcellinus)- Ein solches Verständnis dürfte mit dem Zerfall des Römischen Reiches obsolet geworden sein.
- Im Verwendungszusammenhang kann ein Itinerar abgeleitet werden aus den Stationen einer Fahrt, die Reisende 'in situ' als Ego-Literatur dokumentieren:
- für bestimmte Empfänger in Briefform (→
Egeria); - für sich selbst als Tagebuch. (→
Musculus)
- Das Itinerar wird zum terminus technicus, wenn aus sekundären Quellen (etwa Herrscherurkunden) Orte als Stationen gedeutet und als Itinerar bezeichnet werden. Daraus sind Wege und Etappen nicht zwingend abzuleiten.
- Ein Itinerar enthält implizit apodemische Aspekte, weil der dargestellte Reiseweg als Auswahl und Empfehlung anzeigt, auf welchem Weg man 'richtig' reist.
- Titel mit umfassenderen Inhalten zeigen manchmal an, dass der Begriff Itinerar zu eng ist, etwa:
- 1433 Hodoeporicon, sive itinerarium
- 1494 Itinerarium sive peregrinatio
- 1593 Itinerarium sive scripturae
- 1603 Deliciae Galliae sive Itinerarium
- 1751 Itinerarium, sive Methodus Apodemica
- Reiseberichte (Descriptio, Tractatus, Liber) werden seit dem Mittelalter auch Itinerar(ium) genannt, obwohl sie erst nach der Reise für ein Publikum entstehen:
Wilbrand von Oldenburg, 1180–1233
Itinerarium sancte terreBurchardus de Monte Sion, zwischen 1274 und 1285
Descriptio locorum terrae sanctae, =Tractatus de Terra Sancta, =Itinerarius terre sancte, =Liber de terra sancta)
- Nicht zuletzt wird Itinerarium zur Metapher für Anleitungen zur inneren, spirituellen Reise, wohl zuerst bei
Bonaventura de Balneoregio, 1217?–1274, Itinerarium mentis in Deum 4) und bezeichnet danach wiederholt auch imaginäre Reisen. - Itinerar wird auch zum Synonym für ältere Reiseliteratur, etwa für die gleichnamige Sammlung der Universität Göttingen, die bereits 1.445 5) ihrer 8.000 Titel digitalisiert hat und anstrebt »daß auf dortiger Bibliotheque sich complet finden mogten […] alle Voyages und Reis Beschreibungen.« (
Gerlach Adolf von Münchhausen1748).
Abgrenzungen
- Periploi und Navigationsanleitungen (1464, 1478, 1490) dienen wie das Itinerar der Routenfindung, jedoch auf See (1578: Epistola continens hodoeporicon navigationis ex Constantinopoli in Syriam).
- 'Itinerarium' steht in keinem direkten Zusammenhang mit dem Zweck am Ziel.
Dieser kann explizit angegeben sein, etwa als Itinerarium Peregrinorum, - Peregrinatio.
Formen des Itinerars
Die Formen eines Itinerars können zwischen einer reinen Liste (Itinerarium Adnotatum) und einer graphischen Darstellung (Itinerarium Pictum) Elemente beider Formen aufweisen.
- In seiner reduziertesten Form als lineare und gerade Liste zeigt ein Itinerar die Orte auf einer gangbaren Route auf dem Land von A nach B im Abstand von Tagesetappen als Reihenfolge (analog dazu listet ein Periplus Häfen und Landmarken während einer Schiffreise auf).
