Liste der phantastischen Orte
I haven’t been everywhere
but it’s on my list.
Susan Sontag (1933–2004)
Weiße Flecken, Inseln, Höhle und Wald regen zu imaginären Reisen an und führen oft zu phantastischen Orten wie etwa Lost Worlds, Hidden Civilizations, verschwundene Länder, bilden also eine phantastische Geographie oder wurden verbunden mit kosmographischen Vorstellungen zur mythischen Geographie 1). Da beides die Vorstellungen über die Welt beeinflusst, Sehnsüchte ebenso wweckt wie Ängste, beeinflussen sie auch die praktische Geographie: das Reisen im Raum.
Die Helden solcher Reisen sind häufig Weise Narren oder andere beispielhafte Figuren. Solche Heldenreisen und Landschaften werden meist in Utopien oder Dystopien beschrieben oder in Märchen und Sagen überliefert, zeigen sich dann besonders erfolgreich.
Sie beschreiben »Nirgendorte« und mythische Landschaften als Paradiese, locus amoenus oder Wildnis. Unerreichbarkeit ist Voraussetzung, daher liegen diese Orte hinterm Horizont, jenseits des Meeres, auf einsamen Inseln, mindestens jedoch im unbekannten Hinterland und sind oftmals enthalten in Geflügelten Worten.
Manche wiederkehrenden Erzählmuster werden zum Genre, das nach dem bekanntesten Protagonisten benannt wird: Robinsonaden erzählen von der Einsamkeit auf einer Insel, die Geschichten des Lügenbarons sind dreist, der Fliegende Holländer ist unstet und heimatlos unterwegs auf dem Ozean und wer sich auf einer Odyssee befindet, darf mehr Abenteuer erwarten, doch sicher keine baldige Rückkehr.
Phantastische Orte bedürfen zudem eines bestimmten Umfeldes: Weiße Flecken, terra incognita, terra nullius oder Niemandsland, Wilder Westen oder Wildes Feld. Solche Metaphern rufen (Reise-)Bilder im Kopf auf, die bei den einen den Möglichkeitssinn kitzeln, die anderen zum pseudomobilen balconing mit Coffeetablebooks locken.
Wünschbar zum Bereisen dieser Orte sind Siebenmeilenstiefel oder ein Fliegender Teppich, in jedem Fall aber der Schutz durch Reisegötter, nachdem man seine Siebensachen gepackt, den Wanderstab gegriffen und das Wörterbuch der unübersetzbaren Reisebegriffe im Bündel verschnürt hat.
Aufgeführt sind nachfolgend
der Ort, den es nicht gibt (U-Topos `Nirgendheim, Nicht-Ort´), dessen kurze Beschreibung und der literarische Ursprung (Autor, Quelle, Jahr) dieser
Phantasie sowie
Metaphern.
Darunter finden sich Utopien oder Dystopien, Satire oder Parodie als Form der Kritik, surrealistische Texte, Projektionen der Innenwelt auf die Außenwelt. Letzteres führt dazu, dass auch nominal existierende Orte zu phantastischen werden: »Formosa«, »Grönland«, »Labrador«, »Spanien«, wenn sich
Imagination gegen Anschauung durchsetzt.
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A bis Z
A wie Abraxa
Abraxa/Utopia
Der englische Lordkanzler entwarf zwar nicht als erster ein Bild des idealen
Staates, doch wurde seine Beschreibung zum Oberbegriff einer Gattung, denn »u topos« ist der Ort, der nirgendwo ist. Diesen Ort sollen seine Bewohner früher »Abraxa« genannt haben.
Apeire Απείρη < ήπειρος altgriechisch `unbegrenzt´, wurde als Topos für weit entfernte Landstriche benutzt, also keinen konkreten Ort bezeichnend sondern `von weither´. Apeire ist die Heimat von
Eurymedusa
, dem Kindermädchen von
Nausicaa
(Odyssee VII, 9). Manchmal identifiziert mit
Epirus altgriechisch Ἤπειρος Ḗpeiros `Festland, Kontinent´ im allgemeinen oder der Region im Raum Albanien/Griechenland im Besonderen, die zur Zeit
Homers
auch die Grenze der bekannten
Welt darstellte, denn
Ithaka - die Heimat von
Odysseus
- wurde ausdrücklich als nordwestlichste Insel der griechischen Welt bezeichnet.
Arimaspi
Ein einäugiges Volk im Norden der
Issedonen laut antiken griechischen Quellen, die sich auf
Arimaspea des
Aristeas von Prokonnesos
beziehen, ein verlorenes Werk.
Arimaspi ist aber auch das sagenhafte Land, das der ebenfalls sagenhafte
Herzog Ernst
(von Baiern) als
Held eines mittelhochdeutschen Versromans erreicht, im rheinischen Raum um 1180 erdichtet, zum Genre der
Abenteuerliteratur gehörig.
Reinhold Bichler
Von der Beglaubigung phantastischer Reiseabenteuer.
Althistorische Assoziationen zum Herzog Ernst.
S. 89–98 in: Klaus Brandstätter, Julia Hörmann (Hg.):Tirol – Österreich – Italien. Festschrift Josef Riedmann, Innsbruck 2005, [= Ges. Schriften Bd. 2, 2008, 163-172]
Arkadien
Immer wieder hat man versucht, die Arkadier einem bestimmten Wohngebiet zuzuweisen, doch gelingt dies nicht. Man findet sie in ganz
Europa, vorzugsweise in dichten Wäldern und schattigen Hainen, in einsamen Tälern mit klaren Quellen, abseits der Städte und Regierungen, auf lavendelduftenden Hochplateaus voller Schaf- und Ziegenherden oder am Rande irisbunter Flußauen. Daß Arkadien ein Landstrich in Griechenland sein soll, entspringt wohl nur der Phantasie des Dichters: Auch ich in Arkadien …
Atlantis
Die `Insel des Atlas´ (altgriechisch Ἀτλαντὶς νῆσος Atlantìs nḗsos) ist nur literarisch in zwei Dialogen nachweisbar, dort zuerst als Allegorie verwendet von
Platon
(428/427 bis 348/347 v. Chr.), um seine philosophischen Aussagen über den idealen
Staat anschaulich zu schildern. Sie soll außerhalb der
Säulen des Herakles gelegen haben, also im
Atlantischen Ozean, und durch eine Naturkatastrophe um 9600 v. Chr. über Nacht untergegangen sein. Der Teïde auf Teneriffa mag Auslöser dieser Vorstellungen gewesen sein.
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Oliver Kohns
, Ourania Sideri
Mythos Atlantis. Texte von Platon
bis J. R. R. Tolkien
.
Stuttgart 2009: Reclam, ISBN 978-3-15-020178-7.
Reinhold Bichler
Atlantis.
Der Neue Pauly Bd. 13, Stuttgart 1999, Sp. 333-338
Nova Atlantis
Das neue Atlantis des englischen Rechtsanwalts liegt auf der
Insel Bensalem. Er schrieb die erste neuzeitliche
Utopie, die sich direkt auf
Platons
Atlantis bezieht und war bereits der zweite Lordkanzler Englands, der eine Staatsutopie verfaßte, allerdings auf der Basis
technisch-wissenschaftlicher Ideen.
Avalon (Apfelland)
erscheint schriftlich in den Büchern
Historia Regum Britanniae (1135) und
Vita Merlini (1150 ) von
Geoffrey of Monmouth
als Insula Pomorum bzw. Insula Avallonis, `Apfelinsel`. Die Bedeutung `Apfel´ ist über die keltischen Sprachen Britanniens gesichert und auch in anderen Ortsnamen nachgewiesen worden. Dieses Avalon wurde jedoch mythisch aufgeladen, indem es als Grablege König
Arthurs
und als Sitz seiner Halbschwester, der Heilerin
Morgen
(später
Morgan le Fay
), gilt. Meist wird der Hügel
Glastonbury Tor mit Avalon identifiziert, da er einstmals von Wasser umgeben war.
Auch die altirische Mythologie kennt eine Apfelinsel,
Emain Ablach, die jedoch mit der
Isle of Man identifiziert wird. Mythologisch gelten beide Orte als Tor ins Totenreich.
Dieselbe Geschichte wurde auch in Sizilien tradiert. Zwischen Sizilien und der nordafrikanischen Küste wurde wiederholt eine Insel gesichtet, auf der die Fee
Fata Morgana
leben sollte. Davon übertragen wurde die Bezeichnung
Fata Morgana auf das bekannte Phänomen von Luftspiegelungen überhaupt.
B wie Brobdingnag
Big Rock Candy Mountains
Das Traumland des amerikanischen
Hobo, wie es auch in anderen Songs der Zeit beschrieben wurde:
Hobo's Paradise, Hobo Heaven, Sweet Potato Mountains, Little Streams of Whiskey. Darin legen die Hühner weichgekochte Eier und Zigaretten pflückt man vom Baum. Ideengeschichtlich vergleichbar ist es mit dem
Land of Cockaign oder dem
Schlaraffenland.
Harry McClintock
(Hoboname »Haywire Mac«, 1882–1957) nahm das Lied 1928 auf und sagte selber, er habe es 1895 komponiert. Als »
Anonymus
: A tramp's utopia« findet es sich in
Berneri
:
Journey through Utopia, siehe
Utopie.
Blauer Nebel großer Fernen
»… wie der blaue Nebel großer Fernen, den man im Traume sieht.« Das Thema des berühmten Autors sind immer wieder die großen Fernen, Einsamkeit, die Weite des Meeres, Naturgewalten – demgegenüber müssen die Protagonisten seiner Geschichten immer und immer wieder ihre Menschlichkeit beweisen, ihre Stärke und ihren
Mut.
Der blaue Weg durch »Labrador«
Der »
Reisebericht« einer realen
Reise durch Labrador, der jedoch dem »blauen
Weg« und damit das Reiseerleben ins literarisch Phantastische verschiebt mit einer Methode, die der Autor schottisch-französischer Abstammung als
Geopoetik bezeichnet und die ihm das Etikett des
»nomade intellectuel« eingebracht hat und die sich anlehnt an
Hölderlins
»poetischem Bewohnen der Welt«.
