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wiki:dynamik_intentionalen_fortbewegung

Die Dynamik der intentionalen Fortbewegung im Raum

Mobilität und Motilität

Fortbewegung

Mobilität, wie sie geografisch verstanden wird, umfasst Alltags-, Reise-, Wohnmobilität und Migration. Hier liegt der Fokus auf Reisemobilität im Sinne der Konzepte des Unterwegs-Seins außerhalb des vertrauten Raumes und für längere bzw. unbestimmte Zeit. Diese »irreversible Mobilität« wirkt in stärkerem Maße auf das Selbstverständnis, das Weltbild, die eigene Identitätsfindung.

  • Carolin Liebisch-Gümüş
    Mobilität/en und Mobilitätsgeschichte.
    Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam e.V. 46 S. DOI: 10.14765/zzf.dok-2817 Online
  • Katharina Manderscheid
    Soziologie der Mobilität
    Bielefeld 2022: transcript
    Motilität u.a. S. 30 ff. mit Bezug auf Paul Virilio, Kesselring & Vogl, Vincent Kaufmann
  • Angelika Schulz
    Reisemobilität in Deutschland: Wie viel, wohin, womit?
    Entscheidungskalküle der Reisenden und Handlungsoptionen für beteiligte Akteure.
    Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Verkehrsforschung DLR 2021 Online

Motilität als persönliches Potential oder »Kapital«, derart unterwegs zu sein, setzt voraus

  • Intention
    Die persönlichen Einstellungen, Werte, Wünsche, Sehnsüchte welche dazu antreiben, aufzubrechen und unterwegs zu sein. Ist die Intention stark genug, finden sich Wege und Mittel.
  • Zugänge
    etwa zu Transportmitteln, Wegenetzen, Reisedokumenten (Reisepass, Visum, Impfungen), Geld
  • Fähigkeiten und Fertigkeiten
    selbständig unterwegs zu sein, also Kommunikation, Anpassung, Improvisation, Durchsetzungsvermögen, richtiges Verhalten im öffentlichen Raum und im Verkehr, Alltagsorganisation und Orientierung im Raum.

Die Dynamik des Translozierens

Die Folgen des Unterwegs-Seins als soziotechnisches Handlungssystem resultieren aus der Dynamik 1) der intentionalen Fortbewegung im Raum und ermöglichen die Bildung von Kategorien, die wahrgenommen werden können als ein Verschieben (Translozieren) von …:

Entität Vorgang/Fluss Manifestation Kategorie Latein. Wurzel Zeitaspekt
Mensch Ortsveränderung Lebensmittelpunkt verlässt Vertrautes Translokation locus (Ort) Geschwindigkeit
Rhythmus
Materie & Energie Stoffbewegung Logistik: Reisegepäck, Proviant, Lasten Transport portāre (tragen) Frequenz
Transportzeit
Gewohnheiten & Routinen Verhaltens-
änderung
Der Alltag im Transit (Liminalität) Transition trans-ire (übergehen) Dauer
Wartezeit
Wissen Informations-
übermittlung
Kontinuierliche Navigation & medienbasierte Datenspeicherung Transfer ferre (bringen) Aktualität
Latenzzeit
Weltbild Wahrnehmung Horizontänderung
Identitätskrise
Transformation formāre (formen) Kontinuität
Umbruch
Soziale Strukturen Assimilation
Akkommodation
Ereignishafter Norm- und Systembruch Transgression gradi (schreiten) Kipppunkt
Rollen-, Statuswechsel

Diese Systematik zeigt eine idealtypische Trennung. In der Realität des Unterwegs-Seins bedingen und durchdringen diese Kategorien einander; sie sind als Dimensionen eines integrierten Gesamtprozesses zu verstehen.
Die Dynamik entfaltet eine dreistufige Zeitstruktur: Sie bricht mit der Vergangenheit (Aufbruch aus Alltag und Gewohnheiten, Sozialem), gestaltet die Gegenwart (Warten, Erleben, Bewegen) und richtet sich über den Möglichkeitssinn auf eine offene Zukunft.