- In der skandinavischen Literatur entwirft der Leiðarvisir 'Wegweiser' im 12. Jahrhundert nach Art eines mehrfachen Itinerars bereits ein europäisches Wegenetz und liefert inhaltlich über Orte und Abstände hinaus auch zweidimensionale Zusammenhänge, indem Knotenpunkte eine Entscheidung über die Richtungswahl verlangen. 6)
- Materiell kann das Itinerar je nach Umfang als Blatt, Rolle (Rotulus) oder geheftete Blätter (codex, libellus) erstellt werden:
Theodericus: Libellus de Locis Sanctis, 1173
- Handgeschriebene Itinerare sind in einer überschaubaren Anzahl überliefert. Die von
Wolkenhauer1907 beschriebene Itinerarrolle (datiert um 1520) ist bis heute ein singulärer Fund (Pablo-Martí2023), technisch ein Rotulus (Miedema2020) und wird informationstechnisch ergänzt durch einen Kalender mit Mondphasen und Feiertagen, sowie durch Stoffmaße für den Fahrenden Händler.
- Grafische Elemente können zusätzliche Informationen transportieren und deuten als Skizze den Übergang zur Karte an:
- kleinere oder größere Abstände zwischen den Orten als ersten Schritt hin zu einem Maßstab;
- geschwungene Linien als erster Schritt hin zu Richtungsangaben;
- Signaturen, die Ortskategorien unterscheiden: Dorf, Stadt, Burg, Kloster …;
- dem Übergang vom Streifenformat (engl. straight-line diagram SLD: strip maps >
John Ogilby1675) zum Rechteck; - ein gezeichnetes Wegenetz.
- Eine vollständige Karte zeigt Himmelsrichtungen – ist also geostet, gesüded oder genorded – sowie einen Maßstab (→ Kartographie) und kann als Weltkarte ein Weltbild enthalten.
→ Zeitleiste des Weltbildes - Karten verdrängen Itinerare nicht, sondern behalten einzelne Elemente.
Thomas Butlerergänzt um 1550 die Gough Map (=Bodleian Map, um 1300) durch 9 Routen in Form von Itineraren. Bis heute werden viele Karten mit Entfernungstabellen und Ortslisten ergänzt, so dass die individuelle Reiseplanung zu einem Itinerar führt.
Der Raum des Itinerars
Ein Itinerar reduziert den unüberschaubaren Zwischenraum zwischen A und B auf eine Reihe von Fixpunkten und erlaubt es, sich darauf zu fokussieren, indem alles andere links und rechts liegengelassen wird.
→ Zeitleiste der Reiseanleitungen
Szabó (2003) wies darauf hin, dass die Anfangs- und/oder Endpunkte mancher (Pilger-)Itinerare jedoch nicht am Wohnsitz des Autors beginnen oder enden, sondern an einem zentraleren Ort (Einsiedeln: 1495 Künig, Lübeck: Hausbok, Avignon: 1350 Bonis …), der vielleicht als Sammelplatz für Pilger diente, zu dem hin ein Itinerar überflüssig war.
- Im vertrauten Raum ist kein Itinerar nötig, weil Orientierung und Kommunikation mit den zuhandenen Mitteln möglich sind.
- Im unbekannten Raum ist kein Itinerar möglich, weil die Orientierung fehlt, die Kommunikation erschwert ist und gesicherte Informationen kaum verfügbar sind. → Dark Companions, Kundige
- Im allgemein bekannten Raum kann ein Itinerar erstellt werden. Voraussetzung für die Erstellung des Itinerars für eine bestimmte Route ist ein Organisationssystem, dass Informationen sammelt und einem Informationsspeicher zuführt.
- Die meisten Itinerare beschreiben lineare Fernverbindungen von A nach B, die in beiden Richtungen genutzt werden können.
- Dabei bilden sich Knotenpunkte (nodal point), die in jedem Fall verbindend wirken (nexus, junction). Als Gabelung oder als Kreuzweg (crossroad) werden sie zu einem Ort für Entscheidungen. Eine herausragende Bedeutung macht sie zur Drehscheibe (hub) zahlreicher Verbindungen und zum Versorgungszentrum.