1984 Kenneth White
Der blaue Weg. Eine Reise.
Deutsch von Andrea Springler (La Route Bleue 1983) 213 S. Zürich: Arche
Grimm, Claudia
. Gestatten: „Geopoetiker“ Kenneth White.
101 S. Berlin 2018: Frank & Timme, Verlag für wissenschaftliche Literatur
C wie Capitanien
Capitanien
Das Rätselgedicht des alemannischen fahrenden Dichters beschreibt die Haare auf dem Kopf als Land (Capitania) mit dichtem Wald (Losacania > Lausitanien, anspielend auf das Land Lusitanien > Portugal), von Ungeheuern, also Läusen, bevölkert: »Dar inne wont ein wurm von wunderlicher aht…sin munt hat gran (Stacheln) und niender zene, sin hals ist kurz, oren und ougen klene …«
vor
1300 Meister Boppe
Capitania
Heidrun Alex
Der Spruchdichter Boppe:
Edition, Übersetzung, Kommentar.
Tübingen 1998: M. Niemeyer, Seite 60.
Land of Cockaygne (Cockaigne, Cockayne, Cucaniensis)
Der Titel eines Buches aus dem
13. Jahrhundert, das vermutlich in Irland von einem
Wandermönch geschrieben wurde und im Stile der
Vagantendichtung lebenslustig nichts auslässt, was Spaß macht: Es regnet Käse, Nonnen entblößen sich, Äbte werden von Mönchen verprügelt. Dionysische Entgrenzung, Völlerei und Überfluss werden dabei im Land of Cockaygne angesiedelt, das als englische Metapher für
Schlaraffenland gelten kann oder für das italienische
Paese della Cuccagna. »Ego sum abbas Cucaniensis« (Ich bin der Abt von Cockaygne) ist ein Sauflied der
Vaganten in der
Carmina Burana betitelt.
-
Sargent, Lyman Tower
The American Cockaigne from the Sixteenth Century to the Shmoo and Beyond.
Utopian Studies, 26.1 (2015) 19–40.
DOI
D wie Delphi
Delphi
Apoll
ist der Gott des griechischen Ortes Delphi, dort stand der Haupttempel des Kultes. Auf einem Dreifuß sitzend verkündete Pythia
das Orakel. Deren zwei (oder drei) apollonische Weisheiten wurden beim Zugang verkündet:
»Erkenne dich selbst« (γνῶθι σεαυτόν gnōthi seauton)
»Nichts im Übermaß« (μηδὲν ἄγαν mēden agan) und
»Du bist« (èl, ελ)
Dilmun
erscheint erstmals in der sumerischen Erzählung von der Sintflut als Ort der Rettung im Sinne eines Paradieses, als Sitz der Göttin Ninlil, später wiederholt als blühender Ort mit Süsswasser, möglicherweise zeitweise mit der
Insel Bahrain zu identifizieren, deren Name auf Wasser verweist. Später belegt durch
Sargon von Akkad
(um 2356 bis 2300 BC), weil Schiffe aus Dilmun in den Hafen seines Reiches einlaufen, und ab 2050 BC wird ein Königreich von Dilmun wiederholt genannt, das möglicherweise identisch ist mit dem
Garten Eden der Bibel.
Überlieferung: Mythologie
W. F. Albright
The Location of the Garden of Eden.
The American Journal of Semitic Languages and Literatures. 39.1 (October 1922) 15–31.
doi:10.1086/369964
Hamblin, Dora Jane
Has the Garden of Eden been located at last?
Smithsonian Magazine. 18.2 (Mai 1987)
Howard-Carter, Theresa
Dilmun: At Sea or Not at Sea? A Review Article.
Journal of Cuneiform Studies. 39.1 (1987) 54–117. doi:10.2307/1359986
Kramer, Samuel N.
Dilmun, the Land of the Living.
Bulletin of the American Schools of Oriental Research 96 (1944) 18-28
El Dorado
Vermutlich irgendwo im Amazonas- oder Orinoko-Quellgebiet liegendes Königreich mit der Hauptstadt Manoa, die am goldsandbedeckten Ufer eines Sees liegt. Stadt, Häuser und Mobiliar sind vollständig mit Gold überzogen, so daß tagsüber eine Schneebrille unverzichtbar ist.
Dschinnistan
Das von märchenhaften und feengleichen Wesen bewohnte Land liegt hinter dem Gebirge
Kaf. Es ist wie
Arkadien ein
locus amoenus, jedoch nicht in Gestalt eines Schäferidylls, sondern mit orientalischen Zügen. Anders als
Wielands
Märchenland liegt
Karl Mays
Dschinnistan auf dem Planeten
Sitara.
E wie Erewhon
Elysion
in der griechisch-römischen Antike `das Selige
Feld]´, aus altgriechischem Ἠλύσιον [Πεδίον] Elysion [Pedion], synonym zur
Insel der (Glück)Seligen.
Erdsee (engl. Earthsea)
Hunderte bewohnter und unbewohnter Inseln mit
Havnor, dem Sitz des Königs und
Rok, der
Insel der Magier, im Zentrum. Der Romanzyklus ist Ausdruck des Weltverständnisses der Autorin. Dieses entspricht dem Grundprinzip
wu-wei des Daoismus: Nichts zu tun, was sich gegen die Natur richtet, denn alles natürliche Tun ist leicht, siehe
Problemlösung.
Erewhon
Das Pendant zu `Nowhere´ liegt vermutlich in
Australien, die genaue Lage ist unbekannt.
Technik und Maschinen des Landes wurden eines Tages in ein großes
Museum verbannt, weil ein Professor für Hypothetik bewies, daß sie letzten Endes ein Eigenleben entwickeln und die Menschen verdrängen würden. Gewaltige Auswirkungen hatten seine weiteren Schlußfolgerungen: Ohne Unvernunft, sagte er, gäbe es auch keine Vernunft. Also müsse man die Unvernunft fördern, damit auch die Vernunft zunähme. Dazu dienten die »Akademien der Torheit«.
F wie Felsenburg
Insel Felsenburg
»Wunderliche Fata einiger See-Fahrer, absonderlich Albert Julii
, eines geborenen Sachsens, welcher in seinem 18den Jahre zu Schiffe gegangen, durch Schiffbruch selb4te an eine grausame Klippe geworffen worden, nach deren Übersteigung das schönste Land entdecket, sich daselbst mit seiner Gefährtin [Concordia Plürs
] verheyrathet, aus solcher Ehe eine Familie von mehr als 300 Seelen erzeuget … usw. usf.« Dieser Titel des Originals wurde in späteren Ausgaben, ebenso wie das vierbändige Werk selbst, stark gekürzt.
Filigranistan
1958 Renker, Armin
Die Reise nach Filigranistan
Eine Geschichte um die Wasserzeichen für Kinder von 10 bis 80 Jahren.
124 S., Mainz Eggebrecht-Presse
»Siebenmal hinter Afghanistan / liegt die Insel Filigranistan.«
Flatland [Flächenland]
Diese
Welt ist breit und weit im Unterschied zu
Punktland,
Linienland und
Raumland. In zwei Dimensionen zu denken ist erheiternd, weil uns drei Dimensionen zugänglich sind; in umgekehrter Perspektive müssten sich Wesen über uns erheitern, die in vier Dimensionen unterwegs sind. Der Autor
A. Square
nutzte den Perspektivwechsel als Methode, die englische Gesellschaft zu karikieren und kreierte damit die wohl erste satirisch-mathematische Utopie.
1884 Square, A. [Pseud. Edwin Abbott Abbott] (1838–1926)
Flatland. A romance of many dimensions.
VIII, 100 S., London: Seeley & Co.
Deutsch u.a. 1982 als: Flächenland. Ein mehrdimensionaler Roman verfasst von einem alten Quadrat. Aus dem Englischen von Joachim Kalka
. 240 S. im quadratischen Format.
Watzlawick, Paul
Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Wahn,
Täuschung, Verstehen.
München 1976: R. Piper, darin Gedanken über das Flachland S. 274–279
Burger, Dionys
Bolland: een roman van gekromde ruimten en uitdijend heelal, door een Zeshoek : met een kijkje in Platland : een fantasie over de vierde dimensie, door een Vierkant.
's-Gravenhage 1957: C. Blommendaal.
Übersetzt als: Silvestergespräche eines Sechsecks.
Ein phantastischer Roman von gekrümmten Räumen und dem sich ausdehnenden Weltall.
240 S. Köln 1958: Aulis
»Formosa«
George Psalmanazar
(1679–1763) behauptete um 1700 in den Niederlanden, Frankreich und England reisend, er sei ein Einwohner der Insel Formosa, dem heutigen Taiwan, und dachte sich möglichst bizarre Verhaltensweisen aus, die er als typisch für Formosa beschrieb. Damit machte er aus einer real existierenden
Insel einen phantastischen Ort und hielt diese Täuschung bis 1706 aufrecht.
1716 Psalmanazar, George
Herrn Georg Psalmanaazaars eines gebohrnen Formosaners Historische und Geographische Beschreibung der Insul Formosa
nebst beygefügten Ursachen, warum sich derselbe zur christl. Religion bekannt.
Aus dem Englischen übers. von Philipp Georg Hübnern. [8] Blätter, 561 Seiten, [6] Blätter, Illustrationen, Karten. Frankfurt und Leipzig: Walder.
Rachel van Kooij
Menschenfresser George
Jungbrunnen Verlag, Wien 2012. 352 S.
Rezension: Hans-Martin Gauger: Ein Hochstapler-Leben. FAZ 08.03.2013
G wie Glubdrubdrib
Groß-Garabannien
Der französisch-belgische Schriftsteller, Zeichner und Maler versprühte surreale Ideen und abgründigen Humor, war reiselustig und experimentierte mit Drogen. Die Reise nach Groß-Garabannien entstand 1936, die Passagen 1957.
1936
Michaux, Henri
(1899–1984)
Reise nach Gross-Garabannien.
