Inhaltsverzeichnis
Die Dynamik der intentionalen Fortbewegung im Raum
Mobilität und Motilität
Mobilität, wie sie geografisch verstanden wird, umfasst Alltags-, Reise-, Wohnmobilität und Migration. Hier liegt der Fokus auf Reisemobilität im Sinne der Konzepte des Unterwegs-Seins außerhalb des vertrauten Raumes und für längere bzw. unbestimmte Zeit. Diese »irreversible Mobilität« wirkt in stärkerem Maße auf das Selbstverständnis, das Weltbild, die eigene Identitätsfindung.
Carolin Liebisch-Gümüş
Mobilität/en und Mobilitätsgeschichte.
Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam e.V. 46 S. DOI: 10.14765/zzf.dok-2817 OnlineKatharina Manderscheid
Soziologie der Mobilität
Bielefeld 2022: transcript
Motilität u.a. S. 30 ff. mit Bezug auf Paul Virilio, Kesselring & Vogl, Vincent Kaufmann
Motilität als persönliches Potential oder »Kapital«, derart unterwegs zu sein, setzt voraus
- Intention
Die persönlichen Einstellungen, Werte, Wünsche, Sehnsüchte welche dazu antreiben, aufzubrechen und unterwegs zu sein. Ist die Intention stark genug, finden sich Wege und Mittel. - Fähigkeiten und Fertigkeiten
selbständig unterwegs zu sein, also Kommunikation, Anpassung, Improvisation, Durchsetzungsvermögen, richtiges Verhalten im öffentlichen Raum und im Verkehr, Alltagsorganisation und Orientierung im Raum.
Kategorien der Dynamik im Raum
Die Folgen des Unterwegs-Seins als soziotechnisches Handlungssystem resultieren aus der Dynamik 1) der intentionalen Fortbewegung im Raum und ermöglichen die Bildung von Kategorien, die wahrgenommen werden können als ein Verschieben von …:
| Entität | Vorgang/Fluss | Manifestation | Kategorie | Latein. Wurzel | Zeitaspekt |
|---|---|---|---|---|---|
| Menschen | Ortsveränderung | Lebensmittelpunkt verlässt Vertrautes | Translokation | locus (Ort) | Geschwindigkeit Rhythmus |
| Dinge | Stoff bewegen (Materie & Energie) | Logistik: Reisegepäck, Proviant, Lasten | Transport | portāre (tragen) | Frequenz Transportzeit |
| Alltag | Verhaltens- änderung | Gewohnheiten & Routinen im Transit (Liminalität) | Transition | ire (gehen) | Dauer funktionale Pausen |
| Wissen | Informations- übermittlung | Kontinuierliche Navigation & medienbasierte Datenspeicherung | Transfer | ferre (bringen) | Aktualität Latenzzeit, digitale Simultanität |
| Weltbild | Wahrnehmung | Horizontänderung Identitätskrise | Transformation | formāre (formen) | Kontinuität Umbruch |
| Soziale Strukturen | Assimilation Akkommodation | Ereignishafter Norm- und Systembruch | Transakzedenz | accēdere (sich nähern, zustimmen) | Kipppunkt Rollen-, Statuswechsel |
Diese Systematik zeigt eine idealtypische Trennung. In der Realität des Unterwegs-Seins bedingen und durchdringen diese Kategorien einander; sie sind als Dimensionen eines integrierten Gesamtprozesses zu verstehen.
Transgression
Unterwegs-Sein kommt per se an Grenzen: sichtbare und unsichtbare, verschiebbare und fixe. Dieser unvermeidliche Grenzkontakt erfordert Entscheidungen, wie damit umzugehen ist; die sozialen Kopplungen und Systeme stellen dafür Regeln bereit. Damit lässt sich die Grenzüberschreitung (Transgression) entweder als ein Werkzeug einsetzen oder minimieren, indem Harmonie Priorität genießt.
- Im ersten Fall entfaltet die Dynamik eine dreistufige Zeitstruktur: Sie bricht mit der Vergangenheit (Aufbruch aus Alltag und Gewohnheiten, Sozialem), gestaltet die Gegenwart (Warten, Erleben, Bewegen) und richtet sich über den Möglichkeitssinn auf eine offene Zukunft.
- Im zweiten Fall werden Brüche vermieden. Das verändert die Wahrnehmung von Zeit.
Die Vorstellung des Weges erscheint in (vielen, allen?) Sprachen auch als Metapher des richtigen Lebensweges.
→ Bezeichnungen des Weges in asiatischen und afrikanischen Sprachen
- In manchen Sprachen wird er zum Werkzeug des Geistes, der Möglichkeitsräume öffnet: Der Weg (gr. odos) als Methode (meta-odos) erlaubt planmäßiges Vorgehen.
- In anderen Sprachräumen bedeutet der Begriff für Weg auch Wasser: einem solchen Weg muss man sich anpassen, er ist nicht beherrschbar, man wird Teil des Flusses, gemeinsam mit anderen und der Umwelt, in der Bewegung bleibt man immer mit allem anderen verbunden.