Der Raum des Römischen Reiches
Die Entferungsangaben im römischen Reich bezogen sich auf das Milliarium Aureum, die unter Kaiser Augustus errichtete Säule im Herzen des antiken Roms beim Tempel des Saturn. Die Welt der römischen Straßen findet sich online bei
- ORBIS mit Routenplanung und Kartenanzeige, Tagesetappen und sogar Reisekosten
- OmnesViae zeigt die Routen auf der Basis des Itinerarium Antonini und der Tabula Peutingeriana (umschaltbar)
- Itiner-e – The Digital Atlas of Ancient Roads
In der Antike war es die Aufgabe von Bematisten (griechisch) und Agrimensoren (römisch) das Heer zu begleiten, dabei den Weg und die Landschaft zu vermessen und Itinerare zu erstellen. Alexander der Große gründete die Bibliothek in Alexandria auch mit dem Ziel, das geographische Wissen seiner Zeit zu sammeln, indem die Itinerare seiner Bematisten und die Periploi der anlegenden Schiffe gesammelt wurden.
→ Ausstellung mit Begleitband: 2020 Auf Achse mit den Römern: Reisen in römischer Zeit
Die Große Wildnis: Wegeberichte durch Litauen
- Die litauischen Wegeberichte des 14. Jahrhunderts scheinen die einzige Itinerarsammlung für eine (menschenleere) Wildnis zu sein. Sie enthalten viele zusätzliche Hinweise und Empfehlungen für die Fahrt durch einen unbekannten Raum (Wildnis) mit mangelnden Versorgungsmöglichkeiten und beschreiben die Landschaft (Flüsse, Seen, Sümpfe, Wälder) mit Orientierungspunkten, besondere Hindernisse sowie gute Rastplätze, Hinweise auf die Versorgung mit Wasser, Nahrung oder Futter für Pferde.
Itinerare als Informationssystem
Die Funktion des Itinerars im informationsverarbeitenden System
| Grundbedürfnisse | → | Informationsspeicher | ← | Input |
|---|---|---|---|---|
| It.-Sammlungen ∩ Wegenetze: Knotenpunkte | Erfahrungen Straßenverzeichnisse |
|||
| ↓ | ||||
| Input | → | Verarbeitung | → | Output |
| Strecke AB | ↓ | Route A→B | ||
| Itinerar | {a1, a2, a3, … an} |
- Stationen ai
- Ni (Namen der Stationen) ≤ n
- Anzahl der Etappen n
- Δ n = 1 Tag
Grundbedürfnisse sind bestimmt durch:
- den Alltag unterwegs und
- durch Versorgungsmöglichkeiten
Der Informationsgehalt des Itinerars
Eine Ortsnamenliste ist notwendig, jedoch nicht hinreichend für ein Itinerar. Hinzu kommt, dass diese Liste räumlich geordnet sein muss, also eine entsprechende Raumvorstellung widerspiegelt. Zudem muss diese Ordnung sich in der Wirklichkeit durch einen gangbaren Weg bewähren, setzt also Erfahrung voraus. Die Routenführung enthält daher implizit
- Informationen über die Gangbarkeit von Wegen und
- die Nützlichkeit von Orten sowie
- einen Zeitplan, weil jede Etappe am selben Tag endet;
- Tagesetappen zeigen an, was unter normalen Umständen möglich ist ( → Reisegeschwindigkeit), auch wenn nicht jede Etappe einen Namen hat
- Gemessene Strecken (Schritte, Meilen, Kilometer) erscheinen zwar objektiv genauer, sind jedoch insbesondere abseits guter Wege nicht aussagekräftig, weil abhängig vom Zustand des Weges, von Hindernissen (Flüssen und Bergen), vom Orientierungsaufwand, von Wetter und Jahreszeit.
Albert von Stade(Annales Stadenses) war 1256 vielleicht der Erste, der für seine Etappen nach Rom Streckenlängen angab.
Einzelne Itinerare werden aus einem Informationsspeicher abgeleitet, dessen Informationsgehalt geeignet ist, zahlreiche Itinerare abzuleiten.