Transgression

Transgression ist wie die anderen fünf Kategorien eine Eigenschaft des Unterwegs-Seins, da solches immer Grenzen überschreitet. Die Grenzüberschreitung wird jedoch meist relativiert, indem sie

  • Ausnahmen erlaubt: Urlaub, Auswandern …
  • Figuren mit Sonderrechten ausstattet: Abenteurer, Narr, Trickster
  • Unabsichtliche Grenzüberschreitung mehr oder weniger toleriert, etwa weil die Normen von Herkunftsraum und Zielraum nicht harmonieren und bereits durch die Ortsänderung verletzt werden: Religion, Essgewohnheiten, Kleidung …
  • Absichtliche Grenzüberschreitungen unter Vorbehalt stellt: Flucht, Blinder Passagier, Migration …
Kategorie Normgebunden Entgrenzt
Translokation
(Menschen)
Urlaub: Auswanderung, Bildungsreisen, Tourismus … mit Reisepass, Visum Flucht, Migration,
Vagabondage, Vertreibung
Transport
(Dinge)
Regulärer Linien- und Frachtverkehr
Fahrplan, Passagier, Ticket, Zoll
Blinder Passagier, Havarie,
Kaperfahrten, Schmuggel
Transition
(Alltag)
Reglementierter Wanderzwang der Handwerksgesellen
Ritualisierte Alltagsroutinen auf Pilgerpfaden
Institutionalisierter Kurbetrieb
Herbergsordnungen
Abenteuer, Camouflage,
Dark Tourism, Heimatlos
Transfer
( Medien)
Recherchereisen für Kartographie und Reisebücher
Expeditionsdokumentation
Bildvorträge und Reisefotografie
Rotwelsch, Spionage
Kulturgüterraub
Plus Ultram
Völkerschauen
Transformation
(Weltbild)
Erkenntnisgewinn auf Bildungsreisen
Erbauung auf Wallfahrten
Inspiration auf Künstlerreisen
Krankheitsbilder
Ausgesetzt-Sein in der Wildnis
Voyeurismus („Human Zoos“)

Normverletzende Transgression (Wortfeld): Ambivalenzen, Aneignung, Ausbeutung, Bruch von Konventionen, Camouflage, Grenzgänger, Grenzverletzung, subversive oder illegitime Handlungen, Raub, Rollenwechsel, Spionage, Systembruch, Verlust, Verletzung …

Anwendungen

Unter diese Kategorien lässt sich der Gegenstandsraum des Unterwegs-Seins weitestgehend subsumieren, → Liste der Ausstellungen.

Anwendung auf Mobilitätstypen

Mobilitäts-Typen
Kategorie Berufspendler Touristen Auswanderer Geflüchtete Vagabunden Globetrotter Digitale Nomaden Künstlerreisen Fahrendes Volk Pastoralnomaden
Translokation
(Ort & Mensch)
Wechsel zwischen
Wohn- und Arbeitsstätte
Temporäre Urlaubs-Destinationen Gewollte Verlegung des Lebensmittelpunktes Ungewollte Verlegung des Lebensmittelpunktes Überlebensbedingter Ortswechsel Kontinuierlicher Ortswechsel Multilokale Wohnsitzrotation Produktions- und Darbietungsorte Tradierte Routen und Verweilorte Klimatisch bestimmter Ortswechsel
Transport
(Dinge & Stofffluss)
Alltägliche Gebrauchsobjekte in
zweckdienlichen Versorgungssystemen
Konsumgüter, ressourcenintensiv, Souvenirs Gesamthausrat,
Umzugscontainer, Verschiffung
Minimale Überlebenshabe Mobiler Notbesitz Tragbare Basisausrüstung zur Selbstversorgung Digitale Arbeitswerkzeuge Produktionswerkzeuge und Kunstgüter Mobile Wohn- und Arbeitsstätten Lebendes Inventar (Herden) und zerlegbare Behausungen
Transition
(Alltag & Gewohnheiten)
Fragmentierter Alltag Kompensatorischer Alltag Strukturelle Neuorganisation Übergangszustand (Flucht, Lager, Asyl) Prekär improvisierter Alltag Improvisierter Alltag Integrierter Arbeits-, Freizeit- und Reisealltag Routinen in Ateliers, Bühnen … Kollektiver Wanderalltag Natur- und herdenzentrierter Kollektivalltag
Transfer
(Medien & Wissen)
Lokale Erwerbs- und
Kommunikationsmedien
Statuskommunikation
Instagram, Ansichtskarten, Urlaubsdias
Bikulturelle Codierung von
Fachwissen, Kultur, Sprache
Existenzielle Navigation, Camouflage, Heimatkontakt Informelle und existenzielle Überlebensnetzwerke Situativer Austausch: Fluides Wissen Globale Netzwerkkommunikation Ästhetischer Code Orale Erzähltradition und -muster Oral tradiertes ökologisches und geografisches Wissen
Transformation
(Weltbild & Werte)
Systemerhaltend Gestaltung einer temporären
Wohlfühl-Identität
Biografische Restrukturierung Existenzieller Identitätswandel Systemische De-Institutionalisierung Identitätsbildung durch Mobilität Translokale Identität Künstlerischer Ausdruck Nomadische Identität Kollektive Identität über Clan, Herde und Natur
Transgression
(Normen & Grenzen)
Normkonform Institutionalisierte Sonderrechte Rechtliche Akkulturation Völkerrechtliche Schutzsuche Stigmatisierter Eigensinn Normative Indifferenz Arbitrage von Rechts- und Steuersystemen Kunstfreiheit Temporäre Sondernutzungsrechte Tradierter Raumnutzungsrechte vs. nationale Grenzen
Mobilität Zirkulär Residentiell Liquide Mobilität (Lifestyle-Migration) Translokale Mobilität