Übersetzung Traugott König. 128 S., Frankfurt am Main S. Fischer 1989.
Rezension von Sibylle Cramer:
Reisen ins innere Ausland. Die Zeit 20. März 1992.
Inhalt u.a.:
Die Emanglonen
Der Stamm der Aravisen
Auf dem Platz Orpdorp
In Langedinien
Im Land Hebbora
Auf der assulinischen Halbinsel
Die Diarrhöe der Urgullier
Die Hivinizikis
Dovobo, Kaiser von Groß-Garabannien
»Grönland«
1927 Soupault, Philippe
(1897–1990)
Die Reise des Horace Pirouelle.
Aus dem Französischen von Manfred Metzner (Voyage d'Horace Pirouelle) 82 S. Heidelberg 1992: Wunderhorn. (Franz. EA 1927) Julien, in Liberia geboren und schwarz, begleitet seinen Freund Horace auf dessen Reise nach Grönland - sie brechen auf, um aufzubrechen und suchen nichts Besonderes. Philippe Soupault schrieb zwei Jahre später den ersten surrealistischen Text der Literaturgeschichte, hatte einen Wohnsitz in Tunis und hielt sich lange in beiden Amerikas auf.
H wie Houhnhnms
Hesperien, Hesperiden < altgriech. ἑσπέρα, hespera 'Westen' und hesperos 'Abendstern'
im übertragenen Sinne ein gedachtes Land im Westen, das manchmal auf Italien und manchmal auf Spanien (Hispanien) bezogen wird, bei Hölderlin
allerdings auf Deutschland.
Hübner, Wolfgang
Mythische Geographie.
S. 19-32 in: Wolfgang Hübner, Germaine Aujac (Hg.): Geographie und verwandte Wissenschaft. (=Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften in der Antike, 2) 258 S. Stuttgart 2000: F. Steiner.
Houhnhnms
Edle und anmutige, vernünftige und sprachbegabte Wesen, die aussehen wie Pferde und die widerwärtigen, allesfressenden Yahoos im Zaum halten, die im Gegensatz zu ersteren Charakterschweine sind, jedoch äußerlich menschenähnlich.
I wie Insulae Fortunata
Inseln der Weisheit (engl. The Islands of Wisdom)
Ein satirischer Roman mit
utopischen und dystopischen Elementen. Die Expedition führt auf unbekannte Inseln, die von teils technisch überlegenen Kulturen bewohnt sind.
Moszkowski
überzeichnet auf jeder Insel eine futuristische Idee, bis sie zu absurden Ergebnissen führt, etwa zu einer Herrschaft der Maschinen über die Menschen.
1922
Moszkowski, Alexander
(1851–1934)
Die Inseln der Weisheit
Geschichte einer abenteuerlichen Entdeckungsfahrt.
Berlin: F. Fontane
Online mit den Kapiteln:
Balëuto. Die Platonische Insel
-
Kradak. Die Insel der Perversionen
Saragalla. Die mechanisierte Insel
Vorreia. Die rückschrittliche Insel
Helikonda. Die Insel der schönen Künste
Die Zwischen-Inseln:
Allalina und O-Blaha. Die Inseln der Pazifisten
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J wie Jenseits
Jenseits (engl. Otherworld)
Fielding verlässt seinen Körper durch die Nase und reist durch die Stadt der Krankheiten und beschreibt den Palast des Todes, findet das Glücksrad und gelangt zum Thor von
Elysium. Die skurrilen Geschichten dienten Fielding dazu, Personen und Moden seiner Zeit zu karikieren, insbesondere Lebensbeichten, empfindsame Reisebeschreibungen, den Glauben an die Wiedergeburt und idealistische
Utopien.
1759 Fielding, Henry
(1707–1754)
Reise nach der andern Welt. Ein skurriler Roman.
Kopenhagen: Rothen 1759 [4] Blätter, 263, [1] S. Original als A Journey from this world to the next.
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K wie Krähwinkel
Krähwinkel
Krähwinkel, eine gemütliche deutsche Kleinstadt in einem nicht zu abgelegenen Mittelgebirge, mit schlechten Zugangsstraßen, die das lokale Handwerk fördern sollen, und berühmt für die dort befindliche, auf
Abenteuerliteratur spezialisierte Bibliothek. Ihre Existenz gilt als gesichert, da gleich drei Dichter sie als Lieblings-Wohnstätte beschränkter deutscher Kleinbürger beschrieben haben:
1801 Jean Paul
(1763–1825)
Das heimliche Klagelied der jetzigen Männer
1802 August von Kotzebue
(1761–1819)
Die deutschen Kleinstädter
1848 Johann N. Nestroy
(1801–1862)
Freiheit in Krähwinkel
L wie Liliput
Libertalia auf Madagaskar
Daniel Defoe
(1660–1731), Autor des Robinson Crusoe, soll pseudonym eine Geschichte der Piraten verfasst haben, darin geht es auch um die Piratenrepublik „Libertalia“ auf Madagaskar. Wahr oder nicht?
1724 Captain Charles Johnson
A General History of the robberies and murders of the most notorious pyrates
and also their policies, discipline and government, from their first rise and settlement in the island of Providence, in 1717, to the present Year 1724. With the remarkable actions and adventures of the two female pyrates, Mary Read and Anne Bonny. To which is prefix'd an account of the famous Captain Avery and his Companions ; with the Manner of his Death in England. The Whole digested into the following Chapters ; Chap. I. Of Captain Avery. II. The Rise of Pyrates. III. Of Captain Martel. IV. Of Captain Bonnet. V. Of Captain Thatch. VI. Of Captain Vane. Vii. Of Captain Rackam. Viii. Of Captain England. IX. Of Captain Davis. X. Of Captain Roberts. XI. Of Captain Worley. XII. Of Captain Lowther. XIII. Of Captain Low. XIV. Of Captain Evans. And their several Crews. To which is added. A short Abstract of the Statute and Civil Law, in, Relation to Pyracy. By Captain Charles Johnson. London: Printed for Ch. Rivington at the Dille and Crown in St. Paul's Church-Yard, J. Lacy at the Shop near the Temple-Gate, and J. Stone next the Crown Coffee-House the back of Greys-Inn.
Meves, Helge
Libertalia: die utopische Piratenrepublik
Aus der Allgemeinen Geschichte der Piraten zusammen mit den Piratensatzungen der Kapitäne Roberts
, Lowther
und Phillips
in deutscher Erstausgabe sowie
Die Beschreibung der Regierung, Gewohnheiten und Lebensart der Seeräuber auf Madagaskar von Jacob de Bucqouy
.
Übersetzt von David Meienreis und Arne Braun. Herausgegeben und eingeleitet von Helge Meves
238 S. Berlin Matthes & Seitz 2015
-
[Anonym
] An invitation to Lubberland,
with an account of the great plenty of that fruitful country.
There is all sorts of fowl and fish, with wine, and store of brandy; ye have there what your hearts can wish, the hills are sugar-candy. The tune of, Billy and Molly. Or, The journey-man shoe-maker. This may be printed, R.P. 1685. [London]: Printed for J. Deacon, at the Angel in Gilt-spur-street. [Auch unter den Titeln Billy and Molly. Journey-man shoe-maker.
Luilekkerland
Im Niederländischen die volkstümliche Bezeichnung für
Schlaraffenland.
1567 entstand das gleichnamige Gemälde von
Pieter Bruegel dem Älteren
, Öl auf Holz, 52×78cm, Alte Pinakothek, München,
Online
Lummerland
Diese
Insel ist die Heimat von
Jim Knopf
und
Lukas
dem Lokomotivführer und nach deren Angaben etwa doppelt so groß wie ihre Wohnung und besteht aus einem Berg mit zwei Gipfeln und fünf Tunneln. Darauf leben außer den beiden Genannten noch König
Alfons der Viertelvorzwölfte
sowie Herr
Ärmel
und Frau
Waas
in ihrem Kaufmannsladen.
M wie Mittelerde
Mildendo
Die Hauptstadt von Liliput, geschützt durch eine gewaltige, siebenundzwanzig Zentimeter hohe Mauer. Belohnt wird jeder, der beweisen kann, dreiundsiebzig Monate alle
Gesetze befolgt zu haben. Akzeptierte Währungen sind Sprug, Durr und Glumggluff.
Mittelerde
Gandalf der Graue
trägt einen der Drei Ringe und durchwandert seit Äonen Berge und Ebenen von Mittelerde. Besonders gern ist er im Auenland, bei Frodo
und Bilbo Beutlin
, den Hobbits, die in Erdhöhlen leben, und am liebsten feste Feste feiern, sich was schenken lassen oder ein Pfeifchen rauchen.
Moana
Die von Flüchtlingen aus
Atlantis gegründete Hauptstadt des
Goldlandes in Südamerika.
Mond
1609 Johannes Kepler
Somnium, seu opus posthumus de astronomia lunari, gedruckt 1634
1627 Francis Godwin
The Man in the Moone Or a Discovrse of a Voyage thither by Domingo Gonsales, the Speedy Messenger, gedruckt 1638
1649 Cyrano de Bergerac
(1619–1655)
Histoire comique des états et empires de la lune, gedruckt 1657 = Reise zu den Mondstaaten und Sonnenreichen
Der Philosoph mit der übergroßen Nase findet auf seiner ersten Reise zum Mond unter anderem das Paradies – wird aber daraus verstoßen in ein Land, in dem man mit selbstgefertigten Gedichten zahlt und sich musikalisch verständigt:
»… wenn also einer Hungers stirbt, so ist das immer nur ein Schafskopf, und die Leute mit Geist können alle gut leben …«
1835 Edgar Allan Poe
The Unparalleled Adventure of Hans Pfaall
1869 Jules Verne
Autour de la lune
Nickel, Beatrice
Reisen zum Mond zwischen Wissenschaft und Fiktion.
Komparatistik : Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (2013) 105–124
Online
Crouch, Thomas D.
To Fly to the World in the Moon: Cosmic Voyaging in Fact and Fiction trom Lucian to Sputnik.