Transgressionsorientierte Konzepte
Die Grenzüberschreitung wird relativiert, indem sie
- Ausnahmen erlaubt: Urlaub, Auswandern …
- Unabsichtliche Grenzüberschreitung mehr oder weniger toleriert, etwa weil die Normen von Herkunftsraum und Zielraum nicht harmonieren und bereits durch die Ortsänderung verletzt werden: Religion, Essgewohnheiten, Kleidung …
- Absichtliche Grenzüberschreitungen unter Vorbehalt stellt: Flucht, Blinder Passagier, Migration …
| Kategorie | Normgebunden | Entgrenzt |
|---|---|---|
| Translokation (Menschen) | Urlaub: Auswanderung, Bildungsreisen, Tourismus … mit Reisepass, Visum zeitlich begrenzte Sonderrechte: Immunität von Gesandten, Asylrecht für Reisende in Kirchen | Flucht, Schleuserei, Vagabondage, Vertreibung, Völkerschauen als „Human Zoos“ |
| Transport (Dinge) | Regulärer Linien- und Frachtverkehr Fahrplan, Passagier, Ticket, Zoll | Blinder Passagier, Havarie, Kaperfahrten, Schmuggel |
| Transition (Alltag) | Reglementierter Wanderzwang der Handwerksgesellen, Anerkannte Rollenwechsel: der Geselle wird Meister; die Braut zieht zum Bräutigam. Ritualisierte Alltagsroutinen auf Pilgerpfaden Institutionalisierter Kurbetrieb Herbergsordnungen (digital-)technische Infrastrukturen | Abenteuer, Camouflage, Dark Tourism, Heimatlos |
| Transfer (Wissen) | Recherchereisen für Kartographie und Reisebücher Expeditionsdokumentation Bildvorträge und Reisefotografie | Rotwelsch, Spionage Kulturgüterraub Plus Ultram |
| Transformation (Weltbild) | Erkenntnisgewinn auf Bildungsreisen Erbauung auf Wallfahrten Inspiration auf Künstlerreisen | Krankheitsbilder Ausgesetzt-Sein in der Wildnis Statusverlust: der Vogelfreie, der Deserteur, der Dissident im Exil |
Normverletzende Transgression (Wortfeld): Ambivalenzen, Aneignung, Ausbeutung, Bruch von Konventionen, Camouflage, Grenzgänger, Grenzverletzung, subversive oder illegitime Handlungen, Raub, Rollenwechsel, Systembruch, Verlust, Verletzung …
Transgressionsminimierte Konzepte
Manche Kulturen scheinen jedoch transgressives Verhalten in ihrem Weltbild zu minimieren, so dass Konzepte des Unterwegs-Seins entstehen, die nicht explizit grenzverletzend sind. Fortbewegung in solchem Sinne wird zur gemeinsamen Bewegung von sozialem System und Umwelt, etwa in den Andensprachen und den Südseesprachen. Die Gründe sind mehrschichtig, hier nur stichwortartig:
- Reittiere, Zugtiere und Landfahrzeuge spielen keine Rolle.
- Es besteht ein völlig anderes Raum-Zeit-Verständnis bei dem Subjekt, Objekt und Raum nicht voneinander zu trennen sind. Der Zwischenraum ist voller Verbindungen zu Traditionen und Ahnen, die durch das Unterwegs-sein fortlaufend neu gewebt werden. Dies steht völlig im Gegensatz zur oben beschriebenen transgressiven dreistufigen Zeitstruktur: es gibt keinen Bruch mit der Vergangenheit und keine offene Zukunft. Die Dynamik des Unterwegs-seins unterscheidet sich damit fundamental von der eingangs definierten.
- In Polynesien reiste die Gemeinschaft in einem Boot und der Navigator analysierte Sterne, Sonne, Strömungen, das Verhalten der Tiere (Vögel, Wale), so dass die Insel zum Boot fand.
- Der andine Mensch bewegt sich mit dem Raum, weil er ebenso wie Berge, Flüsse, Sonne Teil eines sich bewegenden (lebendigen, funktionierenden) Kosmos ist (Quechua: 'Puriy') und seine Verbindungen dazu aktiviert.
- Quechua als »agglutinierende Sprache« verwendet hier nur ein Basis-Verb für Bewegung und zeigt Modifikationen an, indem spezifische Suffixe angehängt werden.
- Wortfeld: Akkommodation, Anpassung, Kontinuität, fließende Veränderung, Resonanz, lebendige Verbindungen zu Ahnen und Traditionen, Zugehörigkeit
Omar Rivera,Patrick Hajovsky
Visual Epistemologies Of Resistance:imaging Virgins And Saints In Contemporary Cusco
Revista de Estudios Globales y Arte Contemporáneo 7.1 (2020) 237-266, insbes. S. 244 ff. OnlineSusanne Kalt
2.5 Deixis, Directionality and the Morpheme pu
S. 32-34 in: Marilyn S. Manley, Antje Muntendam (Hg.): Quechua Expressions of Stance and Deixis. Leiden 2015: Brill Online-
Anwendung auf Mobilitätstypen
| Mobilitäts-Typen | |||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Kategorie | Berufspendler | Touristen | Auswanderer | Geflüchtete | Vagabunden | Globetrotter | Digitale Nomaden | Künstlerreisen | Fahrendes Volk | Pastoralnomaden | |||
| Translokation (Ort & Mensch) | Wechsel zwischen Wohn- und Arbeitsstätte | Temporäre Urlaubs-Destinationen | Gewollte Verlegung des Lebensmittelpunktes | Ungewollte Verlegung des Lebensmittelpunktes | Überlebensbedingter Ortswechsel | Kontinuierlicher Ortswechsel | Multilokale Wohnsitzrotation | Produktions- und Darbietungsorte | Tradierte Routen und Verweilorte | Klimatisch bestimmter Ortswechsel | |||
| Transport (Dinge & Stofffluss) | Alltägliche Gebrauchsobjekte in zweckdienlichen Versorgungssystemen | Konsumgüter, ressourcenintensiv, Souvenirs | Gesamthausrat, Umzugscontainer, Verschiffung | Minimale Überlebenshabe | Mobiler Notbesitz | Tragbare Basisausrüstung zur Selbstversorgung | Digitale Arbeitswerkzeuge | Produktionswerkzeuge und Kunstgüter | Mobile Wohn- und Arbeitsstätten | Lebendes Inventar (Herden) und zerlegbare Behausungen | |||