Anwendung auf Konzepte des Unterwegs-Seins im Deutschen

Konzepte des Unterwegs-Seins
Kategorie Gang Reise Fahrt
Translokation
(Mensch & Ort)
Schrittweise Ortsveränderung auf tradierten Gemeinschaftspfaden:
Ausgang, Durchgang/Übergang, Eingang. Der Rückweg ist kein Rückgang wird semantisch oft ausgelassen, wenn es kein explizit zyklischer Gang ist: Umgang, Rundgang, Müßiggang.
Temporäre Ortsveränderung über geografische und kulturelle Grenzen hinweg:
Aufbruch, Fortbewegung, Zielerreichung, Rückkehr.
Weiträumige Raumüberwindung mit Hilfe von Fahrzeugen:
Hinweg, Wendepunkt, Heimkehr.
Transport
(Dinge & Stofffluss)
Körpernaher Transport (Tragen) von Alltags- und Gebrauchsobjekten. Minimalistischer Stofffluss. Transport von Waren, Waffen sowie notwendiger und statusrelevanter Ausrüstung zur Wertschöpfung (Handel, Raub). Asymmetrischer Transport: Akkumulation von Souvenirs, Reliquien, Beute). Massenhafter fahrzeuggebundener Personen- und Gütertransport.
Transition
(Alltag & Routine)
Schwellengänge aus privaten und vertrauten Räumen heraus.
Vollzug einer Pflicht oder Sendung mit finaler Aufgabenerfüllung im körpereigenen Tempo.
Der Alltag unterwegs im Zwischenraum als liminale Passage bis zur Rückkehr. Ein von Wetter, Zugtieren, Technik und Infrastruktur bestimmtes Zeitregime bestimmt den Alltag von Passagieren.
Transfer
(Medien & Wissen)
Die visuelle Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung im Gehtempo und informelle, orale Kommunikation über den vorgezeichneten Weg. Botengang und Dienstgang als oraler und haptischer Wissenstransfer.
Abweichen als Irrgang.
Übersetzung und Dokumentation des Fremden durch Notiz- und Tagebuch, Zeichnung und Fotografie, Kartierung und dem Sammeln lokalen Wissens als Brücke zwischen Herkunfts- und Zielraum. Das Misslimgem zeigt sich als Kulturschock oder Desorientierung. Navigationstechnologien und Fernkommunikation während der Bewegung, Fluss von Orientierungs- und Steuerungswissen zur Raumbeherrschung - ohne dies wird es eine Irrfahrt.
Transformation
(Weltbild & Identität)
Unmittelbare körperliche Selbst- und Raumerfahrung in der Gemeinschaft.
Der Gang ist legitimiert durch den Vollzug des Weges als meditative Selbsterfahrung.
Identitätswandel durch Konfrontation mit dem Anderen: Bildung, Reifung, Horizontverschiebung.
Die Reise ist legitimiert durch Nutzen (utilitas/profit) und Ehre (honneur).
Verschmelzung von Mensch und Werkzeug (Ritt, Wagenfahrt) mit Kontrollabgabe an die Technik. Verändertes Raum-Zeit-Bewusstsein durch das Erleben von „Nicht-Orten“ in der Infrastruktur.
Die Fahrt ist legitimiert durch neue Möglichkeitsräume mittels Beschleunigung.
Transgression
(Normen & Grenzen)
Überschreiten unsichtbarer sozialer Codes im Raum (unbefugtes Betreten, Schleichwege), durch weglose (Jagd) und zweckfreie Gänge (Wandern, Flanieren, Müßiggang) bis hin zum Vagabund. Gewaltsames Überschreiten von Grenzen oder kultureller Normen (Konfrontation mit fremden Sitten, Tabubrüche) als Grenzgänger, Überläufer oder Heimkehrer als Narr und Trickster. Systembruch der Infrastruktur (Schwarzfahren, Geschwindigkeits-überschreitung, Gestrandete) oder von Normen (Kaperfahrt, Schmuggel) als Fahrensmann.