S. 7-26 in: Eugene Morlock Emme: Science fiction and space futures : past and present. American Astronautical Society by Univelt, San Diego, Calif., 1982.
Nicolson, Marjorie Hope
Voyages to the Moon. XVII, [1], 297 S., [6] Karten. Ill. New York 1960.
Mondberge (engl. Mountains of the Moon)
Das Mondgebirge wurde bereits vor 2400 Jahren in der römischen Antike als Lunae Montes und indischen Antike als Soma Giri mehrfach beschrieben als das Gebirge, das die Quellseen des Nils speist. Dabei kann es sich um äthiopische Berge oder, wahrscheinlicher, um das Ruwenzorigebirge handeln.
um 150 Claudius Ptomeläus
(85–160)
Geographia [Geographike Hyphegesis (Γεωγραφικὴ Ὑφήγησις; altgriechisch `Geographische Anleitung´]
Mordor
Das öde Land von Mittelerde, östlich von
Gondor. Falls es, selten genug, für
Reisende geöffnet ist, betritt man es über den Paß von Cirith Ungol. Größte Sehenswürdigkeit ist der Schicksalsberg, der Vulkan Orodruin. Reisende sollten ständig auf der Hut sein, mit dem, was sie sagen oder denken, denn
Sauron der Dunkle
, der Herrscher von Mordor, könnte gerade in Deine Richtung schauen …
N wie Narragonien
Narragonien
100
Narren machen sich auf den Weg nach Narragonien und stellen sich vor, etwa als
St. Grobian
. In 112 Kapiteln wird beschrieben, was Menschen falsch machen können: Habsucht, Schwätzerei, Ehebruch, Laster, Fehlverhalten, Unvernunft.
Benkartek, Dietmar
Ein interpretierendes Wörterbuch der Nominalabstrakta im Narrenschiff Sebastian Brants von Abenteuer bis Zwietracht
„Hie findt man der Welt gantzen Louff“
Reziprok-dynamischer Prozeß der Vertextung komplex vernetzter thematisch-illokutiver Artikelstrukturen durch das Zusammenspiel aufeinander abgestimmter Artikelkonstituenten bzw. lexikographischer Zugriff zum Korrelatsystem der Moralsatire S. Brants „Das Narrenschiff“ und Eruierung eines autorenspezifischen Wirklichkeitsmodells auf der Basis der Kombination onomasiologischer mit semasiologischen Verfahren.
Heidelberg, Univ., Diss., 1996 560 S. Frankfurt am Main 1996: P. Lang.
1497
Sebastian Brant
(1457–1521)
Das Narrenschiff
lat. von Jakob Locher. Johann Bergmann von Olpe, Basel,
Digitalisat
Diese erste deutsche Narrendichtung wurde in viele europäische Sprachen übersetzt und enthält Holzschnitten auch von Albrecht Dürer. Abstraktes Fehlverhalten (Laster, Torheiten)wurden in der Gestalt von Narren personalisiert und traf damit einen Nerv der Zeit.
Neverland (Nimmerland)
Dort lebt
Peter Pan
als Anführer der
Lost Boys und wird bedroht von Captain Hook. Diese
Insel hat die Eigenschaft, dass Kinder nie erwachsen werden. Seither wurde diese Figur zur Metapher für ewige Kindheit und Jugend, sowohl im Sinne von natürlicher Unbefangenheit als auch verantwortungslosem Kindischsein.
1902 James Matthew „J. M.“ Barrie
(1860–1937)
„Kleiner weißer Vogel“ (engl. The Little White Bird)
Die Figur des Peter Pan erscheint erstmals; er wird beschrieben als „betwixt-and-between“.
1904 Die Insel erscheint erstmals als „Peter's Never Never Never Land“ in „Peter Pan, or The Boy Who Wouldn't Grow Up“.
Nisir (Nimush, `Berg der Erlösung´)
Uta-napišti
ist der auserwählte Held in der Flut-Erzählung im Gilgamesch-Epos (inhaltlich analog zu Noah und dessen Arche) und gelangt nach der Flut mit seinem Schiff auf eine Insel „in der Ferne“, den
Mount Nisir oder
Mount Nimush 2), der heute mit dem
Pir Omar Gudrun (2588 m) bei Sulaymaniyah im irakischen Kurdistangebiet identifiziert wird.
O wie Orplid
Oceana
Harrington
(1611-1677) nahm sich die Verfasser von
Utopia und
Nuevo Atlantis zum Vorbild und schuf eine Fiktion mit Phantasienamen, so steht
Oceana für England. Formal eine Utopie, ist Oceana inhaltlich jedoch ein philosophisch durchdachter Verfassungsentwurf mit Gewaltenteilung, geheimen Wahlen und dem Rotationsprinzip bei Ämtern, der ihm
Cromwell
zum Feind machte, indem dieser sagte, er lasse sich durch eine Papierkugel nicht nehmen, was er mit Waffen erbeutet habe.
1656 Harrington, James
(1611–1677)
The Common-Wealth Of Oceana.
[12], 239, [1], 255-286, 189-210, [2] S., [1] Tafel, London: by J. Streater, for Livewell Chapman and are to be sold at his shop at the Crown in Popes-Head-Alley [Deutsch z.B. 1991 Reclam]
Odyssee
Einer der großen
Reisenden: Die
Abreise war kein Problem (»Was schert mich Weib, was schert mich Kind, mich treibt weit besseres Verlangen.«, Goethe), doch die Rückkehr fiel schwer.
Ohnewitz
Der sehr eigenwillige Plan einer
Reise durch
Europa, ausgehend von dem zentral gelegenen Ort »Ohnewitz«, ist in Gedichtform verfaßt und wird von einer noch absonderlicheren
Karte begleitet:
»Aber alsdann etwa nach Siberien wandern
Und von da aus über Wien zu Schiffe nach Flandern,
Und so hätte er dann, auf die kürzeste Weise beinah
Besehen das ganze Europia. …
Über diese Antwort des Kandidaten Jobses
Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes …«
Ophir
Das
Goldland wird in der Bibel mehrfach erwähnt, ebenso in arabischen Quellen, auch: Ofir, Afir.
1 Kön 9,26-28; 2 Chr 8,18 und 9,10; Tob 13,17
Orplid
Die
Insel mit der gleichnamigen Stadt liegt im
Stillen Ozean, östlich von Neuseeland. Sie war den Göttern unterworfen, nur von Feen und Kobolden besiedelt, als 75 europäische Kolonisten sie fanden und besiedelten. Die Stadt zu umwandern dauert sechs Stunden, dabei stößt man auf drei gewaltige Sonnenkeile aus Stein, die eine Sonnenuhr bilden.
P wie Papierstraße
Papierstraßen sind nicht-existente
Straßen auf gedruckten
Karten, die dazu dienen ungenehmigte Raubdrucke nachzuweisen, also ein
kartographischer Trick, der ein erster Schritt hin ist zu Papierorten, Papierinseln und Papierkontinenten.
Punt
In altägyptischen Inschriften umfasst das
Goldland auch
Ta Neher `Gottesland´ und war der Göttin Hathor geweiht. Zwar berichten die Inschriften von mehreren Expeditionen dorthin, jedoch ist deren geographisches Ziel schwer zu fassen; wahrscheinlich handelt es sich um Gebiete im Raum Eritrea - Äthiopien - Nordwest-Somalia. Möglicherweise ist Punt identisch mit dem Goldland der Bibel,
Ophir, oder mit
Opone Οπώνη, einem Handelsort, der von
Claudius Ptolemäus
3) und im
Periplus Maris Erythraei aufgezählt wird.
Das sagenhafte Goldland Punt
Bild der Wissenschaft 9 (2011) 68-75.
Bard, Kathryn A., Rodolfo Fattovich
Egyptian Seafaring Expeditions and the Land of Punt
Long-Distance Trade in the Red Sea During the Middle Kingdom. 249 S.
Boston: Brill 2018
Online
Kitchen, K. A.
The elusive land of Punt revisited.
S. 25-32 in: Lund, P.; Porter, A. (Hg.): Trade and Travel in the Red Sea Region. Proceeding of Red Sea Projekt I, Held in the British Museum, Oktober 2002, Oxford 2004, (=BAR International Series, 1269; Society for Arabian Studies Monographs, 2)
Balanda, Stanley
The so-called 'Mine of Punt' and its location.
Journal of the American Research Center in Egypt 42 ( 2005-2006) 33-44.
Online
Volker Matthies
Die Puntfahrten als Archetypus späterer Entdeckungsreisen.
Zur Rezeption der ägyptischen Puntfahrten in der entdeckungsgeschichtlichen Literatur.
05.06.2015
Online
R wie Robinsons Insel
Robinsons Insel
Die Idee zu diesem Roman kam dem Autor, als er von den Erlebnissen des Matrosen
Alexander Selkirk
hörte, der mehr als vier Jahre allein auf der heute nach ihm benannten Insel des chilenischen
Juan Fernández-Archipels verbrachte, weil er auf einer der frühen
Weltumsegelungen dort ausgesetzt wurde. Die Nachbarinsel heißt heute Robinson-
Insel, und das Werk dieses Autors schuf den Namen für eine Literaturgattung, Robinsonaden und für eine isolierte Disposition, die
Robinson-Situation.
1719 Daniel Defoe
(1660–1731)
Robinson Crusoe
Bugliaro Goggia, Matteo
; Adone Brandalise
Le Isole di Venerdí: Il mito di Robinson da Alexander Selkirk
[1676-1723 ] a „Vendredi ou les limbes du Pacifique“ di Michel Tournier
[1924-2016].
Tesi di laurea : Lettere e 165 S. Filosofia: Universitá degli studi di Padova 2003.
Ruritania
1894 Hope, Anthony
The prisoner of Zenda.
Being the history of three months in the life of an English gentleman.