| Transition (Alltag & Gewohnheiten) | Fragmentierter Alltag | Kompensatorischer Alltag | Strukturelle Neuorganisation | Übergangszustand (Flucht, Lager, Asyl) | Prekär improvisierter Alltag | Improvisierter Alltag | Integrierter Arbeits-, Freizeit- und Reisealltag | Routinen in Ateliers, Bühnen … | Kollektiver Wanderalltag | Natur- und herdenzentrierter Kollektivalltag | |||
| Transfer (Medien & Wissen) | Lokale Erwerbs- und Kommunikationsmedien | Statuskommunikation Instagram, Ansichtskarten, Urlaubsdias | Bikulturelle Codierung von Fachwissen, Kultur, Sprache | Existenzielle Navigation, Camouflage, Heimatkontakt | Informelle und existenzielle Überlebensnetzwerke | Situativer Austausch: Fluides Wissen | Globale Netzwerkkommunikation | Ästhetischer Code | Orale Erzähltradition und -muster | Oral tradiertes ökologisches und geografisches Wissen | |||
| Transformation (Weltbild & Werte) | Systemerhaltend | Gestaltung einer temporären Wohlfühl-Identität | Biografische Restrukturierung | Existenzieller Identitätswandel | Systemische De-Institutionalisierung | Identitätsbildung durch Mobilität | Translokale Identität | Künstlerischer Ausdruck | Nomadische Identität | Kollektive Identität über Clan, Herde und Natur | |||
| Transgression (Normen & Grenzen) | Normkonform | Institutionalisierte Sonderrechte | Rechtliche Akkulturation | Völkerrechtliche Schutzsuche | Stigmatisierter Eigensinn | Normative Indifferenz | Arbitrage von Rechts- und Steuersystemen | Kunstfreiheit | Temporäre Sondernutzungsrechte | Tradierter Raumnutzungsrechte vs. nationale Grenzen | |||
| Mobilität | Zirkulär | Residentiell | Liquide Mobilität (Lifestyle-Migration) | Translokale Mobilität | |||||||||
Anwendung auf Konzepte des Unterwegs-Seins
... im Deutschen
| Konzepte des Unterwegs-Seins | |||
|---|---|---|---|
| Kategorie | Gang | Reise | Fahrt |
| Translokation (Mensch & Ort) | Schrittweise Ortsveränderung auf tradierten Gemeinschaftspfaden: Ausgang, Durchgang/Übergang, Eingang. Der Rückweg ist kein Rückgang wird semantisch oft ausgelassen, wenn es kein explizit zyklischer Gang ist: Umgang, Rundgang, Müßiggang. | Temporäre Ortsveränderung über geografische und kulturelle Grenzen hinweg: Aufbruch, Fortbewegung, Zielerreichung, Rückkehr. | Weiträumige Raumüberwindung mit Hilfe von Fahrzeugen: Hinweg, Wendepunkt, Heimkehr. |
| Transport (Dinge & Stofffluss) | Körpernaher Transport (Tragen) von Alltags- und Gebrauchsobjekten. Minimalistischer Stofffluss. | Transport von Waren, Waffen sowie notwendiger und statusrelevanter Ausrüstung zur Wertschöpfung (Handel, Raub). Asymmetrischer Transport: Akkumulation von Souvenirs, Reliquien, Beute). | Massenhafter fahrzeuggebundener Personen- und Gütertransport. |
| Transition (Alltag & Routine) | Schwellengänge aus privaten und vertrauten Räumen heraus. Vollzug einer Pflicht oder Sendung mit finaler Aufgabenerfüllung im körpereigenen Tempo. | Der Alltag unterwegs im Zwischenraum als liminale Passage bis zur Rückkehr. | Ein von Wetter, Zugtieren, Technik und Infrastruktur bestimmtes Zeitregime bestimmt den Alltag von Passagieren, dieser wird bewegt und geht nicht selber. |
| Transfer (Medien & Wissen) | Die visuelle Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung im Gehtempo und informelle, orale Kommunikation über den vorgezeichneten Weg. Botengang und Dienstgang als oraler und haptischer Wissenstransfer. Abweichen als Irrgang. | Übersetzung und Dokumentation des Fremden durch Notiz- und Tagebuch, Zeichnung und Fotografie, Kartierung und dem Sammeln lokalen Wissens als Brücke zwischen Herkunfts- und Zielraum. Das Misslimgem zeigt sich als Kulturschock oder Desorientierung. | Navigationstechnologien und Fernkommunikation während der Bewegung, Fluss von Orientierungs- und Steuerungswissen zur Raumbeherrschung - ohne dies wird es eine Irrfahrt. |
| Transformation (Weltbild & Identität) | Unmittelbare körperliche Selbst- und Raumerfahrung in der Gemeinschaft. Der Gang ist legitimiert durch den Vollzug des Weges als meditative Selbsterfahrung, Prozessionsgang oder Bittgang. | Identitätswandel durch Konfrontation mit dem Anderen: Bildung, Reifung, Horizontverschiebung. Die Reise ist historisch legitimiert durch Nutzen (utilitas/profit) und Ehre (honneur), heute durch Erholung. | Verschmelzung von Mensch und Werkzeug (Ritt, Wagenfahrt) mit Kontrollabgabe an die Technik. Verändertes Raum-Zeit-Bewusstsein durch das Erleben von „Nicht-Orten“ in der Infrastruktur. Die Fahrt ist legitimiert durch neue Möglichkeitsräume mittels Beschleunigung. |
| Transgression (Normen & Grenzen) | Überschreiten unsichtbarer sozialer Codes im Raum (unbefugtes Betreten, Schleichwege), durch weglose (Jagd) und zweckfreie Gänge (Wandern, Flanieren, Müßiggang) bis hin zum Vagabund. | Gewaltsames Überschreiten von Grenzen oder kultureller Normen (Konfrontation mit fremden Sitten, Tabubrüche) als Grenzgänger, Überläufer oder Heimkehrer als Narr und Trickster. | Systembruch der Infrastruktur (Schwarzfahren, Geschwindigkeits-überschreitung, Gestrandete) oder von Normen (Kaperfahrt, Schmuggel) als Fahrensmann. |
... im Englischen
| Konzepte des Unterwegs-Seins | |||
|---|---|---|---|