Anwendung auf Konzepte des Unterwegs-Seins im Englischen

Konzepte des Unterwegs-Seins
Kategorie Travel Journey Voyage
Translokation
(Mensch & Ort)
Der Aufbruch als Ausbruch des Einzelnen aus der Gemeinschaft und als mühsamer Alleingang in Form einer kontinuierlichen, raumgreifenden Ortsveränderung, wobei Geschwindigkeit und Rhythmus durch unvorhersehbare Widerstände blockiert werden. Aufbruch zum Tagwerk, die Tagesstrecke als Etappe einer Gesellenwanderung des Journeyman. Die Passage weiter Räume (Meere, Wüsten) und unsicherer Rückkehr.
Transport
(Dinge & Stofffluss)
Notwendiges Reisegepäck. Werkzeug für die handwerkliche Tätigkeit, Wanderkluft, die Logistik ist durch Tagesstrecke und Tageslohn begrenzt. Selbstversorgung (viaticum) und Reisetechnik sowie Fernhandelswaren, die Logisitk ist auf lange Sicht und akkumulierend angelegt.
Transition
(Alltag & Routine)
Fragmentierter, mühsamer Alltag durch Bewältigung von Hindernissen, unvorhersehbare Ereignisse, erzwungene Pausen, Dauer des Unterwegs-Seins. Der durch Etappen, Auftrag und Tätigkeit bestimmte Alltag. Der Alltag im Zwischenraum wird durch die Hierarchie auf engem Raum (Schiff, Karawane, Expedition) und deren je spezifische Organisationsformen
bestimmt: ein kollektives, institutionelles System auf Zeit.
Transfer
(Medien & Wissen)
Orientierungswissen unter erschwerten Bedingungen; Gefahr des Orientierungsverlustes in der Wildnis. Wanderbuch mit Arbeitsstationen zur Kontrolle durch Meister, Zunft, Staat; Gefahr des Verlustes der Zeugnisse mit nachfolgender Kriminalisierung.
Zeichen der Tätigkeit
Navigation, Logbuch, Kartierung; Gefahr des Ausfalls der Instrumente
Transformation
Weltbild & Identität
Individuation
Legitimation durch Bewältigung des Unterwegs-Seins.
Handwerkliche Reifung
Legitimation durch Pflichterfüllung, Taglohn und Erwerb.
Horizontverschiebung
Legitimation durch die erfolgreiche Heimkehr; Gewinn von Prestige, Privilegien, Monopolen. Akteure als verlängerter Arm der Krone.
Transgression
(Normen & Grenzen)
Bruch sozialer Bindungen durch das Verlassen der Heimat führt zum Status des Outsiders, Fremden, Einzelgängers. Übergang vom Wandergesellen zum Vagabunden durch Systembruch. Nationales Recht wird mitgeführt und kollidiert mit anderen Rechtsräumen, z. b. auf hoher See (Freibeutertum vs. Piraterie), koloniale Landnahme, Niemandsland … führt zum Status des Piraten, Entdeckers oder Kolonisators.

Alle drei Begriffe sind über das Normannische nach 1066 aus dem Altfranzösischen übernommen worden und haben lateinische Wurzeln.