→ Die Entstehung von Itinerar-Sammlungen (Miller 1916: Itineraria Romana)
Der Informationsgehalt von Itinerarspeichern
Itinerarspeicher enthalten als Sammlung einzelner Itinerare die Erfahrungen früherer Reisender. Diese müssen jedoch mit einem Wegenetz als zweitem Informationssystem verbunden werden, damit sie zum einen vergleichbar und durchsuchbar sind und damit zum anderen beliebige neue Itinerare aus den Abschnitten alter Itinerare kombiniert werden können. Dazu bedarf es Informationen über die Knotenpunkte des Wegenetzes:
- Die Edition des Itineraria Antonini Augusti von
CuntzundKubitschekgliedert dessen Informationen in 249 Routen insgesamt und identifiziert 17 Hauptrouten, weist also solche Knotenpunkte auf. - Der Stadiasmus Patarensis kann als Itinerarium Provinciarum Lyciae gedeutet werden und weist geeignete Eigenschaften auf.
Sencer Şahin vermutet, dass es für jede Provinz ein Itinerarium Provinciarum gab und identifiziert ein solches mit dem Stadiasmus Patarensis (auch Miliarium Lyciae), welches 65 Straßenverbindungen für die Provinz Lykien auflistet. Viele davon sind nur noch in Fragmenten oder gar nicht mehr lesbar, 37 sind vollständig (s. Anhang). Den vier kürzesten Strecken mit 24 bzw. 32 Stadien stehen die beiden längsten mit 200 bzw. 240 Stadien gegenüber; Median und Mittelwert betragen 112 Stadien, also etwa 21 km. Patara wird sowohl im It.Ant. als auch in der Tabula Peutingeriana (Patara XIV. Medocia) aufgeführt.
Sencer Şahin, Mustafa Adak
Stadiasmus Patarensis: Itinera Romana Provinciae Lyciae.
(=Gephyra, 1) XXXVII, 332 S. Ill., 2 Karten. Istanbul 2007: Yayınları.
Im Abschnitt „Die Funktion des Monuments“ (S. 11 ff.) werden Meilensteine (miliarium), Itinerarium und Stadiasmus diskutiert und verglichen, die Funktion von Verkehrswegen, die von einem caput viae ausgehen, und der Zweck als Sammlung, aus der individuelle Reiserouten abgeleitet werden konnten. Die Autoren verweisen auf ein vergleichbares Steinprisma aus Tongern, einen Marmorpfeiler aus Autun sowie weitere Quellen. Sahin zitiertVegetius„Itinerarium provinciarum … non tantum adnotata sed etiam picta“ und deutet an, dass dies Stadiasmen sein könnten, ähnlich des Stadiasmus Patarensis, jedoch für andere Provinzen.Onur, Fatih
Parerga to the Stadiasmus Patarensis (16): The Roads, Settlements and Territories
Gephyra, 13 (2016) 89-118, DOIDanny Lee Davis
Commercial Navigation in the Greek and Roman World
360 S. Dissertation at The University of Texas at Austin 2009. Online
Vergleicht Periplus, Stadiasmos und Limenai.
Die 37 Straßenverbindungen (s. Anhang: Tabelle), deren Entfernungsangaben noch lesbar sind, lassen erkennen, dass aus diesem Stadiasmus Itinerare abgeleitet werden können:
- viele Etappen sind so kurz, dass mehrere Etappen zu einer Tagesetappe kombiniert werden können;
- es sind Strecken mit mehreren Etappen erkennbar, z.B. Patara–Xanthos–Sidyma–Kalabatia;
- es sind Knotenpunkte erkennbar, z.B. gehen von Xanthos vier Straßen ab.