| Kategorie | Travel | Journey | Voyage |
| Translokation (Mensch & Ort) | Der Aufbruch als Ausbruch des Einzelnen aus der Gemeinschaft und als mühsamer Alleingang in Form einer kontinuierlichen, raumgreifenden Ortsveränderung, wobei Geschwindigkeit und Rhythmus durch unvorhersehbare Widerstände blockiert werden. | Ursprünglich der Aufbruch zum Tagwerk, die Tagesstrecke als Etappe einer Gesellenwanderung des Journeyman, heute allgemein eine Strecke von A nach B zurücklegend. | Die Passage weiter Räume (Meere, Wüsten) und unsicherer Rückkehr. |
| Transport (Dinge & Stofffluss) | Notwendiges Reisegepäck. | Werkzeug für die handwerkliche Tätigkeit, Wanderkluft, die Logistik ist durch Tagesstrecke und Tageslohn begrenzt. | Selbstversorgung (viaticum) und logistische Reisetechnik sowie Fernhandelswaren, die Logisitk ist auf lange Sicht und akkumulierend angelegt. |
| Transition (Alltag & Routine) | Fragmentierter, mühsamer Alltag durch Bewältigung von Hindernissen, unvorhersehbare Ereignisse, erzwungene Pausen, Dauer des Unterwegs-Seins. | Der durch Etappen, Auftrag und Tätigkeit bestimmte Alltag. | Der Alltag im Zwischenraum wird durch die Hierarchie auf engem Raum (Schiff, Karawane, Expedition) und deren je spezifische Organisationsformen bestimmt: ein kollektives, institutionelles System auf Zeit. |
| Transfer (Medien & Wissen) | Orientierungswissen unter erschwerten Bedingungen; Gefahr des Orientierungsverlustes in der Wildnis. | Wanderbuch mit Arbeitsstationen zur Kontrolle durch Meister, Zunft, Staat; Gefahr des Verlustes der Zeugnisse mit nachfolgender Kriminalisierung. Zeichen der Tätigkeit | Navigation, Logbuch, Kartierung; Gefahr des Ausfalls der Instrumente |
| Transformation Weltbild & Identität | Ursprünglich Individuation, heute auch mass travel. Legitimation durch Bewältigung des Unterwegs-Seins. | Handwerkliche Reifung Legitimation durch Pflichterfüllung, Taglohn und Erwerb. | Horizontverschiebung Legitimation durch die erfolgreiche Heimkehr; Gewinn von Prestige, Privilegien, Monopolen. Akteure als verlängerter Arm der Krone. |
| Transgression (Normen & Grenzen) | Bruch sozialer Bindungen durch das Verlassen der Heimat führt zum Status des Outsiders, Fremden, Einzelgängers. | Übergang vom Wandergesellen zum Vagabunden durch Systembruch. | Nationales Recht wird mitgeführt und kollidiert mit anderen Rechtsräumen, z. b. auf hoher See oder im »Niemandsland «, dabei wechselt die Rolle vom Seemann zum Freibeuter oder Piraten (Raub), vom Entdecker zum Kolonisator (Landnahme). |
Alle drei Begriffe sind über das Normannische nach 1066 aus dem Altfranzösischen übernommen worden und haben lateinische Wurzeln.
... im Französischen
| Konzepte des Unterwegs-Seins | |||
|---|---|---|---|
| Kategorie | Marche | L'Errance | Tour |
| Translokation (Mensch & Ort) | Kollektive Ortsveränderung mit festen Schritten, synchron in Formation | Anhaltende großräumige Ortsveränderung ohne festes Ziel. Aufbruch, Abweichen, Umherstreifen | Zyklische Bewegung in geplanten Etappen ohne Umwege vom Startort. Der Zweck erfüllt sich bei der Rückkehr (Inbesitznahme, Inspektion, Grand Tour). |
| Transport (Dinge & Stofffluss) | Transportlogistik für Waffen, Ausrüstung und Versorgung (Tross) zur optimalen Marschorganisation. | Körpernaher Transport (Tragen) des Nötigsten. Minimalistischer Stofffluss als Befreiung von äußerer Versorgung. | Transport von Reisegepäck und Repräsentationsutensilien zur Statussicherung |
| Transition (Alltag & Routine) | Kollektive Pflichten und Disziplin in vorgegebenem Zeitregime bei gleichförmiger Schrittfrequenz. | Der Alltag unterwegs im Zwischenraum als liminale Passage. | Der Alltag als ritualisierter Pflichtzyklus mit strukturiertem Zeitplan bis zur Rückkehr. |
| Transfer (Medien & Wissen) | Erkundung (reconnaissance) zur strategischen Orientierung und Marschplanung geht dem Marsch voraus. | Erfahrungswissen akkumuliert durch aufmerksame Beobachtung. Es scheitert etwa, wenn Nebel aufzieht oder die Nacht anbricht oder man vom Weg abkommt. Auch das Aushalten von Orientierungsverlust kann gelernt werden. | Sammlung und Dokumentation von Sehenswürdigkeiten, Bildungsgütern, Zuständen … zur späteren Bewertung. |
| Transformation (Weltbild & Identität) | Identitätsstärkung durch kollektive Stärke. Physische Präsenz setzt Ansprüche. Legitimation durch Befehl und Gehorsam. | Identitätswandel durch „Quest“ im Grenzbereich zur Wildnis. Legitimation durch das Annehmen der Aufgabe (Tapferkeit). | Aneignung des Fremden als Autopsie (J'ai vu) verbunden mit der Glaubhaftigkeit (crédibilité) der Person wird nach der Rückkehr in Prestige übersetzt wird. Legitimation durch Bildung, Erholung. |
| Transgression (Normen & Grenzen) | Kollektives Sichtbar-Machen und Besetzen von Raum | Schwellenübertritt in den Zwischenraum, früher als chevalier errant, heute als Vagabund mit dem Verlust des bürgerlichen Status. | Sittliche Freizügigkeit im vorübergehenden Verlassen vertrauter Komfortzonen mit garantierter Rückkehr (Tourist/Rundreisender). |
Während L'Errance und Tour lateinische Wurzeln haben, zeigt Marsch gemeinindogermanische Wurzeln, so auch im fränkischen *marka im Sinne eines Grenzstreifens.