Anwendung auf Konzepte des Unterwegs-Seins im Französischen

Konzepte des Unterwegs-Seins
Kategorie Marche L'Errance Tour
Translokation
(Mensch & Ort)
Kollektive Ortsveränderung mit festen Schritten, synchron in Formation Anhaltende großräumige Ortsveränderung ohne festes Ziel.
Aufbruch, Abweichen, Umherstreifen
Zyklische Bewegung in geplanten Etappen ohne Umwege vom Startort. Der Zweck erfüllt sich bei der Rückkehr (Inbesitznahme, Inspektion, Grand Tour).
Transport
(Dinge & Stofffluss)
Transportlogistik für Waffen, Ausrüstung und Versorgung (Tross) zur optimalen Marschorganisation. Körpernaher Transport (Tragen) des Nötigsten. Minimalistischer Stofffluss als Befreiung von äußerer Versorgung. Transport von Reisegepäck und Repräsentationsutensilien zur Statussicherung
Transition
(Alltag & Routine)
Kollektive Pflichten und Disziplin in vorgegebenem Zeitregime bei gleichförmiger Schrittfrequenz. Der Alltag unterwegs im Zwischenraum als liminale Passage. Der Alltag als institutioneller Pflichtzyklus mit strukturiertem Zeitplan und Etappenfolge bis zur Rückkehr.
Transfer
(Medien & Wissen)
Erkundung (reconnaissance) zur strategischen Orientierung und Marschplanung geht dem Marsch voraus. Erfahrungswissen akkumuliert durch aufmerksame Beobachtung. Es scheitert etwa, wenn Nebel aufzieht oder die Nacht anbricht oder man vom Weg abkommt. Auch das Aushalten von Orientierungsverlust kann gelernt werden. Sammlung und Dokumentation von Sehenswürdigkeiten, Bildungsgütern, Zuständen … zur späteren Bewertung.
Transformation
(Weltbild & Identität)
Identitätsstärkung durch kollektive Stärke. Physische Präsenz setzt Ansprüche.
Legitimation durch Befehl und Gehorsam.
Identitätswandel durch „Quest“ im Grenzbereich zur Wildnis.
Legitimation durch das Annehmen der Aufgabe (Tapferkeit).
Identitätsbestätigung durch rituelles Unterwegs-Sein im kontrollierten Raum als Statusbeweis bei der Rückkehr.
Legitimation durch Bildung, Erholung, Prestige.
Transgression
(Normen & Grenzen)
Kollektives Sichtbar-Machen und Besetzen von Raum Schwellenübertritt in den Zwischenraum, früher als chevalier errant, heute als Vagabund mit dem Verlust des bürgerlichen Status. Aneignung des Fremden durch den Blick als Autopsie (J'ai vu) verbunden mit der Glaubhaftigkeit (crédibilité) der Person wird nach der Rückkehr in Prestige übersetzt wird. Vorübergehendes Verlassen von vertrauten Komfortzonen mit garantierter Rückkehr (Tourist/Rundreisender).

Während L'Errance und Tour lateinische Wurzeln haben, zeigt Marsch gemeinindogermanische Wurzeln.

Anwendung auf Konzepte des Unterwegs-Seins im Russischen

Konzepte des Unterwegs-Seins
Kategorie Путешествие
Puteschestwije
Дорога
Doroga
Странствие
Stranstwije
Translokation
(Mensch & Ort)
Geplante Ortsveränderung über mittlere bis große Distanzen:
Aufbruch, Stationen, Ankunft, Rückkehr.
'auf der Straße sein' , die Straße als geschützter Raum durch die Natur, unterwegs von A nach B im Fahrzeug; extreme geografische Distanzen und die Überwindung von Naturräumen bestimmen den Rhythmus. Weiträumige, ungebundenes und zielloses Umherschweifen
Transport
(Dinge & Stofffluss)
Persönliche Ausrüstung und Versorgung für die geplante Route. Fahrzeug- oder tiergebundener Transport von Waren, Gütern, Reisegepäck auf etablierten Handels- und Verkehrswegen. Minimalistischer, körpernaher Transport notwendiger Utensilien, abhängig von Almosen und Barmherzigkeit.
Transition
(Alltag & Routine)
Der geplante Alltag unterwegs, das geordnete Schreiten im Kollektiv (Prozession) Der durch Verkehrsmittel, Straßenzustand, Stationen und Witterung bestimmte Alltag. Improvisation und Verzicht im Zwischenraum.
Transfer
(Medien & Wissen)
Sammlung von Eindrücken, landeskundlichen Informationen, Reisebericht, Skizzen und Tagebücher. Logistisches Wissen, zur Infrastruktur, Nachrichtenaustausch an Nicht-Orten, persönlicher Austausch von Erfahrungswissen. → Ям Know-How des Überlebens, spirituelle Einsichten
Transformation
(Weltbild & Identität)
Horizontverschiebung