IV, 310 Seiten, Bristol: Arrowsmith
Den Schauplatz Ruritanien verwendete der Autor in drei seiner Romane.; andere Autoren griffen den Schauplatz später auf, so dass der Begriff zur Metapher wurde für romantische Liebe (»ruritanische Romanze«), Intrigen, Abenteuer. Von einem deutschsprachigen, katholischen Kaiserreich wandelte es sich im Laufe der Zeit in ein im östlichen Europa liegenden Land.
Sch wie Schilda
Die Schatzinsel
Oak Island, eine der rund 350
Inseln in der Mahone Bay, Nova Scotia in Kanada, lockt seit dem
17. Jahrhundert Schatzsucher an. Stevenson hat mit seinem Buch ab 1881 den Topos populär gemacht. Neun
Treasure Islands gibt es wirklich, davon 4 zu den USA gehörig, je eine zu Kuba (
Isla de la Juventud), China (
Zhenbao), Fidschi, Singapur, Kanada sowie die Inselgruppe der
Treasury Islands südlich von Bougainville.
Schilda
Die Schildbürger, die Schilda bevölkern, stammen aus einer Zeit, in der die Stadtmenschen den Landleuten recht seltsam vorkamen. Hohe Mauern rund um die Stadt verhinderten die Weitsicht, Höhlenbewohnern gleich mangelte es ihnen auch an Einsicht – sie säen Salz und tragen Licht in Säcken in fensterlose Häuser. Doch verfügten sie über Schild und Spieß, um ihr unbewegliches Hab und Gut zu verteidigen: Schild-Bürger und Spieß-Bürger kriechen aus dem gleichen Loch.
1597/98 Anonymus
Das Lalebuch. [Erst die zweite Auflage von 1598 hat den Titel Die Schiltbürger]
Wunderseltzame Abentheurliche vnerhörte vnd bißher vnbeschriebene Geschichten vnd Thaten der Lalen zu Laleburg. Jetzund also frisch Männiglichen zu Ehrlicher Zeitverkürtzung auß vnbekanten Authoren zusammen getragen vnd auß Rohtwelscher in Deutsche Sprach gesetzt. Durch: A a b c d e f g h i k l m n o p q r s t u w x y z. … Die newe Zeitungen auß der gantzen Welt findestu zu Ende dem Lalebuch angehengt.
Straßburg: Jobin, Bernhard (Erben)
Schlaraffenland
Die Idee erscheint bereits in der Bibel als Land, wo Milch und Honig fließen, zieht sich durch die antiken Komödien und scheint in mittelalterlichen Erzählungen auf. Als Inbegriff der Liederlichkeit galten in alter Zeit die »slur affen« – sie fraßen sich durch einen Wall aus Hirsebrei hinein ins Land der wildwachsenden Delikatessen: im Gedicht bei
Hans Sachs
und im Märchen:
»Um iedes Haus so ist ein Zaun / geflochten von Bratwürsten braun. / Von Malvasier so sind die Brunnen, / kommen einem selbs ins Maul gerunnen.«
Es gleicht damit dem englischen
Land of Cockaigne, dem italienischen
Paese della Cuccagna, dem flämischen
Luilekkerland, dem schwedischen
Lubberland, den amerikanischen
Big Rock Candy Mountains, auch:
The Lazy-Tasty Land.
Schneevogel, Paul
Epistolae breves.
Inkunabeldruck um 1490, u.a. mit einer Beschreibung des Schlaraffenlandes (
Descriptio terre Schlabacie), →
BAdW
1530 Hans Sachs
(1494–1576)
Schlauraffenland
Ackerman, Elfriede Marie
Das Schlaraffenland in German literature and folksong social aspects of an earthly paradise.
ith an inquiry into its history in European literature.
244 S. Diss. University of Chicago 1944
Lips, Robert
, Ignatius Karl Schiele
, Alfred Bruggmann
Globi will ins Schlaraffenland.
Comic, Band 16, 99 S., Zürich 1949 : Globi-Verlag.
Martin Müller
Das Schlaraffenland. Der Traum von Faulheit und Müssiggang, eine Text-Bild-Dokumentation
186 S. 45 Ill. Mit 138 Text- und Bildquellen S. 177–184, Bibliogr. S. 185–186. Wien 1994: Edition Brandstätter.
Inhalt
um 1530 Erhard Schön
Schlaraffenland
1694 Johann Baptista Homann
Karte des Schlaraffenlandes (Schlarraffenland) 1694
Neu-entdeckte Schalk-Welt.
Bad Langensalza: Rockstuhl, Reprint 1999, ISBN 978-3-932554-60-5
1694 Johann A. Schnebelin
Johann Andreas Schnebelins Erklärung der Wunder-seltzamen Land-Charten UTOPIÆ, Bad Langensalza: Rockstuhl, Reprint 1999, ISBN 978-3-936030-38-9
Nach 1491
Hieronymus Bosch
Fahrt ins Schlaraffenland.
Öl auf Eichenholz, 58,1 x 32,8 cm. Paris, Musée du Louvre, Inv.nr. RF 2218. →
RDK Labor, Quelle dort: Nach: Bosch. The 5th Centenary Exhibition, Ausstellungskatalog Madrid 2016, London/New York 2017, S. 296, Abb. zu Kat.nr. 37.
Peter Schlemihl
1815 bis 1818 nahm der Naturforscher und Dichter teil an einer russischen Expedition auf der »Rurik« und segelte um die Welt. In seinem Märchen tauscht Schlemihl, was jiddisch »Pechvogel« bedeutet, gedankenlos seinen ihm nutzlos erscheinenden Schatten beim Teufel gegen einen »Glückssäckel«. Fortan wird er jedoch wegen seines Makels von den Mitmenschen verstoßen und spürt die Wehmut des
Heimatlosen.
S wie Sonnenstaat
Säulen des Herakles (engl. The Pillars of Hercules)
Die
Karten des
Altertums zeigen eine geschlossene
Welt rund um Mittelmeer und Schwarzes Meer, die
Oikumene, das »Bewohnte Land«, mit nur einen Ausweg zwischen Marokko und Spanien. Archäologische Funde belegen die Anwesenheit der Phönizier bis zum 9. Jahrhundert BC; diese benannten die beiden
Vorgebirge als Säulen des Melkart oder Baal. Die Griechen setzten diesen mit Herakles gleich, dem
Helden mit den Attributen des
Wilden Mannes.
Die Säulen des Herakles führen in die grenzenlose Unendlichkeit des weltumfassenden Oceanos, heraus aus der
Sicherheit des nahen Landes, sie bilden die
Grenzen der
Welt.
Angst und Hoffnung liegen nah beieinander, und so finden sich dahinter die »Insulae Fortunata« und etwas weiter das nach dem welttragenden Atlas benannte und untergegangene
Atlantis im
Atlantischen Ozean.
Überlieferung: Phönizisch-griechische Mythologie
Theroux, Paul
(1996). The Pillars of Hercules
Eine anderthalbjährige Reise 1993–94 rund ums Mittelmeer, von er einen Säule (Gibraltar) zur anderen (Ceuta).
Scylla und Charybdis
»Es verfällt der Scylla, wer der Charybdis entgehen will.« – Dreimal täglich zieht der Felsenabgrund Charybdis Wasser in seinen Strudel. Wer aber zuviel Abstand hält, gerät in die Fänge der gegenüber hausenden Scylla.
Shangri-La
ist eine
Utopie, die der englische Schriftsteller
James Hilton
entwarf als ein abgeschiedenes Tal im Himalaya, in dem sich eine perfekte Gesellschaft entwickelt hatte. Im Mai 2002 wurde laut dpa bekannt, dass sich die Region Zhongdian im Westen Yunnans zu Shangri-La umbenannt hatte und dass der chinesische Staatsrat dem zugestimmt habe. Wörtlich übersetzt bezeichnet der Begriff einen Pass (La) in den zentraltibetischen (shang) Bergen (ri); die Lautähnlichkeit zu dem buddhistischen Mythos von
Shamba-La könnte von Hilton beabsichtigt worden sein.
Sirenen
Halbgöttinnen, die mit ihrem betörenden Gesang den berühmten Seefahrer auf ihre
Insel locken wollen. Der aber stopfte sich und seinen Gefährten eine Art antikes Oropax in die Ohren und segelte vorbei.
Slangam
Seemannsgarn und Lügengeschichten über Entdeckungsreisen rund um die Welt, Abenteuer in Salzwüsten und Dschungeln, im Nordmeer und am Südkap. Ihr Schiff heißt Mutafo, das ist liberianisch und bedeutet ’Das Ding, das durch den Wind geht‘. So steht's dann auch am Bug und dennoch hatten sie schon siebenmal »den Atlantischen Ozean durch das lecke Schiff hindurchgepumpt.«
1955 Welk, Ehm
(1884–1966)
Mutafo. Das ist das Ding, das durch den Wind geht.
Die unglaublichen Geschichten der rühmlichen christlichen Seefahrer Thomas Trimm und William Steinert.
Aufgezeichnet von Toby Swagger, aus dem Slangamesischen übertragen, bearbeitet und neu an den Tag gebracht. In 116 Bildern festgehalten von William Steinert. [Graph. gestaltet v. Heinz Bormann] 293 S. 6 Bl. Berlin: Eulenspiegel
Songlines
„Alles, was wir über die Bewegung des Meeres wußten, war in den Strophen eines Liedes enthalten. Tausende von Jahren gingen wir, wohin wir wollten, und dank des Lieds fanden wir sicher zurück … Es gab ein Lied für den Weg nach China und ein Lied für den Weg nach Japan, ein Lied für die große Insel und ein Lied für die kleinere. Sie mußte nur das Lied kennen, und sie wußte, wo sie war. Wenn sie heimkehren wollte, sang sie das Lied einfach rückwärts. …“ (Worte einer alten Frau, einer sibirischen Schamanka)
Sonnenstaat
In langen Haftjahren formulierte der Dominikanermönch seine Vorstellungen des idealen
Staates und der idealen Stadt: »Auf der nach außen gewölbten Mauer Seite dieser Mauer steht zunächst die vollständige und genaue Beschreibung der ganzen
Erde. Darauf folgen besondere Darstellungen jeder einzelnen Gegend. …«
»Spanien«
Der Held der Geschichte schreibt seine Reise-Erfahrungen nach Spanien („ein wildes Land - und allein schon die Elefanten“) zum Nutzen anderer nieder, kommt daher bereits im 31. Kapitel zu den Reisevorbereitungen (u.a. ein Lasso und 25 Pfund Insektenpulver) und empfiehlt das Buch eines Freundes („Unter Menschenfressern im Innersten Spaniens“), daher er sein Werk auch widmet: »Seiner Majestät Kurunegalawalla XXXIX. König von Mpua-Mpua und Hottentotten in ehrfurchtsvoller Ergebenheit und allerrespektvollster Freundschaft«
Südland (engl. »great south land«)
Die deutsche Übersetzung von
terra australis folgt der Vorstellung des
Ptomeläus
, dass alle Meere von Land umgeben seien - so wie das Mittelmeer. Wenn es also Meere gibt, deren
Grenzen nicht zu überblicken sind wie der
Atlantische und der Indische
Ozean, so müssten diese von (unbekanntem) Land umschlossen sein. Man suchte daher gezielt nach dem
Südkontinent und fand Amerika, Australien, Neuseeland und die
Antarktis.