... im Russischen
| Konzepte des Unterwegs-Seins | |||
|---|---|---|---|
| Kategorie | Путешествие Puteschestwije | Дорога Doroga | Странствие Stranstwije |
| Translokation (Mensch & Ort) | Geplante Ortsveränderung über mittlere bis große Distanzen: Aufbruch, Stationen, Ankunft, Rückkehr. | 'auf der Straße sein' , die Straße als geschützter Raum durch die Natur, unterwegs von A nach B im Fahrzeug; extreme geografische Distanzen und die Überwindung von Naturräumen bestimmen den Rhythmus. | Weiträumige, ungebundenes und zielloses Umherschweifen |
| Transport (Dinge & Stofffluss) | Persönliche Ausrüstung und Versorgung für die geplante Route. | Fahrzeug- oder tiergebundener Transport von Waren, Gütern, Reisegepäck auf etablierten Handels- und Verkehrswegen. | Minimalistischer, körpernaher Transport notwendiger Utensilien, abhängig von Almosen und Barmherzigkeit. |
| Transition (Alltag & Routine) | Der geplante Alltag unterwegs, das geordnete Schreiten im Kollektiv (ursprünglich 'Prozession'). | Der durch Verkehrsmittel, Straßenzustand, Stationen und Witterung bestimmte Alltag. | Improvisation und Verzicht im Zwischenraum. |
| Transfer (Medien & Wissen) | Sammlung von Eindrücken, landeskundlichen Informationen, Reisebericht, Skizzen und Tagebücher. | Logistisches Wissen, zur Infrastruktur, Nachrichtenaustausch an Nicht-Orten, persönlicher Austausch von Erfahrungswissen. → Ям | Know-How des Überlebens, Bettelgebete |
| Transformation (Weltbild & Identität) | Horizontverschiebung Legitimation durch Erholung, Bildung, Entdeckung. | Zwischen Heimat und Fremde sind Reisende als Passagiere oder Fahrer existentiell ausgeworfen und ausgeliefert im weiten Raum. Legitimation durch Zweck (Besuch, Handel). | Spirituelle Einsichten, Der Weg zum Selbst durch Entsagen → Jurodiwy Legitimation durch Wahrheits- und Sinnsuche. |
| Transgression (Normen & Grenzen) | Überschreiten administrativer Grenzen Verlassen der Komfortzone; der Reisende kann zum Entdecker werden. | Das Verlassen der Trasse als Übergang in die Wildnis, das Verlassen der planmäßigen Route (Verlaufen, Abwege); der Reisende kann zum Gestrandeten oder Verschollenen werden. | Heimatlos und besitzlos außerhalb aller Normen als Pilger, Wandermönch, Prophet … |
Путешествие (Puteschestwije) setzt sich zusammen slawischen Wurzeln путь (Weg, Pfad) und шествие (das Schreiten, der Zug mit anderen), also gezieltes und geordnetes Gehens auf einem vorgegebenen Weg mit einem Zweck (Händler, Gesandte, Forscher).
Дорога (Doroga) bedeutet heute konkret Straße, ursprünglich bezeichnete es eine geschlagene Bahn durch den Wald oder den gebahnten Weg durch unwegsames Gelände zwischen bewohnten Orten.
Странствие (Stranstwije) leitet sich ab von страна '(fremdes) Land' und ist verwandt mit странный (fremd, seltsam) und странник, dem Wanderer in der Fremde. Kulturell wurzelt es in der orthodoxen Tradition des religiösen Wanderns und der Gottsuche.
→ Liste der Reisestile im Russischen
→ Liste von Führern in Russland und Sibirien
→ Promyšlenniki, Puteschestwennik, Stranničestvo, Strannik
... im Semitischen
| Konzepte des Unterwegs-Seins | |||
|---|---|---|---|
| Kategorie | سفر Safar | رحلة Rihla | سياحة Siyāḥa |
| Translokation (Mensch & Ort) | Funktionale, zweckbestimmte Ortsveränderung (z. B. Boten Absenden (saffara). Die Etymologie ('Enthüllen') deutet das Sichtbarwerden im weglosen Raum an (Entblößung), außerhalb von Heimat oder Oase. | Zyklische oder lineare Großbewegung (Pilger- oder Handelskarawane) in organisierten Etappen, die vom Lasttier (Esel oder Kamel) abhängig sind: Aufbruch durch Satteln (r-h-l), kollektives Bewegen von Oase zu Oase entlang etablierter Routen nach Mekka. | Anhaltendes, absichtsloses und wegeloses Wandern von Derwischen ohne ein geographisches Ziel |
| Transport (Dinge & Stofffluss) | Hochfrequenter Transport von Dokumenten (Schreiben), Verträgen (Kaufbriefen), Nachrichten sowie Fernhandelsgütern (hebr. soḥer) von hohem Wert.. | Packtiergestützter Massentransport (Kamel-/Esel-Karawanen) von Handelswaren und überlebenswichtiger Ressourcen (Zelte, Wasser). „Metabolische Logisitk“ durch Nutzlast, Futter und Wasserbedarf der Tiere. | Verzicht auf Transportmittel und minimalistischer Besitz |
| Transition (Alltag & Routine) | Ein durch Routenpläne, Wechselstationen (Poststationen) und logistische Taktung bestimmtes Zeitregime gliedert den Alltag des Akteurs. | Der Alltag wird strukturiert durch die Saisonalität, Tageshitze, Erreichbarkeit von Wasserstellen, aber auch durch die Hierarchie und Disziplin der Karawane sowie durch Gebetszeiten. | Auflösung jeglicher Alltagsroutine durch Isolation und Entbehrung im Zwischenraum ohne ein Ankommen, sondern im dauerhaften Zustand des Ungreifbar-Seins. |
| Transfer (Medien & Wissen) | Dekrete, Briefe und Orientierungswissen; Senden, Schreiben und Zählen; Scheitern führt zum administrativen Kontrollverlust. | Wissen zur überlebenswichtigen Logistik (Rhythmus, Wasserstellen). Landeskundliche Dokumentation von Geografie, Sitten und Rechtssystemen. Rihla als Reisebericht. | Erfahrungswissen durch die spirituelle Praxis des Wanderns (Sulūk); Scheitern führt zu Wahn oder närrischem Verhalten. |
| Transformation (Weltbild & Identität) | Statusfestigung als Gesandter, Bote oder Fernhändler; Legitimation durch Vertragserfüllung, Zuverlässigkeit und Profit. | Legitimation durch den Erfolg des Karawanenführers, für den nach Wissen strebenden und reisenden Gelehrten und den Heimkehrer (Haddschi). | Transformation des Selbst zum spirituellen Reisenden (Sālik) oder Entsagenden; Legitimation durch Askese, Gottvertrauen und innere Einkehr. |
| Transgression (Normen & Grenzen) | Kontrolliertes Überschreiten territorialer, hoheitlicher und administrativer Grenzen im legalen Status des geschützten Grenzgängers (Gesandten). | Durchquerung ungesicherter Räume mit der Gefahr von Beduinenüberfällen unter Etablierung eines eigenen, fluiden Ordnungs- und Schutzsystems als geschlossener Karawanenverband, disziplinierend nach innen und sichernd nach außen. | Der freiwillige Übergang in Heimat- und Bindungslosigkeit als asketischer Wanderer (Sālik / Derwisch). Im Gegensatz dazu der sozial ausgestoßene Dichter (Ṣuʿlūk) in seinem Vagabundentum (Ṣaʿlaka). |
Mensch und Esel waren ab etwa 4.000 BC unterwegs, aber erst mit dem Kamel waren weite Wüstendurchquerungen möglich, also nach 1.000 BC. Karawanen waren also auch ohne Kamel möglich. Da Esel täglich trinken müssen, sind Tagesetappen nach Wasservorkommen strukturiert.