Legitimation durch Erholung, Bildung, Entdeckung.
Zwischen Heimat und Fremde sind Reisende Passagiere oder Fahrer.
Legitimation durch Zweck (Besuch, Handel).
Der Weg zum Selbst durch Entsagen → Jurodiwy
Legitimation durch Wahrheits- und Sinnsuche.
Transgression
(Normen & Grenzen)
Überschreiten administrativer Grenzen
Verlassen der Komfortzone; der Reisende kann zum Entdecker werden.
Regelverstoß Infrastruktur, Verlassen der planmäßigen Route (Verlaufen, Abwege); der Reisende kann zum Gestrandeten oder Verschollenen werden. Heimatlos und besitzlos außerhalb aller Normen als Pilger, Wandermönch, Prophet …

Путешествие (Puteschestwije) setzt sich zusammen slawischen Wurzeln путь (Weg, Pfad) und шествие (das Schreiten, der Zug mit anderen), also gezieltes und geordnetes Gehens auf einem vorgegebenen Weg mit einem Zweck (Händler, Gesandte, Forscher).

Дорога (Doroga) bedeutet heute konkret Straße, ursprünglich bezeichnete es eine geschlagene Bahn durch den Wald oder den gebahnten Weg durch unwegsames Gelände zwischen bewohnten Orten.

Странствие (Stranstwije) leitet sich ab von страна '(fremdes) Land' und ist verwandt mit странный (fremd, seltsam) und странник, dem Wanderer in der Fremde. Kulturell wurzelt es in der orthodoxen Tradition des religiösen Wanderns und der Gottsuche.

Liste der Reisestile im Russischen
Liste von Führern in Russland und Sibirien
Promyšlenniki, Puteschestwennik, Stranničestvo, Strannik

Anwendung auf Konzepte des Unterwegs-Seins im Semitischen

Konzepte des Unterwegs-Seins
Kategorie سفر
Safar
رحلة
Rihla
سياحة
Siyāḥa
Translokation
(Mensch & Ort)
Funktionale, zweckbestimmte Ortsveränderung (z. B. Boten
Absenden (saffara). Die Etymologie ('Enthüllen') deutet das Sichtbarwerden im weglosen Raum an, außerhalb von Heimat oder Oase.
Zyklische oder lineare Großbewegung (Pilger- oder Handelskarawane) in organisierten Etappen, die vom Lasttier (Esel oder Kamel) abhängig sind:
Aufbruch durch Satteln (r-h-l), kollektives Bewegen von Oase zu Oase entlang etablierter Routen nach Mekka.
Anhaltendes, absichtsloses und wegeloses Wandern von Derwischen ohne ein geographisches Ziel
Transport
(Dinge & Stofffluss)
Hochfrequenter Transport von Dokumenten (Schreiben), Verträgen (Kaufbriefen), Nachrichten sowie Fernhandelsgütern (hebr. soḥer) von hohem Wert.. Packtiergestützter Massentransport (Kamel-/Esel-Karawanen) von Handelswaren und überlebenswichtiger Ressourcen (Zelte, Wasser). „Metabolische Logisitk“ durch Nutzlast, Futter und Wasserbedarf der Tiere. Verzicht auf Transportmittel und minimalistischer Besitz
Transition
(Alltag & Routine)
Ein durch Routenpläne, Wechselstationen (Poststationen) und logistische Taktung bestimmtes Zeitregime gliedert den Alltag des Akteurs. Der Alltag wird strukturiert durch die Saisonalität, Tageshitze, Erreichbarkeit von Wasserstellen, aber auch durch die Hierarchie und Disziplin der Karawane sowie durch Gebetszeiten. Auflösung jeglicher Alltagsroutine durch Isolation und Entbehrung im Zwischenraum ohne ein Ankommen, sondern im dauerhaften Zustand des Ungreifbar-Seins.
Transfer
(Medien & Wissen)
Dekrete, Briefe und Orientierungswissen; Senden, Schreiben und Zählen; Scheitern führt zum administrativen Kontrollverlust. Wissen zur überlebenswichtigen Logistik (Rhythmus, Wasserstellen). Landeskundliche Dokumentation von Geografie, Sitten und Rechtssystemen. Rihla als Reisebericht. Erfahrungswissen durch die spirituelle Praxis des Wanderns (Sulūk); Scheitern führt zu Wahn oder närrischem Verhalten.
Transformation
(Weltbild & Identität)
Statusfestigung als Gesandter, Bote oder Fernhändler; Legitimation durch Vertragserfüllung, Zuverlässigkeit und Profit. Legitimation durch den Erfolg des Karawanenführers, für den nach Wissen strebenden und reisenden Gelehrten und den Heimkehrer (Haddschi). Transformation des Selbst zum spirituellen Reisenden (Sālik) oder Entsagenden; Legitimation durch Askese, Gottvertrauen und innere Einkehr.
Transgression
(Normen & Grenzen)
Kontrolliertes Überschreiten territorialer, hoheitlicher und administrativer Grenzen im legalen Status des geschützten Grenzgängers (Gesandten). Durchquerung staatlich unkontrollierter Räume unter Etablierung eines eigenen, fluiden Ordnungs- und Schutzsystems innerhalb des geschlossenen Karawanenverbandes mit den Mitgliedern der Gemeinschaft sowie nach außen mit den Beduinen. Übergang in Heimat- und Bindungslosigkeit (Ṣaʿlaka) führt zum Status des sozial ausgestoßenen Dichters (Ṣuʿlūk) oder freiwillig zum asketischen Wanderer (Sālik / Derwisch).