1672 Allais, Denis Vairasse d'
Histoire des Sevarambes
peuples qui habitent une partie du troisième continent, communément appellé la Terre Australe: contenant une relation du gouvernement, des moeurs, de la religion, & du langage de cette nation, inconnuë jusques à present aux peuples de l'Europe.
A Amsterdam: Chez Pierre Mortier.
1689 Veiras, Denis
,
Wolfgang Braungart
,
Jutta Golawski-Braungart
Eine Historie der Neu-gefundenen Völcker Sevarambes genannt
Mit einem Nachwort, Bibliographie und Dokumenten zur Rezeptionsgeschichte. Verlag: Berlin ; Boston : De Gruyter, [2011]
https://doi.org/10.1515/9783110934021
1704 Foigny, Gabriel de
Sehr curiöse Reise-Beschreibung durch das neu-entdeckte Südland. In welcher die Sitten und Gewohnheiten dieser Völcker, ihre Religionen, Studia, Arten Krieg zu führen, sonderbare und nie erhörte Thiere so in diesem Lande angetroffen werden, samt allen, was sonst merckwürdig, beschrieben.
Dresden 1704: Winckler.
1704 Misomorus, Antonius, Christianus Thode
Des Groß-Ohnmächtigen, Klein unüberwindlichen Königs und Herren Christiani Mothis, Königs in Moren- (Narren-) Land, Groß-Fürstens in Nova Zembla und unbekannten Südland, Hertzogs über die Creter und Araber
… Geheimer Cabinet- und Narren-Rath, Anno 1704. d. 1. Aprilis … eröffnet.
1704 Sadeur, Jaques
Sehr curiöse Reise-Beschreibung durch das neu-entdeckte Südland
In welcher die Sitten und Gewohnheiten dieser Völcker, ihre Religion, Studia, Arten, Krieg zu führen, sonderbare und nie erhörte Thiere, so in diesem Land angetroffen werden, samt allen, was sonst merckwürdig beschrieben und zwar in Französischen
Vorietzo ins Teutsche übersetzet. Dresden: Winckler.
1721 Texel, Hendrik
Der Holländische Robinson Crusoe
oder Das merckwürdige Leben … Henrich Texels eines Holländers, welcher im Jahr 1655 auf dem unbekannten Südland … sich verirret … allwo er dreyßig Jahr lang … zugebracht … ; diese wunderbare Begebenheiten hat er selbst beschrieben … dem Hrn. de Posos Anno 1702 … communiciret wegen seiner ungemeinen Curiosität ins Teutsche übersetzt und mit saubern Kupffer gezieret.
Leipzig
1721 Posos, Juan de, Hendrik Smeeks
Beschreibung des mächtigen Köningreichs Krinke Kesmes
… ein Theil des unbekannten Südland unter dem Tropico Capricorni gelegen ausmachet, worinnen doe selsame Lebe torie eines Holländers, so in dem 6. dieser Beschreibung … enthalten, er und nebst der Policey und Justiz, Go dienst … beschrieben wird durch Juan de Posos.
Leipzig
1784 Die Entdeckungsgeschichte einiger Inseln des Südlandes
in: Rétif de la Bretonne, Nicolas Edme
Der fliegende Mensch
Halbroman. 388 S. Dresden und Leipzig: Breitkopf.
T wie Tohu und Bohu
Thelem, Land und Abtei
Gargantua
schenkt einem Mönch das Land Thelem am Loir-Fluss für den Bau einer Abtei. Diese kennt nur eine einzige Regel:
»Tu, was Du willst …« und setzt auf die Fähigkeit des
Einzelnen als »freie Menschen von edler Geburt, guten Kenntnissen und in achtbarer Gesellschaft aufgewachsen … das Laster (zu) fliehen, welchen Trieb man Ehre nennt«. Dabei wird es nicht klar, ob diese Vision nun eine
Utopie sein soll oder böser Spott über Eigennutz und
Freiheit.
Thule
Pytheas
, griechischer Kapitän aus Massali, dem heuigen Marseille, segelte um 330 vor Christus die europäische Atlantikküste nordwärts und fand »sechs Tagesreisen nördlich von Britannien« besiedeltes Land. Zurückgekehrt schrieb er seine Erfahrungen in
Peri tou Okeanou `Über den
Ozean´ nieder, nach deren Lektüre der Geograph
Strabo
den
Pytheas
als lügenhaftesten Menschen bezeichnete. Zutreffend beschreibt Pytheas jedoch die kurzen Nächte in den Ländern der Mitternachtssonne. Sein Werk ging bereits in der Antike verloren, es gibt nur Zitate, etwa in der
Eisagoge des
Geminos von Rhodos
. Wer an Thule glaubt, findet es jedenfalls nordwestlich der Orkney-Inseln, wahlweise auf den Shetland-Inseln oder den Färöern oder irgendwo an der norwegischen Küste. Island kommt als damals unbewohnte
Insel nicht in Frage.
Mohr, Walter
Des Pytheas
von Massilia Schrift „Über den Ozean“.
Hermes 77.1 (1942) 28-45.
Mette, Hans-Joachim
Pytheas von Massalia.
IV, 52 S. Berlin 1952: De Gruyter.
Kleineberg, Andreas, Christian Marx, Dieter Lelgemann, Eberhard Knobloch
Germania und die Insel Thule.
Die Entschlüsselung von Ptolemaios' „Atlas der
Oikumene“.
131 S., Darmstadt Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) 2012
Ein interdisziplinäres Team, unter anderem mit Geodäten und Wissenschaftshistorikern, hat versucht, die Städtenamen aus dem Werk von Ptomelaios zu identifizieren, indem sie die antiken geographischen Koordinaten entschlüsselte.
Tohu und Bohu
Gargantua, rauflustiger Saufbold und Vater des Pantagruel, ist weitgereist. Er kennt die Inseln Tohu und Bohu, die Stadt Kunterbuntenau, die Grafen von Filzlausitz, besiegt seine Feinde, die Fladenbäcker, und gründet im Lande Thelem eine Abtei, siehe dort.
Tripstrill
»Zu Tripstrill, drei Meilen hinterm Kachelofen.« wird frech geantwortet, wenn der Gefragte nicht sagen will, wohin er reist. Daher findet die Reise nach Tripstrill nie ein Ende
5).
1911 Finckh, Ludwig
Die Reise nach Tripstrill. München: A. Langen.
um 1787 Georg Anton Bredelin
(1752–1814)
Die Weibermühle von Tripstrill Singspiel
Ein kleiner Weiler im Landkreis Heilbronn, auch Treffentrill.
Eine überlieferte Sage aus dem
15. Jahrhundert kennt den
Katzenveit
in Tripstrille bei Zwickau; die Figur ähnelt dem
Rübezahl
, ist als Gestaltwandler ein Trickster; der Handlungsablauf gleicht dem im
Rattenfänger von Hameln
.
»Türkei«
1923 Kuzmin, Michail Alekseevič
Die Reisen des Sir John Fairfax
durch die Türkei und andere bemerkenswerte Länder. Übersetzt von Alexander Eliasberg, Holzschnitte von Karl Rössing. 140 S. München: Orchis
U wie Utopia
Ein unbekanntes Land
Der Autor des
Taugenichts hat die
Abenteueridee zum Thema seiner Geschichte gemacht, in der 1540 spanische Konquistadoren mit der
Fortuna lossegeln:
»Sie fuhren immerzu und wollten mit Gewalt neue Länder entdecken.« Als sie an unbekannten Gestaden stranden, treffen sie auf die
Frau Venus
, die
Inselkönigin.
vor 1857 Joseph von Eichendorff
(1788–1857)
Eine Meerfahrt. Novelle
Joachim Lindner (Hg.), Brigitte Ullmann (Ill.), 104 S., Berlin 1988: Kupfergraben
Utopia
Der englische Lordkanzler entwarf zwar nicht als erster ein Bild des idealen
Staates, doch wurde seine Beschreibung zum Oberbegriff einer Gattung, denn »u topos« ist der Ort, der nirgendwo ist. Diesen Ort sollen seine Bewohner früher »
Abraxa« genannt haben.
W wie Wolkenkuckucksheim
Wolkenkuckucksheim (engl. Cloud cuckoo land)
Nachdem Lukian im Hesperidischen Meer die Weininsel besucht hat, wirbelt ein Sturm sein Schiff über die Wolken, hinauf zur Mondinsel und seinen Bewohnern, den Hippogypen, die eben einen Krieg mit den Sonnenbewohnern führen. Auf dem Rückweg kommen sie durch die Lampenstadt und das berühmte Wolkenkuckucksheim, altgriechisch Nephelokokkygia, eine Stadt in den Wolken; erstmals von Artur Schopenhauer als „Wolkenkuckucksheim“ übersetzt. Verwendet wird es ebenso wie „Luftschloss“ und ist eine Metapher für undurchdachte Behauptungen und Entwürfe ohne Bezug zur Wirklichkeit, ohne Bodenhaftung, nicht greifbar und formlos wie Wolken.