Rihla zeigt einen Zusammenhang mit dem arabischen Verb raḥala (رحل) „ein Kamel satteln“, „aufbrechen“.
Sefer (das Buch/Schreiben), Sofer (der Schreiber) und Safar (die Reise) sind über die Grundbedeutung des „Einkerbens, Zählens und Erfassens von Zeichen“ miteinander verwandt. Botensysteme mit schriftlichen Nachrichten setzen Schrift- und Zählsysteme voraus sowie Hierarchien und Administrationen wie es sie wohl zuerst in Akkadien (*proto-semitische Wurzel s₁-f-r, auch: *ŝ-p-r, *ś-p-r) gab.
Siyāḥa bezeichnet ursprünglich eine fließende und anhaltende Bewegung. Die vorislamischen Ṣaʿālīk waren sozial ausgestoßene Vagabunden-Dichter, während die Sufi-Derwische freiwillig heimat- und bindugslos ein asketisches Ideal lebten. Heute ist Siyāḥa synonym zu Tourismus.
Ḥaddsch bezeichnet eine Rundreise, nutzt Karawanen und hat vorislamische Wurzeln.
→ Semitische Sprachen
→ Zeitleiste arabischer Reisender
→ Fahrende Händler in Afrika und im arabischen Raum
→ Liste von Führern zwischen Westafrika und Zentralasien
→ Arabische Bezeichnungen für Weg
→ Reisestile im semitischen Sprachraum
→ Das Botenwesen zwischen Zweistromland und Nil
... im Chinesischen
| Konzepte des Unterwegs-Seins | |||
|---|---|---|---|
| Kategorie | 路 lù (inkl. 路上 lùshang) | 旅 lǚ / 旅行 lǚxíng | 游 yóu / 旅游 lǚyóu (inkl. 游客 yóukè) |
| Translokation (Mensch & Ort) | Konkrete Ortsveränderung auf einer Straße oder Bahn; Zustand des Unterwegs-Seins von A nach B auf dem Weg. | Weiträumige, formelle Ortsveränderung; Verlassen des Heimatortes; Ziehen an einen fremden Ort. | Großräumige Ortsveränderung zum Vergnügen oder zur Erholung; kein dauerhafter Umzug, kein berufliches Pendeln. |
| Transport (Dinge & Stofffluss) | Güter- und Personenbewegung auf Verkehrswegen (Mobilität). | Mitführen von logistischer Ausrüstung für Gruppen (historisch: Militär) oder von notwendigem Reisegepäck und Proviant. | Mitführen von persönlichem Gepäck für die Freizeitgestaltung und Erholung. |
| Transition (Alltag & Routine) | Bewältigung des alltäglichen Transits; Einbindung in Verkehrsflüsse und Routenpläne. | Strukturierter, formeller Alltag unterwegs (Geschäftsreisen, historischer Militärmarsch); Übernachtung in Herbergen (Lǚshàn). | Alltag im Zustand des sorglosen Umherschweifens („Sich im Wasser treiben lassen“); Lösung von Arbeitsroutinen im Urlaub. |
| Transfer (Medien & Wissen) | Austausch von reisebezogenen Informationen; Navigation auf der konkreten Trasse. | Dokumentation von Reiseerlebnissen, Routenwissen und geschäftlichen oder militärischen Daten. | Erkundung fremder Orte; Aufnehmen von Eindrücken und touristischem Wissen. |
| Transformation (Weltbild & Identität) | Übertragung des konkreten Weges auf das persönliche Leben: Erreichen von Zielen („auf dem richtigen Weg sein“). | Statusänderung vom Einheimischen zum Fremden/Reisenden (旅客 lǚkè); Identitätswachstum durch das Bewältigen des fremden Raums. | Identitätswandel zum sorglosen, wandernden Akteur (游客 yóukè) durch daoistisch geprägtes, zweckfreies Umherschweifen; Erholung und Freizeitidentität. |
| Transgression (Normen & Grenzen) | Abweichen vom vorgegebenen, richtigen Pfad (Übertritt im konkreten oder übertragenen Sinne). | Kollektives, historisch militärisches Überschreiten von Territorialgrenzen; Eindringen einer organisierten Gruppe in fremde Räume. | Vorübergehendes Verlassen des bürgerlichen Pflichtenraums hin zum zweckfreien, absichtslosen und wegelosen Wandern außerhalb alltäglicher Normen. |
路 lù (Lu4)
Konkret ein Weg, auch übertragen auf 'auf dem richtigen Weg sein', während 道 (dào) einen philosophischen Weg oder Lebensweg bezeichnet.
旅 lǚ (lv3)
Unterwegs sein, ursprünglich im militärischen Kontext eine marschierende Gruppe von 500 Soldaten bezeichnend, 'vielen Menschen, die gemeinsam an einen fremden Ort ziehen', heute auch als Freizeitgestaltung oder für Geschäftsreisen.
lǚ erscheint kombiniert als Lǚshàn (Herberge), als 旅行 (lǚxíng, reisen) oder 旅客 (lǚkè, Reisender) in einer alltäglichen Konversation.
Schuessler, A.