Mensch und Esel waren ab etwa 4.000 BC unterwegs, aber erst mit dem Kamel waren weite Wüstendurchquerungen möglich, also nach 1.000 BC. Karawanen waren also auch ohne Kamel möglich. Da Esel täglich trinken müssen, sind Tagesetappen nach Wasservorkommen strukturiert.
Rihla zeigt einen Zusammenhang mit dem arabischen Verb raḥala (رحل) „ein Kamel satteln“, „aufbrechen“.

Botensysteme mit schriftlichen Nachrichten setzen Schrift- und Zählsysteme voraus sowie Hierarchien und Administrationen wie es sie wohl zuerst in Akkadien (*proto-semitische Wurzel s₁-f-r, auch: *ŝ-p-r, *ś-p-r) gab.

Siyāḥa bezeichnet ursprünglich eine fließende und anhaltende Bewegung. Die vorislamischen Ṣaʿālīk waren sozial ausgestoßene Vagabunden-Dichter, während die Sufi-Derwische freiwillig heimat- und bindugslos ein asketisches Ideal lebten. Heute ist Siyāḥa synonym zu Tourismus.

Ḥaddsch bezeichnet eine Rundreise, nutzt Karawanen und hat vorislamische Wurzeln.

Semitische Sprachen
Zeitleiste arabischer Reisender
Fahrende Händler in Afrika und im arabischen Raum
Liste von Führern zwischen Westafrika und Zentralasien
Arabische Bezeichnungen für Weg
Reisestile im semitischen Sprachraum
Das Botenwesen zwischen Zweistromland und Nil

Literatur

  • Farges, Patrick B.
    Transit/Transfer/Transgression
    Das Erzählen von “Ent-Ortung” in Anna Seghers’ Erzählungen (1924–1980).