Itinerar und Itinerar-Sammlung als Teil eines soziotechnischen Handlungssystems
Reisende (Mikrosystem) nutzen diese Funktion im Entstehungszusammenhang zur Routenplanung vor dem Aufbruch sowie im Verwendungszusammenhang nach dem Aufbruch unterwegs bei der Wegfindung und Orientierung bis zum Ziel.
Das Itinerar wird damit zum Subsystem eines soziotechnischen Handlungssystems.
Diese Funktion ist damit aber auch Teil eines Organisationssystems, das zusammen mit einem Wegenetz ein Netzwerk bildet.
Schließlich können daraus Mesosysteme (Pferdewechselstation, Herberge …) und Makrosysteme (z.B. Beförderungssystem) entstehen.
Beförderungssysteme substituieren das Itinerar teilweise, indem es zum Fahrplan mit fester Streckenführung wird, → Liste der Beförderungssysteme.
Die Begrenztheit von Itineraren
Neue Faktoren beeinflussten ab dem 15. Jahrhundert den Informationsgehalt des Itinerars grundlegend:
- Der systematische Versuch, einen neuen Seeweg nach Asien zu finden, führte jede neue Unternehmung in einen unbekannten Raum, für den es kein Itinerar gab.
- Die Augenzeugenberichte solcher Fahrten in Neue Welten enthielten immer wieder Neues, das alle vorhandenen Kategorien überforderte.
- Im 16. Jahrhundert erscheinen die ersten Reisesammlungen als neuartige Informationsspeicher.
- Im 16. Jahrhundert finden sich in den Titeln der Reiseberichte deutlich vermehrt 'Relation' und 'Account' ( → Reisesammlungen und Publikum )
- Der Buchdruck ermöglichte es, Informationen neu darzustellen, zu komprimieren und zu verbreiten.
- Empfehlungen (Curiosa, Deliciae, Mirabilia urbis Romae …) machen das Itinerar Schritt für Schritt zum Reiseführer, → Zeitleiste der Pilgerfahrten.
- eine formale Systematisierung und eine steigende Informationsdichte mit neuen Formen der Darstellung, wie dies viele Titel erkennen lassen:
- Astygnomon, Burattino (ital.), Columnam Milliariam, »Künstliche anzaygung«, Landtafel, Meilenzeiger, Namen-Weiser, Raißbüchlin, Städte-Weiser, Tabula Pythagorae, Tabula Poliometrica, Viatorium, Warhaffte Beschreibung (Accvrrata Descriptio), Wegzeiger u.a.m.
(Diese Begriffsvielfalt spiegelt sich nicht in anderen Sprachen.)
- Ein veränderter Umgang mit den knappen Ressourcen Zeit (→ Reisegeschwindigkeit) und Geld (→ Reisekosten) erklärt vielleicht den Erfolg der Routenbücher, Strassenverzeichnisse, Wegweiser usw. als Bedürfnis nach einem „least-cost path“.