ABC Etymological Dictionary of Old Chinese.
University of Hawai'i Press 2007. (Eintrag zu „lǚ“ [旅], S. 367–368)- 旅 详细解释, digitale Version des Wörterbuchs Shuōwén Jiězì (ca. 100 n. Chr.)
旅游 (旅遊) lǚyóu (lv3 you2)
lǚyóu bezeichnet den Tourismus (Freizeit, Urlaub), nicht den Umzug in eine andere Stadt, Geschäftsreisen oder das berufliche Pendeln. Es kann als Verb (我喜欢旅游) 'Ich bin gerne unterwegs' und als Substantic (出国旅游) 'Fernreise' verwendet werden.
Die Reisebranche heißt lǚyóuyè (旅游业).
旅游 (yóu lǚ) meint die Tätigkeit, unterwegs zu sein, zum Vergnügen, zur Erholung oder zur Erkundung. Es kann sowohl schriftlich formell als auch alltagssprachlich verwendet werden.
旅行 lǚxíng
Lǚxíng ist allgemeiner und formeller als lǚyóu und umfasst jede Art von Reise.
路上 lùshang (lu4 shang5)
lù shàng kann sich sowohl auf die konkrete Straße beziehen als auch auf den Vorgang des unterwegs-seins. Er wird verwendet, wenn es um Reisepläne oder Reiseerlebnisse geht, die das persönliche Leben beeinflussen, also Abenteuer, persönliches Wachstum oder Erkundungen betreffen.
游客 yóukè
Bezeichnet heute Touristen, wobei kè die Figur bezeichnet und yóu die Intention ('umherschweifen'); zugrunde liegt die Vorstellung „Sich sorglos im Wasser treiben Lassen“ mit den Radikalen für Wasser und für Weg.
Fraser, Chris
Zhuangzi: Ways of Wandering the Way.
Oxford 2024: Oxford University Press.
Zur Bedeutung von 游 (yóu) als „Wandern“ im Daoismus.
出行 chūxíng
Bedeutet „Hinausgehen und sich fortbewegen“, zusammengesetzt aus 出 chū 'herauskommen, verlassen' und 行 xíng 'gehen'. Es beschreibt zweckorientiert und emotional neutral den alltäglichen Akt Haus oder Heimatort zu verlassen, um einen Gang anzutreten: zur Arbeit pendeln, in der Stadt einzukaufen usw. im Sinne von Verkehr und Mobilität. Jede 旅行 (lǚxíng) setzt einen Aufbruch 出行 (chūxíng) voraus, aber nicht jedes chūxíng ist eine 旅行 (lǚxíng).
(Quellen: https://zi.tools/; https://mandarintemple.com/chinese-dictionary; https://fluentide.com/chinese/vocabulary)
Konstanten der verschiedenen Formen des Unterwegs-Seins
In den untersuchten Sprachräumen besitzt jede Sprache mehr als einen Begriff für das Unterwegs-sein. 2) Jede Kultur scheint das Phänomen sprachlich zu differenzieren:
- nach dem Modus:
- nach der Richtung des Zweckes:
- exogen zum Nutzen der Herkunftsgemeinschaft (Handel, Pflicht, Erwerb)
- endogen zur Transformation, Reifung oder Auflösung des Selbst (Sinnsuche, Askese, Erkenntnis)
- nach dem Sinn (über die Navigation als topographische Orientierung hinaus)
Zeit als Modifikator
Die Zeit wirkt in den diskutierten Konzepten nur begrenzt begriffsbildend (Journey). Begriffe, die etwa „eine Reise von zwei Stunden“ bezeichnen oder „eine Reise im Sommer“ gibt es nicht. Vielmehr modifiziert Zeit die Konzepte etwa durch Dauer, Zyklen, Dehnung usw. Der Rhythmus des Unterwegs-Seins manifestiert sich als zeitliche Taktung von Bewegung und Stillstand auf drei Ebenen:
- Die Zielsetzungen und Anforderungen, die das Geschwindigkeitsregime definieren.
- Determinanten des Grund-Rhythmus als geplante Taktung:
- Die zirkadiane innere Uhr und die biologischen Belastungsgrenzen des Reisenden und seiner Begleiter.
- Die Ruhe-, Futter- und Tränkungsfrequenzen der Reit-, Zug- oder Lasttiere.
- Die meteorologischen Bedingungen: Saisonalität, Tageslichtlänge, Klima
- Die topografische Beschaffenheit des Wegenetzes.
- Störfaktoren:
- Latenz: Informationsverlust durch veraltete Karten oder Informationen, verzögerter Informationsfluss, gestörte Kommunikation.
- Institutionelle Kontrollsysteme (Grenzen, Mautstationen) und deren Funktionsträger.
- Akute Witterungseinbrüche (Sturm, Eis, Starkregen).
- Unvorhersehbare Unfälle, Überfälle, Katastrophen oder Krankheiten.
Beförderungssysteme als organisierte Raumüberwindung verstetigen den Rhythmus und entziehen dem personalen System die Verfügung über die Zeit. Betrachtet man die natürlichen Bedingungen des Unterwegs-seins ohne Störfaktoren und Beförderungssysteme, so gibt es das Phänomen der Wartezeit nicht.
Alle anderen Phasen sind funktional: Nachtruhe, Rast, Rückzug, Rüstzeit, Nahrungsaufnahme usw. Dabei konstituieren sich spezifische Orte des Unterwegs-Seins, die nach innen durch die funktionalen Randbedingungen (Bedürfnisse) des soziotechnischen Systems bedingt sind (funktionale Knotenpunkte), nach außen mit der Umwelt mehr oder weniger gut korrelieren (liminale Oasen): Durst verlangt nach einer Wasserstelle, Hitze nach einem Schattenplatz, Schlaf nach einem sicheren und geschützten Raum usw.