    S. 281–296 in: Exiles Traveling. Leiden 2009: Brill. DOI
  • Frank, Michael C.
    Kulturelle Einflussangst: Inszenierungen der Grenze in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts.
    Zugl. Dissertation Univ. Konstanz 2005. (=Lettre). Bielefeld 2006: transcript. DOI
  • Gimmler, Antje
    Mobilität als Metapher.
    S. 139-154 in: Bereiter-Hahn, Jürgen (Hg.): Transformation von Menschenbildern im Informationszeitalter und Menschenbild. Berlin 2010: Springer. DOI
  • Garth Lean, Russell Staiff, Emma Waterton (Hg.)
    Travel and Transformation.
    (=Current Developments in the Geographies of Leisure and Tourism ) XIII, 236 S. Burlington, VT 2014: Ashgate. Inhalt u.a.:
    • Jon Anderson and Kathyrn Erskine
      Lifestyle travel, tropophilia and identity transformation
    • Drew Ninnis
      Travel as critique and transgression in Michel Foucault and Colin Thubron
    • Shannon Walsh
      The nomad, the refugee, the developer, and the migrant : four stories of inner-city travellers in Johannesburg, South Africa
    • Leila Dawney
      Temporality, technologies and techniques of the self : long-distance walking as secular pilgrimage
    • Amie Matthews
      Young backpackers and the rite of passage of travel : examining the transformative effects of liminality
    • Sarah Rodigari
      Notes on strategies for leaving and arriving home
    • Kimberley Peters
      Material transformations : place, process and the capacity of tourist souvenirs in the home
  • Georg Jochum, G. Günter Voß
    Piloten und andere Steuerleute – Zur Navigationskunst des mobilen Subjekts im entgrenzten Kapitalismus.
    S.1–14 in: Hans-Georg Soeffner (Hg.): Transnationale Vergesellschaftungen. 35. Kongresses der DGS. Ergänzungsband, CD. Wiesbaden 2012: Springer VS. Online
    Der Beitrag soll eine Lücke im Mobilitätsdiskurs füllen, indem die Zusammenhänge zwischen Mobilität und Navigation analysiert werden.
  • Ines Linke
    Thislandyourland. Tourism, Transgression and Mobility.
    Kap. 17 (9 S.) in: Johnson, L. (Hg.): Mobility and Fantasy in Visual Culture. New York 2014: Routledge. DOI
  • Paleczny, Tadeusz, Zuzanna Sławik
    Transgression as a Result of Cultural Contact.
    Politeja, 44 (2016) 231–250. Online
    Zum Begriff, jedoch nicht auf Reisen bezogen.
  • Dennis Porter
    Haunted journeys : desire and transgression in european travel writing.
    341 S. Princeton, N.J. 1991: Princeton University Press. s. Wolfzettel S. 8 Inhalt
  • Salazar, Noel B., Kiran Jayaram (Hg.)
    Keywords of Mobility: Critical Engagements.
    Oxford 2016: Berghahn. DOI
    • Capital
    • Gender
    • Infrastructure
    • Motility
    • Regime
    • Multiple Mobilities and the Ethnographic Engagement of Keywords
    • Emergent and Potential Mobilities
  • Schabacher, Gabriele
    Transport und Transformation bei McLuhan.
    Medien verstehen: Marshall McLuhans Understanding Media (2017): 59-84. Online
  • Torrengo, Giuliano
    I viaggi nel tempo : una guida filosofica
    (=Biblioteca di cultura moderna; 1212) VIII, 177 S. Riferimenti bibliografici. Glossario. Indice dei nomi. Roma, Bari 2011: GLF editori Laterza. Inhalt u.a.:
    • 1. Tempo ordinario e viaggi nel tempo
      • 1.1 L'universo dinamico e l'universo statico
      • 2.1 Eraclito contro Parmenide
      • 3.1 Il paradosso di McTaggart
      • 4.1 I viaggi nel tempo ordinario
      • 5.1 La teoria causale del tempo e la causalità inversa
      • 6.1 Futuro aperto, determinismo e fatalismo
      • 7.1 Direzione del tempo ed entropia
      • 8.1 Il linguaggio dei viaggi nel tempo
    • 2. Viaggiare nello spaziotempo
      • 1.2 Persone, oggetti ed eventi
    • 3. Macchine e tunnel
    • 4 I paradossi del viaggio nel tempo: la moltiplicazione dei viaggiatori
    • 5. Il possibile e l'impossibile nei viaggi nel tempo
    • Anhang 1. L'ABC della filosofia dei viaggi nel tempo

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1)
Das altgriechische «dýnamis» bezeichnet das Vermögen oder die Kraft, Realität zu verändern; ihre Entfaltung setzt folglich zwingend einen Möglichkeitssinn voraus, um den Raum nicht nur zu durchqueren, sondern aktiv zu gestalten.
wiki/dynamik_intentionalen_fortbewegung.txt · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke

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