| Funktion | Form | Informationsgehalt | Titel |
|---|---|---|---|
| Wegweiser | Liste | Ortsfolge als Route | Weg-Weiser |
| Entfernung | Liste | Länge oder Reisetage linear zwischen zwei Orten eindimensional | Meilenzeiger |
| Tabelle | systematische Distanzen zwischen allen Orten zweidimensional | Tabula Poliometrica | |
| Ortsnamen | Liste | Toponyme alphabetisch geordnet | Städte-Weiser |
| Ortskategorien | Signaturen | Städte, Burgen, Märkte, Dörfer, Flecken, Klöster | |
| Raumvorstellung | Schema | Routen als Strahlen von einem Zentrum aus in Himmelsrichtungen vor 1521 Straßburg 1560 Nürnberg 1639 Augsburg | »in einem Cirkel gesetzte Scalae« |
| Liste | Posten (posta stationes) | Kursbuch | |
| Karte | Blick von oben, Maßstab, genordet, Straßen mit Entfernungsangaben | ||
| Hilfsmittel | Tabelle | Quadratzahlen | Tabula Pythagorae |
| Anschauung | Bild | Allegorien, Ansichten | |
| Sprache | Kartusche | Übersetzung | |
| Herrschaft | Kartusche | Wappen, Widmung | |
| Impressum | Kartusche | Zeichner, Stecher, Verleger, Ort, Jahr |
Anhang
Stadiasmus Patara: Straßenverbindungen mit Distanz
| Von | nach | Stadien |
|---|---|---|
| Patara | Xanthos | 56 |
| Xanthos | Sidyma | 94 |
| Sidyma | Kalabatia | 24 |
| Xanthos | Pinara | 136 |
| Xanthos | Tlos | 152 |
| Xanthos | Neisa | 176 |
| Neisa | Khoma | 192 |
| Pinara | Telmessos | 176 |
| Pinara | Tlos | 112 |
| Tlos | Telmessos | 188 |
| Telmessos | Kalynda | 184 |
| Kalynda | Kaunos | 104 |
| Kalynda | Lyrna/Oktapolis | 96 |
| Hippokoume | Symbra | 128 |
| Symbra | Kadyanda | 72 |
| Kadyanda | Telmessos | 104 |
| Kadyanda | Araxa | 108 |
| Kadyanda | Tlos | 160 |
| Araxa | Tlos | 120 |
| Araxa | Oinoanda | 152 |
| Oinoanda | Balboura (durch die Ebene) | 160 |
| Oinoanda | Balboura (durch die Berge) | 128 |
| Balboura | Kibyra via Trimilinda | 136 |
| Tlos | Oinoanda | 200 |
| Tlos | Kastabara | 128 |
| Khoma | Podalia | 48 |
| Khoma | Kodopa/Milyas | 32 |
| Podalia | Arykanda | 136 |
| Akalissos | Korma | 24 |
| Lykai | Kitanaura | 64 |
| Pygela | Korydalla | 64 |
| Patara | Phellos | 240 |
| Limyra | Korydalla | 56 |
| Korydalla | Gagai | 64 |
| Korydalla | Akalissos | 96 |
| Gagai | Korykos | 112 |
| Korykos | Phaselis | 136 |
Polybios (3,39,8) schrieb, dass alle 8 Stadien ein Meilenstein errichtet wurde, dass aber (34,12,8) 8 1/3 die richtige Zahl sei, also 25 Stadien = 3 Meilen. Die Entfernungsangaben der obigen Tabelle sind Vielfache von 8, also wahrscheinlich auf Meilen abgestimmt, jedoch mit Rundungsfehlern behaftet. 7) Runde und gerade Zahlen wurden auch im It. Ant. bevorzugt. 8) Ursächlich dafür könnte auch die Verwendung der römischen Ziffern sein, denn wie schreibt man 8,3 (VIII …)?
Nikúlas Bergsson, 1155 Abt des Klosters MunkaÞerá, der 1149 bis 1154 nach Rom und Jerusalem pilgerte. Zitiert nach Wassenhoven, DominikSkandinavier unterwegs in Europa (1000-1255)
Untersuchungen zu Mobilität und Kulturtransfer auf prosopographischer Grundlage. Berlin 2006: Akademie Verlag, S. 56 ff. und 74-85.
R. W. B. SalwayThe perception and description of space in Roman itineraries
S. 181-209 in: M. Rathmann (Hg.): Wahrnehmung und Erfassung geographischer Räume in der Antike, Mainz 2007: Philipp von Zabern.
Tomas ÖbergThe accuracy of road distances in the Antonine itinerary
Master’s Thesis bei Henrik Gerding in Classical Archaeology and Ancient History am Department of Archaeology and Ancient History, Lund University 2023. 93 S. Online, eine statistische Untersuchung der Entfernungsangaben, die sowohl eine systematische Verkürzung der Entfernung als auch die systematische Verwendung gerader Zahlen (8,12,16 …) ergab.