Das Entstehen temporärer Orte
Die spezifische energetische Reichweite gekoppelter Systeme (Metabolismus von Mensch und Tier oder Leistung von Fahrzeugen mit Fahrern) bestimmt Pausen nach x Stunden zur Regeneration, die tägliche Reichweite wird durch die spezifische Durchschnittsgeschwindigkeit bestimmt. Die so entstehenden temporären Orte erzeugen eine Raumstruktur.
| Kategorie | Bedürfnis | Funktion | Eigenschaft der Zeit | Eigenschaft des Raumes |
|---|---|---|---|---|
| Translokation (Mensch & Ort) | Erschöpfung überwinden | Stillstand an einem Ort | Reichweitengrenze des mobilen Systems | Eignung als Lagerplatz Zugang zu Ressourcen |
| Transport (Dinge & Stofffluss) | Stofffluss unterbrechen, Lasten sichern | Entlastung | Akkumulationsdauer und Umschlagfrequenz bei Lageraufbau und Lastenverteilung | Geeignete Flächen und Untergrund |
| Transition (Alltag & Routine) | Regeneration: Ruhen, Schlafen, Essen, Trinken, Hygiene\\Energieaufnahme | Etablieren geschützter Routinen | Dauer der Abläufe und Synchronisation | Aufteilung in funktionale Teilräume |
| Transfer (Medien & Wissen) | Synchronisation, Orientierung | Informationsaustausch | Verweildauer, Latenz von Informationen | zentraler Ort, Kreuzung, Sammelpunkt |
| Transformation (Weltbild & Identität) | Identitätssicherung | Ereignisse verarbeiten, Ruhe finden | Zeittakt suspendieren, entschleunigen | Abgeschiedenheit, Isoliertheit und Entkopplung vom Verkehrsfluss (Rückzugsort) |
| Transgression (Normen & Soziale Strukturen) | Schutz gegen Störfaktoren | vorübergehende Erstellung eines stabilen Rechts- und Schutzraumes | Singularitäten durch Saisonalität, Tag-Nacht-Rhythmus | Begrenzung, topographische Barrieren, Engpässe |
Literatur
Farges, Patrick B.
Transit/Transfer/Transgression
Das Erzählen von “Ent-Ortung” in Anna Seghers’ Erzählungen (1924–1980).
S. 281–296 in: Exiles Traveling. Leiden 2009: Brill. DOIFrank, Michael C.
Kulturelle Einflussangst: Inszenierungen der Grenze in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts.
Zugl. Dissertation Univ. Konstanz 2005. (=Lettre). Bielefeld 2006: transcript. DOIGimmler, Antje
Mobilität als Metapher.
S. 139-154 in: Bereiter-Hahn, Jürgen (Hg.): Transformation von Menschenbildern im Informationszeitalter und Menschenbild. Berlin 2010: Springer. DOIGarth Lean,Russell Staiff,Emma Waterton(Hg.)
Travel and Transformation.
(=Current Developments in the Geographies of Leisure and Tourism ) XIII, 236 S. Burlington, VT 2014: Ashgate. Inhalt u.a.:- Jon Anderson and Kathyrn Erskine
Lifestyle travel, tropophilia and identity transformation - Drew Ninnis
Travel as critique and transgression inMichel FoucaultandColin Thubron - Shannon Walsh
The nomad, the refugee, the developer, and the migrant : four stories of inner-city travellers in Johannesburg, South Africa - Leila Dawney
Temporality, technologies and techniques of the self : long-distance walking as secular pilgrimage - Amie Matthews
Young backpackers and the rite of passage of travel : examining the transformative effects of liminality - Kimberley Peters
Material transformations : place, process and the capacity of tourist souvenirs in the home
Georg Jochum,G. Günter Voß
Piloten und andere Steuerleute – Zur Navigationskunst des mobilen Subjekts im entgrenzten Kapitalismus.
S.1–14 in: Hans-Georg Soeffner (Hg.): Transnationale Vergesellschaftungen. 35. Kongresses der DGS. Ergänzungsband, CD. Wiesbaden 2012: Springer VS. Online
Der Beitrag soll eine Lücke im Mobilitätsdiskurs füllen, indem die Zusammenhänge zwischen Mobilität und Navigation analysiert werden.Ines Linke
Thislandyourland. Tourism, Transgression and Mobility.
Kap. 17 (9 S.) in: Johnson, L. (Hg.): Mobility and Fantasy in Visual Culture. New York 2014: Routledge. DOIPaleczny, Tadeusz,Zuzanna Sławik
Transgression as a Result of Cultural Contact.
Politeja, 44 (2016) 231–250. Online
Zum Begriff, jedoch nicht auf Reisen bezogen.Dennis Porter
Haunted journeys : desire and transgression in european travel writing.
341 S. Princeton, N.J. 1991: Princeton University Press. s. Wolfzettel S. 8 InhaltSalazar, Noel B.,Kiran Jayaram(Hg.)
Keywords of Mobility: Critical Engagements.
Oxford 2016: Berghahn. DOI- Capital
- Gender
- Infrastructure
- Motility
- Regime
- Multiple Mobilities and the Ethnographic Engagement of Keywords
- Emergent and Potential Mobilities
Schabacher, Gabriele
Transport und Transformation bei McLuhan.
Medien verstehen: Marshall McLuhans Understanding Media (2017): 59-84. OnlineTorrengo, Giuliano
I viaggi nel tempo : una guida filosofica
(=Biblioteca di cultura moderna; 1212) VIII, 177 S. Riferimenti bibliografici. Glossario. Indice dei nomi. Roma, Bari 2011: GLF editori Laterza. Inhalt u.a.:- 1. Tempo ordinario e viaggi nel tempo
- 1.1 L'universo dinamico e l'universo statico
- 2.1 Eraclito contro Parmenide
- 3.1 Il paradosso di McTaggart
- 4.1 I viaggi nel tempo ordinario
- 5.1 La teoria causale del tempo e la causalità inversa
- 6.1 Futuro aperto, determinismo e fatalismo
- 7.1 Direzione del tempo ed entropia
- 8.1 Il linguaggio dei viaggi nel tempo
- 2. Viaggiare nello spaziotempo
- 1.2 Persone, oggetti ed eventi
- …
- 3. Macchine e tunnel
- …
- 4 I paradossi del viaggio nel tempo: la moltiplicazione dei viaggiatori
- …
- 5. Il possibile e l'impossibile nei viaggi nel tempo
- …
- Anhang 1. L'ABC della filosofia dei viaggi nel tempo
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