Wunderland (engl. Wonderland)
Die Edamer Katze sitzt auf einem Ast, als Alice
ihr begegnet. Sie grinst, und beginnt langsam zu verschwinden, bis schließlich nur noch das Grinsen übrig ist.
X wie Xanadu
Xanadu
ist seit dem Mittelalter in Europa bekannt, vermutlich durch den Bericht des Marco Polo
, der 1275 dort gewesen sein soll. Identifiziert wird es mit der Residenz des damaligen Kaisers von China, Kublai Khan
: 上都, Shàngdū oder 元上都 Yuán Shàngdū. Xanadu wurde danach jedoch zum Überbegriff für einen Ort, der sich durch Luxus, Wohlstand und Überfluss auszeichnet, etwa
1368 von Toghon Temur Khan
in der mongolischen Chronik Altan Tobchi;
1614 von
Samuel Purchas
in
Purchas his Pilgrimes 7)
1797/1816 in einem Gedicht von Samuel Taylor Coleridge
, der nach der Lektüre des obigen Buches im Opiumrausch von Xanadu träumte;
1816 im Film Citizen Kane (1941) von Orson Welles
als Name des Schlosses, in dem Charles Foster Kane residierte.
Y wie Ys
Ys (auch: Is, bretonisch Kêr-Is, französisch Ville d'Ys) ist in der sagenhaften Überlieferung eine in den Fluten untergegangene Stadt (ähnlich wie Vineta an der Ostsee) eine versunkene Stadt an der bretonischen Kanalküste, meist lokalisiert in der Bucht von Douarnenez.
Le Braz, Anatole
XI. Les villes englouties.
La Légende de la mort en Basse-Bretagne.
Édition Définitive. Paris 1923: H. Champion. pp. 429–441
Guyot, Charles
The Legend of the City of Ys.
Amherst, Mass 1979: University of Massachusetts Press.
Doan, James
The Legend of the Sunken City in Welsh and Breton Tradition.
Folklore. 92.1 (1981) 77–83.
Online
Thomas Harlan
Die Stadt Ys und andere Geschichten vom ewigen Leben
Eichborn 2007, ISBN 3-8218-0717-2
Z wie Zipfelstadt
Zedernwald »Land der Lebenden«
Gilgameschs
Reise zum Zedernwald wo er
Humbaba
, den Wächter der göttlichen Zedern, trifft. Letzterer wird von
Enkidu
getötet. Mythisch bildet der Zedernwald den
Zwischenraum als
Übergang in die
Welt des Göttlichen. Lokalisiert wird er im
Raum des Libanon.
Hansman, J.
Gilgamesh, Humbaba and the Land of the Erin-Trees.
Iraq 38 (1976) 23-35.
Klein, Jacob
; Abraham, Kathleen
Problems of Geography in the Gilgames Epics: The Journey to the „Cedar Forest“
in: Lucio Milano et al. (Hg.): Land-scape in Ideology, Religion, Literature and Art (History of the Ancient Near East: Monographs 3.3 (2000) 63-73.
Zipfelstadt
Josua Zipplein
reist durch die deutschen Lande und erzählt von Pfefferberg, Hamsterfeld, Fuchszwang, Pflockheim, … besonders aber von Zipfelstadt. Dort wird er ausgewiesen, weil er auf den Meldezettel schrieb:
»Die Polizei von Zipfelstadt hat auch genau darauf zu vigilieren, daß ihr keine Eselsohren anwachsen.«
Schließlich macht er Karriere als Redakteur der Tripstriller Krautblätter.
Zipfelbund
Die nördlichste, östlichste, südlichste und westlichste Gemeinden Deutschlands haben den »
Zipfelbund« gegründet: (Sylt, Görlitz, Oberstdorf, Selfkant).
Literatur
Ideale Welten, Paradies, Vision →
Utopie
-
-
Phantastische Inseln
Babcock, William H.
Legendary islands of the Atlantic. A Study in Medieval geography.
New York 1922. 196 p. American geographical society. Research series 1922, 8.
Deeg, Anna Lena
Die Insel in der nordgermanischen Mythologie.
(= Münchner nordistische Studien, 23) München : Utz, 2016.
Elias, Norbert
Watteaus
Pilgerfahrt zur Insel der Liebe
Mit einem biographischen Essay von Marianne Roland Michel.
143 Seiten, sechs Farbtafeln, Insel Verlag 2000)
Watteau
reichte 1712 bei der Akademie in Paris sein Gemälde
Einschiffung nach Kythera ein. Das Gemälde und dessen weiteres Schicksal bilden die Basis von Elias' Essay zu
utopischen Gegenmodellen im wechselnden kulturellen Umfeld und im Kontrast zwischen Traum und Wirklichkeit der Liebe.
Glaser, Horst Albert
Utopische Inseln. Beiträge zu ihrer Geschichte und Theorie.
Frankfurt/Main u.a.: Peter Lang 1996
Golding, William
Herr der Fliegen.
Roman (USA 1954), zuletzt übersetzt von Peter Torberg 2016 Fischer Verlag
Kamal, Youssouf
Hallucinations scientifiques (les portulans).
Leiden 1937: Brill. 96 S., 39 Tafeln.
Lukas Maisel
Buch der geträumten Inseln
Roman. Hamburg 2020: Rowohlt
L'Honoré Naber, S. P.
Hypothetische Eilanden in de Barents-Zee.
Tijdschrift van het Koninklijk Nederlandsch Aardrijkskundig genootschap. Leiden IIde Ser. Deel XXXVII (1920) 88–109
Schalansky, Judith
Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfundfünfzig Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde.
160 S. 55 Abb. Hamburg 2021: mareverlag.
»Das Paradies ist eine Insel. Die Hölle auch.« (Vorwort)
Jules Verne
Die geheimnisvolle Insel. (L’Île mystérieuse)
Der „fast perfekte Roman“ (Roland Barthes
) erschien 1874/75 in Paris bei Pierre-Jules Hetzel in drei Teilen:
Vergebliche Suchen
Amslinger, Julia
Orientierungssysteme und Nirgendorte.
Zur Metaphorik von Kompass und
Karte in der Frühen Neuzeit.
S. 181–200 in: Lose Leute, (Leiden, Niederlande: Brill, Fink, 2019)
DOI
Augé, Marc
Orte und Nicht-Orte.
Vorüberlegungen zu einer
Ethnologie der
Einsamkeit.
Frankfurt a.M. 1994.
P. Grosse
Am Rand. Wundervölker zwischen Fantasie und Wirklichkeit.
S. 226–249 in: P. Grosse, G. U. Grossmann, J. Pommeranz (Bearb.): Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik. Nürnberg 2015.
Umberto Eco
Die Geschichte der legendären Länder und Städte
(ital. Original: Storia delle terre e dei luoghi leggendari).
478 S. Literaturverzeichnis Seite 474-478. München: Hanser 2013.
Wie haben sich Legenden historisch entwickelt und wie verändert sich dabei das Verhältnis von
Fiktion zur
Wirklichkeit?
Inhalt u.a.:
-
Die (Aus-)Länder der Bibel, z.B. Ophir
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Die Wunder des
Orients, von
Alexander
bis zum Priester
Johannes
Das irdische Paradies, die Glückseligen Inseln und das Eldorado
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Ultima Thüle und Hyperboräa
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Alamut, der Alte vom Berge und die Assassinen
Das Schlaraffenland
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Das Erdinnere, der Polmythos und Agartha
Die Erfindung von Rennes-le-Chäteau
Felsch, Philipp
Wie August Petermann den Nordpol erfand.
271 S. München 2010: Luchterhand. Rezensionen in
FAZ und Die Zeit 65 (2010) 48.
Ein romanhaftes Sachbach, zu lesen als Biographie des Kartographen
Petermann
, der die nach ihm benannte geographische Zeitschrift 1854 gründete und welche 150 Jahre lang erschien, oder als Roman über dessen (falsche) Theorie eines eisfreien Nordpols, die 50 Jahre lang Expeditionen narrte, vielleicht auch, weil Petermann nie den Schreibtisch verließ und das Reisen anderen überließ.
Gretz, Daniela
Das ‚innere Afrika‘ des Realismus. Wilhelm Raabes Abu Telfan (1867) und der zeitgenössische Afrika-Diskurs.
S. 197-216 in: Michael Neumann/Kerstin Stüssel (Hg.): Magie der Geschichten. Weltverkehr, Literatur und Anthropologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Paderborn 2011.
Raabe, Wilhelm
Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge.
in: Wilhelm Raabe: Werke, Bd. 7, hg. v. Karl Hoppe u. Werner Röpke, Göttingen, 2. Aufl. 1969
Knefelkamp, Ulrich
Die Suche nach dem Reich des Priesterkönigs Johannes.
Dargestellt anhand von Reiseberichten und anderen ethnographischen Quellen des 12. bis 17. Jahrhunderts.
Diss. Univ. Freiburg 1985. 269 S. Gelsenkirchen 1986: Müller.
Inhalt. Rezension von
Olms, Siegfried
: Zeitschrift Für Deutsches Altertum Und Deutsche Literatur 118.3 (1989) 115–19.
Online .
Marie-Christine Pfioffet
(Hg.)
Geographiae imaginariae.
Dresser le cadastre des mondes inconnus dans la fiction narrative de l'Ancien Régime.
Actes du XXIIe colloque de la Socièté d'analyse de la topique romanesque tenu à l'Université York du 2 au 4 octobre 2008. Paris: Hermann Editions 2014.
Barbara Piatti
Die Geographie der Literatur. Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien.
= Diss. Universiẗat Basel, 2006. 424 S. Göttingen: Wallstein Verlag 2008.
17 beigefügte Faltkarten stellen fiktionale und reale Landschaften gegenüber (Literaturgeographie).
Pust, Hans-Christian
(Hg.)
Fantastische Welten: Kartographie des Unbekannten.
Unter Verwendung des Ausstellungskataloges
Hors du monde - la carte et l'imaginaire hrsg. von Gwénaël Citérin und Annick Bohn. (=Begleitband zur gleichnamigen
Ausstellung).
188 S., Ill., Karten. Ostfildern 2021: Jan Thorbecke
Inhalt
Lexika & Atlanten phantastischer Orte
Glossary of Fictitious Names.
in:
The Discovery of a New World (Mundus Alter Et Idem).
Written Originally in Latin by Joseph Hall, ca. 1605;
Englished by John Healey, ca. 1609,
edited by Huntington Brown, Cambridge, MA, and London, England: Harvard University Press, 2013, pp. 197-246.
DOI
Brooke-Hitching, Edward
Atlas der erfundenen Orte.
Die grössten Irrtümer und Lügen auf Landkarten.
A.d. Engl. von Lutz-Werner Wolff (The phantom atlas: the greatest myths, lies and blunders on maps). München: dtv, 2019, Literaturverzeichnis: Seite 246-247
Dahl, Jürgen
Reisen nach Nirgendwo.
Ein geographisches Lügengarn aus vielerlei fremden Fäden.
Düsseldorf 1965: Rauch.
Atlantis, Capitanien, Erewhon, Krähwinkel, Mondland, Orplid, Schilda, Schlaraffenland, Sonnenstaat, Abtei Thelem, Utopia
Stefan Ekman
Here Be Dragons. Exploring Fantasy Maps and Settings.
VIII, 284 S. Middletown (Connecticut): Wesleyan University Press 2013.
Inhalt
Philip Babcock Gove
The Imaginary Voyage in Prose
Fiction. A History of its Criticism and a Guide for its Study, With an Annotated Check List of 215 Imaginary Voyages from 1700 to 1800
(=Columbia University Studies in English and Comparative Literature, 152) XI, 445 S. New York 1941: Morningside Heights Columbia University Press.
DOI
Richard Hennig
Wo lag das Paradies?
Rätelfragen der Kulturgeschichte und Geographie
Druckhaus Tempelhof Berlin 1950
Lewis Jones, Huw
(Hg.)
Verrückt nach Karten. Geniale Geschichten von fantastischen Ländern.
256 S. Ill., Karten Darmstadt 2019: wbg Theiss. Original: The Writers Map: An Atlas of Imaginary Lands, University of Chicago Press 2018.
Inhalt
Frank Jacobs
Seltsame Karten. Ein Atlas kartographischer Kuriositäten.
Aus dem Englischen (Strange maps. An atlas of cartographic curiosities, XII, 244 S. New York: Viking 2009) von Matthias Müller. München 2012: Liebeskind.
Inhalt
Alberto Manguel
, Gianni Guadalupi
The dictionary of imaginary places
XVI, 755 S. Ill., Karten. Boston 2010: Houghton Mifflin Harcourt. 1980/1987/2010. 1.200 Orte und Länder werden beschrieben.
Manguel, Alberto, Gianni Guadalupi
Von Atlantis bis Utopia
ein Führer zu den
imaginären Schauplätzen der Weltliteratur.
Frankfurt/M. 1984: Ullstein. 3 Bde.
McLeod, Judyth A.
Atlas der legendären Länder von Atlantis bis zum Garten Eden.
319 S. Ill., Kt. Hamburg 2012: Gruner & Jahr/National Geographic.
Inhalt
Nell, Werner
Atlas der fiktiven Orte
Utopia, Camelot und Mittelerde. Eine Entdeckungsreise zu erfundenen Schauplätzen.
Berlin: Bibliographisches Institut 2014.
Der Autor wählt Orte, Inseln, Kontinente aus, an die Kartographen und Geographen lange glaubten, also eine
Welt wie sie nach deren
Vorstellungen hätte sein sollen:
Ardistan und Dschinnistan
Atlantis
Auenland
Avalon: das Apfelland im Nebel
Camelot
Eldorado: das Goldland im Dschungel
Entenhausen: Tick, Trick und Track mit den Onkels Donald und Dagobert
Gondor
Lilliput
Lummerland: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
Mahagonny
Metropolis: Stadt der Maschinenmenschen
Mittelerde: Heimat der Hobbits, Elfen, Orks
Niflheim: Eiswelt der Frostriesen.
Nimmerland
Olymp: Sitz der Götter
Paradies
Phantásien: Ein Land zwischen den Büchern
Robinson Crusoes Insel
Schatzinsel
Schilda: Stadt der klugen Narren
Schlaraffenland
Sonnenstadt
Springfield
Utopia
Walhall: Wohnstatt großer Krieger
Xanadu
Zauberberg
Jeffrey N. Peters
Mapping Discord: Allegorical Cartography in Early Modern French Writing.
Masterthesis Ph. D. (=Scavoir la carte: Allegorical maps and the cartographics of culture in seventeenth-century France) University of Michigan, 1996. 286 S. Newark: University of Delaware Press 2004.
Inhalt
Martin Vargic
Miscellany of Curious Maps.
The atlas of everything you never knew you needed to know.
123 S. New York, NY: Harper Design 2015. 64 Karten und Graphiken
Pierre Versins
Encyclopédie de l'utopie, des voyages extraordinaires et de la science-fiction
1037 S. Lausanne 1972: L'Âge d'homme
Kartographie phantastischer Orte
Ein anerkanntes Verfahren, Nichtorte zu strukturieren, ist die Kartographie. Karten lassen sich als Modell lesen, transportieren jedoch auch Glaubenssysteme.
Place, François
Phantastische Reisen
Vom Roten Fluss zum Land der Zizotls.
[aus dem Atlas der Geographen von Orbae].
Aus dem Französischen von Bernadette Ott. 137 S. München 2000: Bertelsmann.
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Jean Klare, Louise van Swaaij
Atlas der Erlebniswelten
Mit Texten von Ilja Maso und Saskia Sombeek
Frankfurt am Main: Eichborn 2000
95 S. zahlr. farb. Karten & Pläne, Ortsregister
Dieser Atlas erhielt in den beiden letzten Jahren zu Recht viel Aufmerksamkeit als nette und phantasievolle Kuriosität. Er ist unterhaltsam und ein hübsches Geschenk, mit dem man sich immer mal wieder ein paar Minuten beschäftigen kann. Ich war schon sehr verblüfft, als ich in meiner Bibliothek auf einen Vorläufer der »Erlebniswelten« stieß, der 1777 (!) erschien. Dieser Vorläufer sollte die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Fortschritt der damaligen Drucktechnik lenken.
István Ráth-Végh
beschreibt diesen Vorläufer in Die Komödie des Buches (Budapest 1967):
»1777 gab der bekannte Leipziger Drucker Johann Gottlob Immanuel Breitkopf
ein achseitiges Heft mit dem merkwürdigen Titel heraus: Das Reich der Liebe. Zweyter Landchartensatzversuch. Ich beginne die Erklärung beim Untertitel und gehe dann zum eigentlichen Titel über. Das Reich der Liebe ist eine Landkarte. Damals versuchte man in ganz Europa, Karten mit einer neuen Methode – mittels Handsatz – herzustellen. Auch Breitkopf
stürzte sich auf das Problem, das seine Druckerphantasie erregen mußte. Als erster Versuch entstand eine Karte von der Gegend um Leipzig.
Der zweite Versuch mit derselben Technik war Das Reich der Liebe. Er entstand aus Anlaß einer Hochzeit, noch dazu innerhalb von drei Tagen. Offensichtlich war es Breitkopf darum zu tun gewesen, mit einem drucktechnischen Meisterstück zu brillieren – er wollte zeigen, was die Buchdruckerkunst leisten kann – dafür kam ihm die Hochzeit sehr gelegen. Wir wissen nicht, ob das Thema seiner eigenen Phantasie entsprang oder ob die Karte auf Bestellung ausgeführt wurde – das ist aber auch nicht wichtig.
»… Der Reisende nimmt seinen Weg vom Land der Jugend aus. (Es genügt, die wichtigsten Stationen anzuführen.) Hier entfaltet die Stadt der Freuden ihre Pracht, beschützt durch die Burg der Sorglosigkeit; hier entspringt der Fluß der Wünsche, doch erhebt sich hier auch der Fels der Mahnungen. Nordwärts vom Land der Jugend liegt das Land der fixen Ideen. Seine Sehenswürdigkeiten sind die Stadt der Träume, der Wunschhain und die Burg der Unruhe. Begeben wir uns nach dem Westen, gelangen wir ins Land der Trauernden Liebe, eine düstere Gegend. Dort schimmern von fern die Bergketten der Hoffnungslosigkeit, dort klafft die Höhle der Seufzer, und das ist der Ort, wo der Fluß der Tränen entspringt, der schließlich in das Meer der Verzweiflung mündet. Auch das Land der Lüste ist ein gefährliches Gebiet. Hier lauern dem Pilger Krankheit und Tod auf, so daß es wünschenswert erscheint, daß er sich, noch ehe es zu spät ist, besinnt und über die Brücke der Hoffnung in das Land der glücklichen Liebe hinüberspaziert. Dort findet er dann alles, was seinen Appetit anregt, und noch manches andere. Die Städte dieses Landes heißen Gute Aussicht, Erhörung, Wahre Liebe, Zärtlichkeit usw. Auch hier gibt es Berge wie den Berg der Einwilligung; etwas südwestlich von ihm grünt der Lusthain; die ganze Gegend wird vom Fluß der Wonne durchströmt, und als Folge all dessen lächelt an der nördlichen Grenze dem Wallfahrer der Liebe die Stadt des Kindersegens zu. Bleibt noch das Land der Hagestolze. Dort gibt es Städte, deren Namen auf die Unannehmlichkeiten des einsamen Lebens hinweisen – schließlich kann der Reisende im Land der Ruhe rasten. Deren Hauptstadt ist der Großvaterstuhl, aber noch besser ruht es sich in der Schlafmützenstadt. Der Leser verzeihe die humorlosen Allegorien, und denke daran, daß die alberne Landkarte ein ernst zu nehmender Beweis für die Nützlichkeit einer neuen Erfindung war.«
Verweise